Acht Fragen an Patrick Reuter und Lukas Raeber zu ihrem „Haus in Riehen“

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AB: Wie ist es zum Auftrag gekommen und wie ist das Zusammenspiel zwischen Architekt und Bauherr?
Patrick Reuter & Lukas Raeber: „Beim Haus in Riehen wurden wir von einem Freund empfohlen. Wir schätzen das sehr und gehen mit einer Empfehlung sehr sorgfältig um. Eine gute Zusammenarbeit und Projektarbeit bildet die Grundlage für weitere Aufträge. Es sind dann auch frühere Auftraggeber, Freunde und Bekannte, die unsere Arbeit schätzen und weiterempfehlen. Mundpropaganda und persönliche Beziehungen sind für uns sehr wichtig. Die Beziehung zwischen Bauherr und Architekt ist eine Entwicklung. Mehr und mehr wird ein Vertrauensverhältnis aufgebaut und über eine lange Zeit intensiviert. Als noch junger Architekt muss man sich alles erst erarbeiten und unter Beweis stellen zu was man fähig ist. Es braucht auch seitens der Bauherrschaft Mut, sich auf ein junges Architektenteam einzulassen. Unsere Erfahrung zeigt uns, dass hierfür nicht alle bereit sind und es keine Selbstverständlichkeit ist diesen Weg zu wählen. Ich glaube stark, dass unsere Bauherrschaft das in diesem Projekt sehr gut angegangen ist und diesen Schritt gut durchdacht hat. Vor allem hat sie viel Motivation mitgebracht ein aussergewöhnliches Haus unter Berücksichtigung individueller Bedürfnisse in einem Prozess zu gestalten. Wir wurden unterstützt, wo wir Unterstützung brauchten, und haben gleichzeitig viel Freiheit erhalten um Ideen zu verwirklichen.“

Wie seid ihr beim Entwurf vorgegangen? Wie habt ihr das architektonische Konzept entwickelt?
„Wir haben viele Gespräche mit der Bauherrschaft geführt, um Klarheit über die Bedürfnisse und Vorstellungen zu erhalten. Wir haben die Bauparzelle gemeinsam besichtigt und haben die genauere Umgebung erkundet. Ich kann mich erinnern, dass wir die Bauherrschaft mit Konzepten und Ideen konfrontierten. Anschliessend haben wir uns zurückgezogen und uns auf die architektonische und konstruktive Gestaltung fokussiert. Während dieser Phase haben wir keinen Dialog mit der Bauherrschaft geführt, sondern unsere Ideen entwickelt und ausgearbeitet. Wir haben unsere Interessen ausgemacht und vergleichbar mit einem Entwurfsprojekt an der Universität, uns gezielt mit wenigen Schwerpunkten beschäftigt. In einer Anfangsphase ist es sehr wichtig sich zu fokussieren und vieles auszublenden. Viele Themen erhalten so erst zum geeigneten Zeitpunkt Ihre Relevanz. Unsere Bauherrschaft haben wir erst im Anschluss an diese Initialphase wieder mit auf die Reise genommen. Die Bauherrschaft hat sich von einer tragenden Idee begeistern lassen. Weiterführenden Themen wie bspw. die Nutzungen, Funktionstauglichkeit und die präzisen Kosten sind Schritt um Schritt hinzugekommen.“

Welche architektonischen und gestalterischen Themen habt ihr behandelt?
„Wir haben uns mit zwei Themen intensiv auseinandergesetzt. Zum einen war das die unmittelbare Umgebung und das Bauen an einer Hanglage auf steinigem Untergrund. So entsprang aus dieser Gegebenheit das abgestufte Erdgeschoss, denn damit erreichten wir die Nähe und Direktheit zum Garten. Die in das Terrain eingebetteten Umgebungsmauern eröffneten uns zudem verschiedene Garten und Hofsituationen und Belichten das Erdgeschoss auch im hinteren Hausteil, wo wir uns unter dem ursprünglich gewachsenen Terrain befinden. Als Material dient uns als feste und robuste Grundlage im Erdgeschoss Sichtbeton. Als weiteres Thema haben wir ein Interesse an den frühen Bauten der Moderne in Riehen entwickelt, also am erweiterten Kontext.
Es sind bedeutende baukünstlerische und typologische Einfamilienhäuser und Künstlerateliers die ein damals neues Bauen repräsentierten und für eine aufgeschlossene Bauherrschaft und herausragende Architekten standen. Es ist eine Architektursprache, die durch einen Elementarismus der Form und der Materialien bestimmt wird. Strenge kubische Gliederung der Baukörper, Flachdach, eine glatte Fassadenhaut sind Gestaltungsmerkmale die uns beschäftigten. Hinzu kommt die Anwendung von Stahlskelett-Bauweise bei Wohnbauten, was aus bautechnischer Sicht Pionierarbeit war. Aus diesem bautechnischen und gestalterischen Verständnis und Interesse haben wir ein filigranes kubisches Haus aus Holz und Stahl, aufliegend auf lediglich zwei Betonwandscheiben entworfen.“

Welche Herausforderungen haben sich bei der Planung / Realisierung gestellt?
„Die Kombination zweier unterschiedlicher Bauweisen, des Massiv- und Leichtbaus, war auf vielen Ebenen sehr anspruchsvoll. Das gegensätzliche Konstruktionspaar brachte einen beachtlichen zusätzlichen Planungsaufwand mit sich, und zwar in beinahe jeder Phase. Angefangen bei der Planung, über die Ausschreibung und Auftragsvergabe, zum Bauprojekt und zu den Detailstudien, bis hin zur Ausführung. Es brauchte eine grosse Bereitschaft von Fachplanern, Ingenieuren und Handwerksunternehmern um die beiden Bauweisen zusammenzuführen. Die Schnittstellen sind dabei besonders sensibel. Wie werden die Bauteile nachhaltig zusammengeführt, welche Abläufe gilt es einzuhalten. Von besonderer Bedeutung ist dabei, dass der Holzbau nicht nur auf den zwei Betonwandscheiben aufliegt und vorne und hinten weit auskragt, sondern die beiden Bauweisen greifen an Schlüsselstellen ineinander. So steht eine Wand in Querrichtung über der Feuerstelle und verkeilt sich in der Holzkonstruktion, währenddessen gegenüberliegend der Holzbau mit dem Treppenaufgang vom Obergeschoss ins Erdgeschoss geführt wird. Die beiden Konstruktionen bedingen und ergänzen sich nunmehr gegenseitig. Räumlich schafft diese Herangehensweise eine heterogene Atmosphäre, wonach sich der Bewohner nie in einem reinen Holz- oder Betonbau befindet, sondern in einem Hybrid. Bautechnisch hingegen konnte der Holzelementbau erst aufgerichtet werden als der Betonbau abgeschlossen war. Dies führte beispielsweise zu der eigenwilligen Lösung, die Betonquerwand auf der kürzeren Seite mit einer Betonbadewanne und einen Betonquader zu ergänzen (Abbildung). Damit resultiert beidseitig das gleiche Gewicht und die Wand liegt ausbalanciert auf. Erst später wurde diese Betonwand mit dem Holzelementbau verankert.“

Wie würdet ihr euren architektonischen Stil beschreiben?
„Wir denken nicht, dass Stil das richtige Wort ist unsere Arbeit zu beschreiben. Die Arbeit ist das Resultat eines Prozesses und eines Interessensschwerpunktes. Damit einhergehend kann ein solcher sich wiederholender Projektfokus einen spezifischen sich wiederholenden Ausdruck zur Folge haben. Wir haben uns in den letzten drei bis vier Jahren stark mit den konstruktiven Gegensatzpaaren – massiv oder filigran, rau oder glatt, aufgehängt oder abgestützt, rational oder verspielt, oder ganz einfach Holz und Beton auseinandergesetzt. Daher kann den Arbeiten eine gewisse gleichartige Identität entnommen werden. Dennoch stehen wir als Architekten am Anfang unseres Schaffens und es werden in Abhängigkeit unserer zukünftigen Aufgaben, Konstellationen und Umfeldes vielleicht noch viele Themen und Interessen hinzukommen, die einen ganz anderen Ausdruck hervorrufen.“

Welche Architekten haben euch am meisten geprägt?
„Es ist eine Vielzahl von Architekten respektive deren Werke die inspirierend sind. Dabei sind vielleicht die Architekten, die uns in unserer Ausbildung als Professoren, während der Praktikumszeit oder später im Beruf begleitet haben massgebend. Es sind aber auch Architektenkollegen aus unserem direkten Umfeld, deren Arbeit wir verfolgen, oder es sind Architekten, Stadtplaner oder Künstler, zu denen wir keinen näheren Bezug haben uns von deren Werk dennoch oder gar umso mehr inspiriert fühlen. Gemeinsam ist dem aber, dass es selten ein Objekt als Solitär ist, welches ein Interesse weckt, sondern dessen Hintergrund, dessen Absicht und Kontext von dem in dessen Gesamtheit eine Faszination ausgeht, die prägend sein kann.“

Was war ein prägender Moment in eurem Studium oder im Berufsleben?
„Für beide gilt, dass wir während und nach dem Studium im Ausland gelebt und gearbeitet haben. Wahrscheinlich ist diese Zeit die prägendste, und zwar aus dem einfachen Grund, weil vieles so Anders ist und man sich viel intensiver bewegt. Man betrachtet die Dinge mit einem anderen Bewusstsein und versucht sie aufzusaugen. Im gewohnten Umfeld hingegen gäbe es wahrscheinlich beinahe genauso viel zu entdecken, doch ist das viel schwieriger. Die grosse Nähe und die Vertrautheit verunmöglichen es beinahe sich zu lösen und öffnen.“

Kann oder soll Architektur eine politische Funktion haben?
„Die Frage ist abhängig von der Architekturaufgabe und vom weiteren Kontext. Im Fall eines Einfamilienhauses ist die Frage nach der politischen Tragweite höchstens in der Summe relevant, nämlich dann wenn es um Planungsthemen wie Zersiedelung oder Verdichtung geht. Auf dieser Ebene haben Einfamilienhäuser fürs gebaute Umfeld eine Relevanz und die Architekten eine politische Verantwortung. Diese Verantwortung soll und kann von Architekten wahrgenommen werden, steht aber im Widerspruch mit der einfachen Notwendigkeit einer Bauaufgabe nachzukommen. Der Architekt kann sich vielleicht nur bedingt aussuchen was er baut, dafür kann er sich für das Wie einsetzen. Es ist klar, dass es Architekturprojekte gibt, die eine sehr starke politische Komponente haben, oder gar aus einem politischen Gedankengut entspringen. Ich würde sogar behaupten, Architektur kann rein politisch sein, eine starke erzieherische Tragweite haben, einem starken Repräsentativen verlangen entspringen, eine sozialpolitische Aufgabe erfüllen, oder als Infrastrukturbau neues ermöglichen. Architektur kann eine Brücke oder eine Mauer sein, also verbinden oder trennen.“

Architektur Basel dankt Patrick Reuter und Lukas Raeber für das spannende Interview.

Infos: www.reuterraeber.com

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