Baustellen schliessen? „Das Leben geht vor, egal wie katastrophal es sein wird.“ – „Baustellenstop wäre eine Katastrophe!“

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Das Coronavirus verlangt immer drastischere Massnahmen und Einschränkungen des öffentlichen Lebens. Die Basler Innenstadt ist so leer und leblos wie kaum zuvor. Um die Wirtschaft nicht noch stärker zu schwächen, hat der Bundesrat bisher darauf verzichtet, sämtliche Baustellen im ganzen Land zu schliessen. Einzelne Kantone sind inzwischen vorgeprescht. Genf und Waadt verbieten die Arbeit auf Baustellen. Die Frage steht im Raum: Sollen sämtliche Baustellen gestoppt werden?

Luftaufnahme der eindrücklichen Roche-Baustelle © F. Hoffmann-La Roche Ltd

Wenn es nach den Leserinnen und Lesern von Architektur Basel ginge, wäre die Antwort klar: JA, bitte sofort alle Baustellen schliessen! Bei Umfragen auf Instagram und Facebook (insgesamt circa 1’000 Teilnehmende) haben sich rund 60 Prozent für eine Schliessung sämtlicher Baustellen ausgesprochen. Leser Mario Saurer kommentiert: „Besser das Leben für paar Wochen total runterfahren, als eine halbe Sache, die sich über Monate hinzieht.“ Ins gleiche Horn bläst Chantal Baumann: „Rohbau ginge ja noch… aber Innenausbau? Nein, das Leben geht vor, egal wie katastrophal es sein wird.“ Drastische Worte, die mit Blick auf die Situation in Italien jedoch nicht unangemessen scheinen…

Sanierung Tellplatz © Gewona Nord-West

Zugegebenermassen ist das Halten von Abstand auf Baustellen in vielen Situationen nicht möglich. Bauen ist Teamwork. Wer zudem die oftmals beengten Situationen in Baucontaniern kennt – ganz zu schweigen von den Sanitäreinrichtungen – dürfte zum Schluss kommen, dass ein Baustopp  dem Virus einige Orte der weiteren Verbreitung entziehen würde. Der Dachverband SIA empfiehlt folgendes: „Es ist Sache jedes Planerbüros sicherzustellen, dass seine Arbeitnehmer, die auf Baustellen tätig sind, dort die Empfehlungen des BAG einhalten und einhalten können – namentlich auch die Empfehlungen betreffend des gegenseitigen Abstands.“

Baustelle Baloise Park Ost von Valerio Olgiati © Daisuke Hirabayashi

Baustelle Baloise Park Ost von Valerio Olgiati © Daisuke Hirabayashi

Das ganze ist nicht so einfach. Wie so oft. Grossbaustellen, in Basel allen voran auf dem Roche-Areal, sind komplexe logistische Gebilde mit vielen Abhängigkeiten und Schnittstellen zwischen den verschiedenen Unternehmern. Ein abrupter Baustellenstop ohne entsprechende Sicherungsmassnahmen, saubere und fachgerechte Fertigstellung der angefangen Arbeitsschritte, könnte massive Folgeschäden bis hin zum Rückbau begonnener Arbeiten nach sich ziehen. Das gilt vor allem für die Phase des Rohbaus. Im Innenausbau wäre ein Baustellenstop einfacher zu verkraften. Leser Basilius Moesch spricht sich vehement gegen eine Schliessung aus: „Auf keinen Fall, lieber zusätzliche Massnahmen treffen auf der Baustelle, v. a. im Bereich der Pausencontainer und sanitären Einrichtungen… Baustellenstop wäre eine Katastrophe!“ Der wirtschaftliche Schaden für die Bauwirtschaft wäre gross; aber was heisst das in Anbetracht des drohenden Kollaps unseres Gesundheitssystems?

Baustelle © WEISSWERT, Basel

Baustelle Movable House in Riehen © WEISSWERT, Basel

Die vergangenen Tage haben uns gelehrt, wie schnell alles gehen kann. Dem ist sich auch der SIA bewusst: „Die Erfahrung der letzten Wochen zeigt, dass den Massnahmen einzelner Kantone nach wenigen Tagen entsprechende Massnahmen auf Bundesebene folgen. Damit ist eine schweizweite Baustellenschliessung nicht unwahrscheinlich.“

Text: Lukas Gruntz / Architektur Basel

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