Andreas Bründler: „Wir Architekten tragen eine grosse Verantwortung“ – Monatsinterview #3

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Welche Rolle spielt der Klimawandel in der Architektur? Wie kann man CO2-neutrale Gebäude planen? Diesen und anderen Fragen gehen wir im dritten Interviewteil nach. Andreas Bründler kritisiert, dass die Bauwirtschaft „immer noch stark an die fossile Zeit gebunden“ sei. Er plädiert für eine gesamtheitliche Betrachtung bei energetischen Fragen. Ein Gespräch über Beton, Wiederverwendung, das Pantheon in Rom, BIM-Technologie und die Idee von subventioniertem Holzbau.

Lukas Gruntz (Architektur Basel): Welche Verantwortung haben wir Architekten in Anbetracht des Klimawandels und den sich abzeichnenden Folgen für die Umwelt?
Andreas Bründler: „Wir Architekten tragen hierbei eine grosse Verantwortung. Der Bausektor verschlingt einen wesentlichen Teil der weltweiten Gesamtenergie. Das Bauen ist sehr energieintensiv, da die meisten Bauprodukte hochmodifiziert sind. Die weltweite Stromproduktion basiert nach wie vor auf fossilen Energieträgern. Wir entscheiden darüber, wie konstruiert wird, entsprechend können wir den Verbrauch beeinflussen. Das Bauen ist immer noch stark an die fossile Zeit gebunden. Ich denke, es ist inzwischen den meisten klar geworden, dass wir gut daran tun, das fossile Zeitalter möglichst schnell zu überwinden, um in eine gesamtheitliche Energiephase überzugehen.“

„Die Menschheit hat schon immer Bauteile und ganze Gebäude wiederverwendet. Seien es die Ägypter, Griechen oder Römer. Ich wohne in einem Haus, in dem Blöcke der Stadtmauer verbarbeitet wurden.“

Architektur Basel im Gespräch mit Andreas Bründler: „Wie beeinflusst dich persönlich das Thema des Klimawandels beim Entwurf und der Entwicklung der Projekte?“ © Armin Schärer / Architektur Basel

Und wie können wir dazu ganz konkret beitragen?
„Eine Strategie besteht darin, das, was bereits da ist, stärker zu nutzen und zu transformieren. Die Menschheit hat schon immer Bauteile und ganze Gebäude wiederverwendet. Seien es die Ägypter, Griechen oder Römer. Ich wohne in einem Haus, in dem Blöcke der Stadtmauer verbarbeitet wurden. In China haben wir gesehen, wie beim Rückbau von Backsteinhäusern die einzelnen Steine sorgfältig demontiert und geputzt wurden, um sie danach wiederverwenden zu können. Das Prinzip der Wiederverwendung ist eigentlich uralt, aber bezogen auf die aktuelle Lage und den Klimawandel von neuer Bedeutung.“

Welche Werkzeuge brauchen wir dazu? Sind die vorhandenen ausreichend oder brauchen wir neue?
„Die BIM-Technologie wird uns vermehrt helfen, um Fragen des Energieverbrauchs beim Bauen bewusster betrachten zu können. Insbesondere auch die graue Energie. Wir werden genau wissen, welches Produkt oder Bauteil wie viel Energie zu dessen Produktion und zum Transport benötigt. Daraus werden wir einfacher eine ganzheitliche Energiebilanz samt Herstellungs- und Bauprozess berechnen können. Bei einem Wettbewerb in Berlin haben wir erste Versuche in diese Richtung gemacht. Wir haben ermittelt, wie wir mit dem Einsatz von Holz, das ja bekanntlich CO2 speichert, die Gesamtbilanz positiv beeinflussen können. Die Frage war, wie können wir planen, um eine CO2-neutrale Struktur zu erreichen? Das sind interessante Fragestellungen.“

„Wie du weisst, bauen wir nach wie vor gerne in Beton. Es geht dabei um die Frage, woher der Beton kommt, wie und wo der Zement verarbeitet wurde.“

Wie beeinflusst dich persönlich das Thema des Klimawandels beim Entwurf und der Entwicklung deiner Projekte?
„Bisher haben wir Architekten oft gedacht, dass unsere Gebäude bis in alle Ewigkeit halten müssen. Sagen wir 100 Jahre. Auf jeden Fall länger als wir leben. Das Pantheon dient hierbei gerne als Metapher für ein Bauwerk, das ewig steht. Die in Beton gefertigte Kuppel hat nach bald 2000 Jahren immer noch Bestand. Ist das nicht ein nachhaltiges Gebäude? Wenn wir etwas betonieren, steht das danach auch 1000 Jahre. Das ist zumindest unser Anspruch. Für uns war das lange Argument genug, auch einiges an Energie für den Bau zu verbrauchen, weil es auf den langen Lebenszyklus betrachtet, energetisch amortisiert werden kann. Das ist immer noch ein gutes Argument, aber dennoch müssen wir ein neues Bewusstsein für diese Fragen erlangen.“

Andreas Bründler selbstkritisch: „Bisher haben wir Architekten oft gedacht, dass unsere Gebäude bis in alle Ewigkeit halten müssen. Sagen wir 100 Jahre. Auf jeden Fall länger als wir leben.“ © Armin Schärer / Architektur Basel

Barbara Buser hat im Interview mit uns gesagt, man solle nur noch dort Beton einsetzen, wo es wirklich notwendig ist. Das Verhältnis von Holzbau zu Betonbauten müsse sich ihrer Meinung nach umkehren. Wie siehst du das?
„Wie du weisst, bauen wir nach wie vor gerne in Beton. Es geht dabei um die Frage, woher der Beton kommt, wie und wo der Zement verarbeitet wurde. Es gibt ja Hochrechnungen zum Anteil der Betonindustrie am weltweiten CO2-Verbrauch. Der liegt definitiv im zweistelligen Prozentbereich. Das ist immens. Dennoch glauben wir nach wie vor daran, dass Beton ein guter Baustoff ist. Er muss bewusst und wohldosiert eingesetzt werden. Wir müssen mit Ingenieuren zusammen intelligente Lösungen finden und effiziente Strukturen entwickeln. Auch die Hybridbauweise ist ein Ansatz. Das Genossenschaftshaus auf der Erlenmatt ist ein Hybridbau. Das Haus war zuerst als Holzbau geplant. Dieser konnte aus ökonomischen Gründen nicht realisiert werden. Im Kostenvergleich bestand da ein Delta von mehreren Millionen. Wir haben deshalb eine Mischbauweise gewählt. Die primäre Struktur ist aus Beton, die sekundären Bauteile sind aus Holz. Das sind konzeptuelle Ansätze, die wir weiterverfolgen werden.“

„Wir denken uns die Welt zu oft neu. Das ist absurd. Der grosse Teil existiert bereits. Wir setzen auf die Baukultur und -tradition, die schon da ist.“

Was hältst du von radikalen Recherchen, wie dem Haus von Heinrich Degelo auf der Erlenmatt, das mit minimalem Ausbaustandard und ganz ohne Heizung auskommt?
„Das ist fantastisch. Freunde von mir wohnen dort. Die Bewohnerschaft bestehend aus Künstlern liessen sich auf das Experiment ein. Das sind natürlich auch Lebenskünstler, die sich einzurichten wissen. Wenn es im Winter nicht warm genug ist, bauen sie sich halt eine Kerzeninstallation von immensem Ausmass… Spass beiseite: Ich glaube es hat funktioniert. Es ist ein spannender, mutiger Beitrag, bei dem Menschen bereit sind, die Komfortzone zu verlassen.  Das Projekt führt uns allen die Bedeutung der Wärmeenergie vor Augen.“

Haus ohne Heizung: Die Coopérative d’Ateliers von Degelo Architekten auf der Erlenmatt Ost © Barbara Bühler

Besteht die Gefahr, dass die stärkere Gewichtung der ökologischen Fragen, beispielsweise mit höheren Dämmwerten für Umbauten, den sinnvollen Umgang mit dem Bestand erschwert oder sogar verunmöglicht?
„Die Stadt ist gebaut. Wenn wir den Zonenplan anschauen, sind da viele Bereiche in der Schon- oder Schutzzone. Wir denken uns die Welt zu oft neu. Das ist absurd. Der grosse Teil existiert bereits. Wir setzen auf die Baukultur und -tradition, die schon da ist. Wir wollen dieses Erbe, auch in energetischer Hinsicht, erhalten. Wir können ja nicht die ganze Bausubstanz in einer kurzen Zeitspanne auswechseln. Die Amerikaner, die nur für zehn oder zwanzig Jahre bauen, können das vielleicht. Wir, die für die Ewigkeit bauen, nicht.“

Fändest du es sinnvoll, wenn bei öffentlichen Wettbewerben eine Konstruktion in Holzbauweise vorgeschrieben würde?
„Ich finde das grundsätzlich positiv. Der Holzbau hat einen zu schlechten Stand und sollte deshalb gefördert werden. Holzbauten sind punkto Ökobilanz hervorragend. Auch die Wohn- und Lebensqualität ist sehr gut. Unser erstes Projekt war ein Holzbau, ein kleiner Anbau in Gelterkinden. Im Innern wurde er zudem mit Lehmbauplatten verkleidet. Seither haben wir vielleicht noch ein oder zwei kleine Projekte in Holzbauweise realisiert. Alle anderen Projekte, die wir im Wettbewerb in Holz entworfen haben, sind gescheitert. Meist aus ökonomischen Gründen oder aber bezüglich Fragen der Dauerhaftigkeit und des Unterhalts. Wenn wir dem Holzbau zu einer neuen Blüte verhelfen wollen, müssen wir das System ändern. Vielleicht könnte man Holzbauten aus dem CO2-Fonds subventionieren, dazu gibt es zumindest schon nationale Forschungsstudien.“

Interview: Lukas Gruntz / Architektur Basel
Fotos: Armin Schärer / Architektur Basel


Teil 1 > Andreas Bründler:“Unser Jetset-Leben ist jetzt vorbei“
Teil 2 > Andreas Bründler: „Der zweite Roche-Turm könnte eine eigenständigere Form haben“

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