«Baut Modelle – ihr müsst den Raum fühlen!» Zu Besuch an den Architektur-Schlusskritiken!

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«Diese Gespräche an den Schlusskritiken sind etwas vom Wichtigsten in eurer Ausbildung zur Architektin und zum Architekten. Nehmt unsere Kritik ernst, hinterfragt euch selbst und lernt! Auch wir müssen das ständig tun.» – Zugegeben, etwas schwierig ist das schon, wenn das eigene Semesterprojekt gleich von sieben Personen in der ersten Reihe zerpflückt wird. Aber meistens bieten genau diese «Unstimmigkeiten» oder «Störungen» im Konzept oder der Anordnung, im Städtebau oder der Fassade den Stoff für die guten Diskussionen. Und davon gab es an den aktuellen Schlusskritiken des Instituts Architektur der Fachhochschule Nordwestschweiz in Muttenz einige. Architektur Basel war zwei Tage dabei:

Nicht immer sind sich alle einig! © Architektur Basel

Nicht immer sind sich alle einig! © Architektur Basel

«Weisst du, weshalb Industriehallen oft nur nordseitige Fenster haben?» «Wegen des Lichts natürlich,» antwortet der Studierende, «schliesslich muss man hier keinen Sonnenschutz installieren.» Gastkritiker Reto Pfenninger lässt nicht locker: «Und warum ist die Südfassade deiner Halle dann trotzdem so grosszügig verglast? Niemand möchte automatische Lamellenstoren, die den ganzen Tag rauf und runter fahren und alle paar Monate kaputt gehen».

«Jetzt wirds spannend!»

Die Frage der eingesetzten Haustechnik, vom Heizsystem über die Stromgewinnung bis hin zum Sonnenschutz, führt immer wieder zu Diskussionen, insbesondere, wenn diese einen direkten Einfluss auf die Setzung eines Gebäudekörpers im Stadtraum oder auf den Ausdruck der Fassade hat. «Wir müssen Technik ernst nehmen, mit ihr gehen, sie richtig einsetzen – sie darf uns aber nicht diktieren, wie etwas auszusehen hat.»

Diskussion am Modell © Architektur Basel

Diskussion am Modell © Architektur Basel

Die Studierenden von Prof. Dominique Salathé haben ein riesiges Landschaftsmodell gebaut, an dem diese Fragen dann auch gleich geklärt werden können. Etwa, ob sich dann die Südfassade mit dem Sonnenschutz nicht doch besser an einem anderen Standort eigenen würde. «Darf ich?» fragt Pfenninger, stellt sich mitten ins Modell und platziert die Gebäude kurzerhand um. «Jetzt wirds spannend. Sieh an, jetzt kannst du den Bestand gleich mit aktivieren, und das ohne grossen Aufwand.»

Da könnte man doch… © Architektur Basel

Da könnte man doch… © Architektur Basel

Im Grundstudium drehen sich die Fragen ganz um den Raum und Wohnraum als solchen. Wie möchte ich in ein Gebäude eintreten? Wie schmal darf ein Gang sein, wie breit ist noch wirtschaftlich? Im Erstjahreskurs von Prof. Axel Humpert und Tim Seidel entwarfen die Studierenden ein gemeinsames Feriendorf.

«Baut Modelle, baut Modelle, baut Modelle!»

Eine regelrechte Flut an Modellen und Plänen. Trotz dieser Fülle wurde jedes Projekt detailliert besprochen. Allerdings nicht nach einer starren Checkliste, wie man es bei einer Bewertung erwarten würde. Die Diskussionen entwickelten schon bald ein Eigenleben, worauf der Fokus bei einigen Projekten mal auf der Tragkonstruktion, mal beim Raumkonzept oder der Belichtung lag.

Diskussion zwischen Studierendem und Dozent © Architektur Basel

Diskussion zwischen Studierendem und Dozent © Architektur Basel

Die Setzung des Gebäudes wird am Modell diskutiert © Architektur Basel

Die Setzung des Gebäudes wird am Modell diskutiert © Architektur Basel

«Die Schlusskritik ist ein Fachgespräch» © Architektur Basel

«Die Schlusskritik ist ein Fachgespräch» © Architektur Basel

«Wenn du diese Wand entfernen würdest, hätte das Wohnzimmer eine ganz andere Qualität,» oder «der Eingang funktioniert super, da will man doch mit Schwung in den nächsten Raum? Aber mit diesem Versatz im Gang stehe ich erstmal vor einer Ecke!» Wie aber soll man das alles prüfen können, fragen sich da manche? Die Lösung ist mindestens so alt wie gut: «Baut Modelle, baut Modelle, baut Modelle, ihr müsst den Raum fühlen» appelliert Axel Humpert an die Studierenden, «Abgabemodelle sind schön und gut und zeigen, wieviel Arbeit ihr in eure Projekte steckt, aber am Arbeitsmodell – es muss nicht schön sein – lernt ihr. Räume muss man in allen Dimensionen denken, nur Querschnitte und Grundrisse reichen da nicht!»

Eine «Industriekathedrale» – Referenz in der Gotik? © Architektur Basel

Eine «Industriekathedrale» – Referenz in der Gotik? © Architektur Basel

Gewagt? Gelungen! Brasilien lässt grüssen… © Architektur Basel

Gewagt? Gelungen! Brasilien lässt grüssen… © Architektur Basel

Eine Menge Modelle und Projekte warten auf die Kritik © Architektur Basel

Eine Menge Modelle und Projekte warten auf die Kritik © Architektur Basel

Die Studierenden im Semester von Prof. Susanne Vécsey fragen sich zusammen mit Gastkritiker Jean-Paul Jaccaud, ob und wie eine Wohnüberbauung wohl am besten an eine nahe Schnellstrasse angeschlossen werden kann. Tatsächlich kein einfaches Unterfangen. «Fast schon eine Aufgabe mit Seltenheitswert,» meint Jaccaud lachend, «heute noch über die Erschliessung mit Autos nachzudenken, fahren doch alle mit dem Öffentlichen Verkehr. Aber dennoch zentral. Busse brauchen ja schliesslich auch Strassen, wenn auch nicht in dieser Dimension.»

«Fast schon eine Aufgabe mit Seltenheitswert…»

Es folgt eine Diskussion über die Grösse von Wendeplätzen für den örtlichen Nahverkehr und die Frage, ob diese Orte genug stark sein können, um für die Wohnsiedlung eine identitätsstiftende Wirkung zu haben. Manchmal schauen sich auch die Dozierenden fragend an – und die Studierenden ebenso zurück. Die Lösungen sind vielfältig…

Spannende Diskussion am Plan… © Architektur Basel

Spannende Diskussion am Plan… © Architektur Basel

… und am Modell! © Architektur Basel

… und am Modell! © Architektur Basel

Grundriss, Schnitt, Visualisierung, Modell © Architektur Basel

Grundriss, Schnitt, Visualisierung, Modell © Architektur Basel

Auch die Bäume gehören dazu! © Architektur Basel

Auch die Bäume gehören dazu! © Architektur Basel

Sehr viel praktischer geht es in der Semesterkritik von Prof. Ursula Hürzeler und Prof. Shadi Rhabaran zu. Auf dem Programm steht eine Sporthalle. Dabei gilt es neben grossen Fassadenflächen auch riesige Dachflächen zu planen. Das ist sowohl architektonisch als auch konstruktiv eine Herausforderung.

«Wo wird bei dir das Dachwasser abgeführt?»

Hilfe bekommen die Studierenden dabei unter anderem von HLK-Ingenieur Stefan Waldhauser. «Wo wird bei dir das Dachwasser abgeführt?» möchte er etwa wissen. Unerwartete Stichfragen wie diese bringen so manche ins Schwitzen. Nicht aber den Studierenden, der jetzt sein Projekt vorstellt. Er holt ein Konstruktionsdetail auf die Projektionswand und erklärt: «Zuoberst sind die Photovoltaikzellen, darunter liegt die wasserführende Schicht. Abgeführt wird das Meteorwasser jeweils seitlich». Noch Fragen?

«Wo sind die Dachwasserabläufe?» © Architektur Basel

«Wo sind die Dachwasserabläufe?» © Architektur Basel

Modell einer Dachkonstruktion © Architektur Basel

Modell einer Dachkonstruktion © Architektur Basel

Die Modelle stehen bereit © Architektur Basel

Die Modelle stehen bereit © Architektur Basel

Wir gehen eine Koje weiter zur nächsten Kritik. «Du nennst diese Wohnung familientauglich? Deine Küche ist viel zu klein. Der Esstisch steht viel zu weit weg. Wer soll denn da wohnen?» Die Kritiken bei Prof. Matthias Ackermann sind zuweilen hart, aber meistens entwickelt sich daraus eine gute Diskussion zwischen Dozenten, Gästen und Studierenden.

«Verteidige dich. Deine Chance!»

Ackermann steht vor dem Plan, misst mit dem Lineal nochmals nach und wendet sich dann wieder dem Studierenden zu: «Verteidige dich. Deine Chance!» Die Grösse der Küche ist neben der optimalen Erschliessung und einer angemessenen Materialisierung immer wieder Thema an diesen Kritiken. Zurecht, müsste man hinzufügen.

«Nochmals wegen dieser Küche…» © Architektur Basel

«Nochmals wegen dieser Küche…» © Architektur Basel

Alle lauschen gespannt der Präsentation © Architektur Basel

Alle lauschen gespannt der Präsentation © Architektur Basel

Raum und Wohnraum © Architektur Basel

Raum und Wohnraum © Architektur Basel

Wie gross muss ein Wohnzimmer sein? © Architektur Basel

Wie gross muss ein Wohnzimmer sein? © Architektur Basel

Was für ein Modell… © Architektur Basel

Was für ein Modell… © Architektur Basel

… und dann erst der Innenraum! © Architektur Basel

… und dann erst der Innenraum! © Architektur Basel

Verkleinerte Realität © Architektur Basel

Verkleinerte Realität © Architektur Basel

Modelle sind wichtig fürs Verständnis © Architektur Basel

Modelle sind wichtig fürs Verständnis © Architektur Basel

Zwei spannende und anstrengende Tage! © Architektur Basel

Zwei spannende und anstrengende Tage! © Architektur Basel

«Willkommen in der Welt der Architektur!»

Zum Schluss springen wir nochmals zurück in eine angeregte Diskussion zwischen einem Studierenden und Reto Pfenninger. Die beiden sind sich uneinig über die Ausrichtung der Struktur. «Das sollte möglichst einfach sein; niemand will komplizierte Dinge planen,» meint etwa Pfenninger. «Aber dann müsste ich hier den Raum verschieben. Es ginge einfach nie auf,» entgegnet der Studierende. Pfenninger grinst: «Willkommen in der Welt der Architektur!»

Text und Fotos: Simon Heiniger / Architektur Basel

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