Arbeiterhäuser Grellingen| Baselbieter Baukultur #39

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Vor bald 160 Jahren gingen die Maschinen der Papierfabrik in Grellingen in Betrieb. Damit bestieg das 500-Seelendorf 1861 den Schnellzug ins Industriezeitalter. Unter dem Namen «Florettspinnerei Veillon Miville & Cie» eröffnete zwei Jahre danach die spätere «Industriegesellschaft für Schappe». 1870 bereits zählten die beiden Firmen rund 600 Beschäftigte. Wo aber sollten diese Leute alle wohnen? In vier Jahrzehnten hatte sich die Bevölkerung des Dorfes mehr als verdoppelt.

In weiser Voraussicht erstellten die Inhaber der Garnfabrik 1864 drei Arbeiterwohnhäuser entlang der Delsbergerstrasse. Die zweigeschossigen Sechsfamilienhäuser sind durch einen Vorgarten von der Strasse getrennt. Eine hangseitige Gasse erschliesst die Gebäude rückseitig und bildet den Zugang zu parallel zu den Häusern verlaufenden Waschküchen und Holzschöpfen. Wiederum dahinter verfügen alle Wohnungen über Pflanzgärten. Die gemauerten Waschküchen und Holzschöpfe auf der Rückseite werden durch eingeschossige Anbauten an der Ostfassade von jedem der drei Gebäude ergänzt. Das Angebot reicht von dreiachsigen Wohnungen mit Zimmern über drei Geschossen bis hin zu Etagenwohnungen.

Arbeiterhäuser Grellingen © Architektur Basel

Arbeiterhäuser Grellingen © Architektur Basel

Wer auch immer sich verantwortlich für die Architektur der Häuserreihe zeigt, dürfte die plötzlich eingetretene Industrialisierung nicht in ihrem vollen Ausmasse erkannt haben; die Ausformulierung der Gewändeprofile und Klappläden, die rustizierten Eckpilaster oder Zierbalken orientieren sich noch stark an örtlichen Bautraditionen. Die gesamte Gebäudeanlage in ihrer Grösse hingegen spricht eine andere Sprache. Ebenso die Befensterung: die repetitiven Fensteröffnungen sind erste architektonische Zeugen der aufstrebenden Industrialisierung.

Arbeiterhäuser Grellingen © Architektur Basel

Arbeiterhäuser Grellingen © Architektur Basel

Die Gebäude sind grösstenteils noch erhalten, obwohl laut dem Bericht der Denkmalpflege von 2008 dringend Sanierungsbedarf im Bereich der Nebenbauten besteht. Nichtsdestotrotz sind die Arbeiterhäuser in Grellingen die ältesten noch erhaltenen ihrer Art im Baselbiet. Besonders wertvoll dürfte das Ensemble aus Wohnhaus, Gasse und Schöpfen sein, beinhaltet es doch – wie auch die mehrgesichtige Fassadengestaltung – Elemente aus unterschiedlichen Epochen; vom traditionellen Wohnhaus mit dahinterliegendem Schopf über eigene Nutz- und Pflanzgärten bis hin zur zeittypischen rationalisierten mehrfachen Verdoppelung und Aneinanderreihung der Wohnungen und Gebäude. Der Faktor der Repetition ist bei den zeitgleich gebauten Arbeiterhäuser in Birsfelden noch weniger feststellbar. Als Vergleich könnte man beispielsweise die viel später erstellten Arbeiterwohnhäuser an der Gartenstrasse in Hölstein hinzuziehen. Die 1930 vom Büro Oesch & Rossier für die Uhrenfabrik Oris gebauten Mehrfamilienhäuser verfügen zwar noch immer über Gärten zur Selbstversorgung, jedoch sind die Fassaden befreit von jeder Zierde.

Arbeiterhäuser Grellingen © Architektur Basel

Arbeiterhäuser Grellingen © Architektur Basel

Zu den Arbeiterhäusern kann auch das «Mädchenheim» (Nr. 22) gezählt werden. Das ungefähr 1870 gebaute neunachsige Siebenfamilienhaus schliesst westlich an die anderen Wohnhäuser an und unterschiedet sich in mehrerer Hinsicht von diesen. Der mittlere und westliche Teil werden via Delsbergerstrasse erschlossen, der östliche Teil über die Gasse an der Rückseite. Letztere findet aber keine Fortführung.

Arbeiterhäuser Grellingen
Funktion: Wohnen
Adresse: Delsbergerstrasse 16-22, 4203 Grellingen
Baujahr: 1864
Architektur: unbekannt


Text & Fotos
– Simon Heiniger / Architektur Basel
Quellen:
– Affolter, C. im Auftrag der Denkmalpflege BL (2008), Bauinventar Kanton Basel-Landschaft BIB, Gemeinde Grellingen
– Einwohnergemeinde Grellingen (Hrsg.) Arbeitsgemeinschaft zur Herausgabe von Baselbieter Heimatkunden (1999), Heimatkunde Grellingen, Verlag des Kantons Basel-Landschaft, Liestal, ISBN: 3-85673-532-1

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