Andreas Bründler: „Für reine Dienstleistung ist uns die Zeit zu schade“ – Monatsinterview #4

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Sie sind in Basel nicht zu übersehen und werden immer zahlreicher: Hochhäuser. Im vierten und letzten Interviewteil sprechen wir mit Andreas Bründler unter anderem darüber. Wir beginnen das Gespräch jedoch an dem Ort, wo Buchner Bründler mit dem Lofthaus ihre Karriere fulimant lanciert haben: Der Colmarerstrasse in Basel.

Lukas Gruntz (Architektur Basel): Mit dem Lofthaus an der Colmarerstrasse habt ihr ganz zu Beginn eurer Karriere eine unglaublich starke und einprägsame Architekturikone geschaffen. Ich denke, dieser Begriff ist nicht vermessen. Mit welchen Fragen des Wohnens habt ihr euch damals beschäftigt?
Andreas Bründler: „Wir haben das Lofthaus als offenes Wohnregal verstanden. Typologisch kann man den offenen Grundriss in Mies’scher Manier sehen. Im weitesten Sinne als ein gestapeltes Farnsworth House, das dekontextualisiert, Teil des Stadtblocks wird. Es bricht den hermetischen, gründerzeitlichen Blockrand auf und schafft einen Dialog zwischen Strassen- und Hofraum. An der spezifischen Stelle an der Colmarerstrasse sind beide Räume fast gleichwertig. Der Hofraum ist räumlich und atmosphärisch sogar dichter als der Strassenraum. Das hat uns dazu bewogen, die Aussenwand komplett aufzubrechen, den Grundriss so offen wie möglich zu gestalten. Das Projekt hat auch eine ganz persönliche Vorgeschichte. Wir haben dort zuvor in den alten Bestandeshäusern gewohnt und kannten deshalb die stadträumlichen Begebenheiten und die Dichte des Ortes aus eigener Erfahrung.“

Was habt ihr daraus abgeleitet?
„Das hat uns dazu bewogen, den Ort neu zu denken. Das Haus war für uns auf jeden Fall wegweisend. Wir haben es in Eigenregie entwickelt und haben die gestalterische Freiheit auch genutzt. Der Strassenabschnitt war ein Unort, viele der umliegenden Häuser wurden durch Ertüchtigungsmassnahmen kaputtsaniert. Das visuelle Aufbrechen des Blockrands erzeugte einen stimmungsvollen, reichen Ort. Für uns waren Themen des offenen Wohnens, der Transparenz, massgebend. Erinnerungen an holländische Städte, deren Offenheit, sowie die amerikanische Loftkultur klingen an. Wir waren überzeugt, dass man über ein Haus die Stadt und das Lebensgefühl einer Strasse verändern könne. Die Offenheit des Lofthauses wirkte sich auch tatsächlich auf den Strassenraum aus. Wir hatten den Eindruck, dass die Nachbarn nach und nach offener lebten.“

Grundriss Lofthaus, 2002 © Buchner Bründler Architekten

Inzwischen habt ihr eine ganze Reihe unterschiedlicher Wohnbauten realisiert – vom Einfamilienhaus bis zum Wohnhochhaus. Du hast beim Lofthaus die Frage der Offenheit und der Transparenz angesprochen. Sind über die Jahre des Schaffens neue Themen dazugekommen? Und inwiefern haben sich die bestehenden gewandelt?
„Die Themen sind geblieben, haben sich jedoch weiterentwickelt. Beim Lofthaus haben wir die Fassade als offene Membrane aus grossformatigen Glasscheiben verstanden. Gleichzeitig wurde diese Wirkung von der grünen Glasbalustrade überlagert, die eine Filterwirkung hat und den Innenraum zu einem gewissen Grad farblich prägt. Das Thema der mehrschichtigen Fassade haben wir bei verschiedenen Wohnbauten weiterentwickelt, beispielsweise beim Garden Tower in Wabern bei Bern. Der vertikale Garten umspannt die gläserne Fassade und die Balkone als grün gefasste Zwischenräume werden dadurch zu eigentlichen Gartenzimmern. Beim Umbau an der Sevogelstrasse haben wir einen Vertikalfilter mit frei geschnittenen Lamellen entwickelt, die in der Gesamtwirkung eine skulpturale Topografie bilden. Beim Wohnhaus in Aesch erweitert ein perforierter Stahlmantel das gläserne Haus. Es ging dabei oft um das Thema der Schichtung, der Überlagerung verschiedener Bezugsräume und struktureller Systeme. Wenn ich an das Projekt Lörrach denke, das aus einem äusseren Haus in Primärform aus gegossenem Beton und einem inneren Haus als hölzerner Einbau besteht, könnte man von einem Haus-im-Haus-Prinzip sprechen, das eine hohe räumliche Komplexität entwickelt.“

„Oftmals besteht wenig Bereitschaft Neues zu denken. Da überlegen wir uns heute zweimal, ob wir bei solchen Wettbewerben mitmachen wollen. Für reine Dienstleistung ist uns die Zeit zu schade.“

Ihr baut Wohnungen für ganz unterschiedliche Bauherrschaften – von der Pensionskasse bis zur Genossenschaft. Inwiefern wirkt sich das auf den Entwurfsprozess aus?
„Wir haben Erfahrungen in der ganzen Palette an Auftraggebern: Privatleuten mit geringem Budget und denen mit unlimitiertem Budget. Investoren mit der Maxime der Renditeoptimierung und Genossenschaften mit wenig ökonomischer Kraft. Zentral interessiert uns dabei immer, ob interessante Architektur entstehen kann und ob wir unsere Konzepte kohärent umzusetzen können. Im institutionellen Segment ist dies nicht einfach. Es geht da bei den Programmen wie auch bei der Umsetzung zu oft um standardisierte Marketingvorstellungen. Oftmals besteht wenig Bereitschaft Neues zu denken. Da überlegen wir uns heute zweimal, ob wir bei solchen Wettbewerben mitmachen wollen. Für reine Dienstleistung ist uns die Zeit zu Schade.“

Andreas Bründler: „Die Rolle des Architekten wird dabei zunehmend in Frage gestellt. Sind wir einfach Umsetzungsgehilfen?“ © Armin Schärer / Architektur Basel

Das Thema wurde ein Stückweit ja auch im Schweizer Pavillon an der letzten Architekturbiennale in Venedig thematisiert. Das banale, standardisierte in der hiesigen zeitgenössischen Wohnproduktion. Das hat sicherlich auch mit den Bauträgern zu tun.
„Ja. Zudem hat das mit der zunehmenden Umsetzung von Bauprojekten mit Totalunternehmern zu tun. Bauträger oder Anleger können sich so Gewährleistung und Sicherheit einkaufen geben die gestalterische Prägung dafür ab. Die Rolle des Architekten wird dabei zunehmend in Frage gestellt. Sind wir einfach Umsetzungsgehilfen? Die grossen Baufirmen haben sich zur Genüge mit den neuen Technologien wie BIM ausgerüstet und können dadurch die Standardisierung noch einfacher und effizienter vorantreiben, auch ohne architektonischen Anspruch. Ich stelle mir schon die Frage, wer eigentlich in diesen Standardwohnungen leben will? Anscheinend funktioniert es ökonomisch noch zu gut. Es ist nach wie vor so, dass der Wohnungsmarkt besonders in städtischen Gebieten noch nicht gesättigt ist. Das ist vergleichbar mit der Bekleidungsindustrie. So lange die Menschen graue Kleider kaufen, werden graue Kleider produziert. Sie kommen nicht auf die Idee, neue Farbwelten zu erschliessen. Das wäre zu risikohaft. Das macht wenig Sinn und auch keinen Spass. Wir wollen uns mit Architektur beschäftigen, experimentieren und Häuser entwickeln, die es noch nicht gibt, am Puls der Zeit, am Bedürfnis einer kommenden Gesellschaft.“

„Die Menschen wollen wissen, wo sie sind, wo sie schlafen. Sie wollen nicht in Bubble irgendeiner standardisierten Hotelarchitektur leben und beim Aufwachen sich fragen müssen in welcher Stadt sie gerade residieren.“

Im Bereich des Hotelbaus ist das Gegenteil der Fall. Da ist die Standardisierung besonders ausgeprägt. Ketten, wie beispielsweise Ibis, haben ihre ganz klaren Vorstellungen und Vorgaben bezüglich Corporate Design. Da entwirft man als Architekt höchstens die Gebäudehülle – und vielleicht noch die Lobby.
„Das ist oder war eine amerikanische Vorstellung. Der Handelsreisende, der abends ins Hotel kommt, soll schon genau wissen, wo er seine Zahnbürste hinstellen kann und wo er welchen Switch findet. Da ist alles durchdekliniert. Ich glaube mit dem Aufkommen der Boutique-Hotels gibt das da seit einigen Jahren einen Gegentrend. Die Menschen wollen wissen, wo sie sind, wo sie schlafen. Sie wollen nicht in Bubble irgendeiner standardisierten Hotelarchitektur leben und beim Aufwachen sich fragen müssen in welcher Stadt sie gerade residieren.“

Architektur Basel-Redaktor Lukas Gruntz im Gespräch mit Andreas Bründler © Armin Schärer / Architektur Basel

Sie wollen lieber ins Nomad gehen…
„… oder in die Jugendherberge. Oder neuerdings ins Silo von Harry Gugger Studio.“

Themenwechsel: Das Wohnen im Hochhaus scheint in Basel derzeit im Trend zu sein. Diverse Projekte sind in Planung. Unter anderem auch von euch bei der Überbauung Horburg. In Bern habt ihr bereits ein Hochhaus realisiert. Was interessiert euch am Wohnen im Hochhaus?
„Eigentlich sind es zwei Dinge: Erstens die Weitsicht, das Gefühl der Freiheit, die Exposition gegenüber Wind und Wetter. Die Welt liegt einem zu Füssen. Man hat ganz andere geografische Bezüge im Hochhaus. Ich bin auf einem Hügel mit Weitsicht in den Alpenraum aufgewachsen, insofern sind dies auch biografische Gründe. Zweitens hat das Hochhaus das Potential zur städtebaulichen Veränderung, in seiner Figur, Setzung, Ikonografie. Im europäischen Kontext mit der lange festgesetzten Traufhöhe könnte man bildhaft von einer Stadt über der Stadt sprechen. Hier nehmen die Hochhäuser noch die Position der Monumenti ein, schaffen Orientierung und bewirken eine starke Identifikation. Auch auf der programmatischen Ebene: Das Hochhaus kann bestehende Wohnquartiere ergänzen und verdichten. Verschiedene Lebensentwürfe können an einem Ort zusammenfinden.“

Die Baukosten eines Hochhauses sind aus verschiedenen Gründen, wie den erhöhten Anforderungen an Erdbebensicherheit oder Brandschutz, auf den Kubikmeter bezogen teurer als beispielsweise ein viergeschossiges Mehrfamilienhaus. Ist es nicht problematisch, wenn das Wohnen im Hochhaus zu etwas Exklusivem wird, dass nur privilegierten Bevölkerungsschichten zugänglich ist?
„Durchaus, doch das sollte nicht so sein. Insbesondere bei einer Nachverdichtung entsteht ja ein Mehrnutzen auf derselben Grundbasis. Die höheren Baukosten können zumindest teilweise über den reduzierten Landpreis kompensiert werden. Dennoch, im gewachsenen städtischen Kontext wird jeder Neubau die quartierüblichen Mieten anheben. Eine Stellschraube ist die Nutzfläche. Besonders Wohnungen in Hochhäusern können knapper geschnitten und damit günstiger sein. Man hat ja dafür den weiten Ausblick. Bei jedem mehrstöckigen Haus wird die Höhe verrechnet und als Verkaufsargument benutzt, dies ist eine weitere Stellschraube, um die Preise zu spreizen und auch moderate Mietpreise zu ermöglichen.“

Andreas Bründler plädiert für mehr genossenschaftlichen Mut: „Ja. Genossenschaften sollen sich in die Höhe wagen. Unbedingt.“ © Armin Schärer / Architektur Basel

Die ersten Wohnhochhäuser der Stadt waren diejenigen der Genossenschaft Entenweid beim Kannenfeldpark. Heute scheint der Hochhausbau eine Sache von renditeorientierten Bauträgern zu sein. Sollten Genossenschaften wieder vermehrt Hochhäuser bauen?
„Ja. Genossenschaften sollen sich in die Höhe wagen. Unbedingt. In Berlin werden für die Höhe kompensatorische Leistungen eingefordert. Die Öffentlichkeit soll einen Mehrwert erhalten. Das könnten Anteile an preisgünstigen Wohnungen oder Räume für öffentliche Institutionen sein. Das macht Sinn. Monofunktionale Hochhäuser sind nicht mehr gefragt.“

Welches ist dein Lieblingshochhaus in Basel?
„Dasjenige, das wir dann hoffentlich einmal bauen werden.“ (lacht)

Und von den bereits gebauten Hochhäusern?
„Ich ziehe den Roche Turm dem Messeturm vor. Er ist der geografische Wegweiser am Rheinknie. Er hat auf der städtebaulichen Ebene besondere Qualitäten, wobei ich ihn in seiner architektonischen Gestalt gar nicht sonderlich schön finde. Dafür wirkt er irgendwie zu schematisch, vielleicht bewusst im industriellen Erbe verhaftet.“

„Manchmal erinnert es in halbgeöffnetem Zustand wie ein banales Wohnhaus in der französischen Peripherie mit einfachen Fenstern und einer emblematischen Kreuzteilung. Bei geschlossenen Faltläden ist es kaum mehr als Haus lesbar. Die abstrakte Gestalt erzeugt ob der Grösse eine dominante Wirkung.“

Meret Oppenheim Hochhaus © Architektur Basel

Meret Oppenheim Hochhaus © Architektur Basel

Und wie gefällt dir das Meret Oppenheim-Hochhaus?
„Natürlich verstehe ich dessen Brutalität, wobei ich nicht weiss, wie gewollt sie ist. Die Idee der Veränderbarkeit ist nachvollziehbar. Durch die dunkle Farbe werden die Schiebeläden zur Wand. Manchmal erinnert es in halbgeöffnetem Zustand wie ein banales Wohnhaus in der französischen Peripherie mit einfachen Fenstern und einer emblematischen Kreuzteilung. Bei geschlossenen Faltläden ist es kaum mehr als Haus lesbar. Die abstrakte Gestalt erzeugt ob der Grösse eine dominante Wirkung. Alleine besetzt das Haus den Ort zu repräsentativ. Es braucht hier definitiv einen klärenden Gegenpart. Es ist ein spannendes Haus. Aber du hast nach Schönheit gefragt, oder?

„Hochhäuser müssen den höchsten architektonischen Ansprüchen genügen, wir dürfen den Luftraum nicht für Banalitäten hergeben. Basel kann sich nur nach innen entwickeln und unsere Freiräume sind beschränkt.“

Eigentlich nach deinem Lieblingshochhaus…
“…nicht zu vergessen die Klassiker von Suter + Suter, beispielsweise das Lonza-Hochhaus, oder von Burckhart+Partner – allen voran das BIZ-Hochhaus. Das hat schon etwas, auch wenn es den städtebaulichen Kontext am Centralbahnplatz negiert. Es gibt noch kein Super-Hochhaus in Basel. Vielleicht könnte der Turm von Miller & Maranta an der Heuwaage diese Lücke füllen. Ich hoffe, es entstehen in den nächsten Jahren noch herausragende Beispiele wegweisender Architektur des 21. Jahrhunderts. Hochhäuser müssen den höchsten architektonischen Ansprüchen genügen, wir dürfen den Luftraum nicht für Banalitäten hergeben. Basel kann sich nur nach innen entwickeln und unsere Freiräume sind beschränkt. Wenn wir in Basel von Verdichtung sprechen, müssen wir sie in der dritten Dimension denken. Nach Calvino wäre Basel definitiv die Stadt der Türme.“

Ein verheissungsvoller Gedanke zum Schluss. Herzlichen Dank für das ausführliche Gespräch.

Interview: Lukas Gruntz / Architektur Basel
Fotos: Armin Schärer / Architektur Basel


Teil 1 > Andreas Bründler:“Unser Jetset-Leben ist jetzt vorbei“
Teil 2 > Andreas Bründler: „Der zweite Roche-Turm könnte eine eigenständigere Form haben“
Teil 3 > Andreas Bründler: „Wir Architekten tragen eine grosse Verantwortung“

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