Beat Aeberhard zum Areal Wolf: „Mich interessiert der Ort, seine Geschichte und Besonderheiten“

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Das Areal Wolf löste bisher kaum eine öffentliche Debatte aus. Im Schlaglicht standen Rheinhattan, Klybeck oder das Areal Lysbüchel. Wobei es eindrückliche Zahlen sind, mit denen die Arealentwicklung Wolf aufwarten kann: Rund 73’000 Quadratmeter Wohnfläche, 36’000 Quadratmeter Büro- und Dienstleistungsfläche, 62’000 Quadratmeter für Gewerbe- und Logistiknutzungen und 11’000 Quadratmeter für öffentliche Einrichtungen, Verkauf und Gastronomie. Wir haben uns im Interview mit Kantonsbaumeister Beat Aeberhard über das vorliegende Richtprojekt, Hochhäuser, Denkmalpflege und günstigen Wohnraum unterhalten.

Entwicklungsszenario Areal Wolf © SBB Immobilien

Entwicklungsszenario Areal Wolf © SBB Immobilien

Architektur Basel: Einige Personen aus unserer Leserschaft zeigten sich erstaunt, dass auf dem Wolf keine Hochhäuser gebaut werden sollen. Dies widerspricht dem städtebaulichen Trend in der Region Basel. Die Frage sei erlaubt: Weshalb keine Hochhäuser auf dem Wolf?
Beat Aeberhard: „Im Verfahrensprozess mit den zwei Zwischenbesprechungen gab es auch immer wieder Ansätze mit Hochhäusern. Im Beurteilungsgremium hat sich jedoch die Erkenntnis durchgesetzt, dass sich mittels einer markanten Höhenentwicklung an diesem Ort keine wesentlichen Vorteile erzielen lassen. Neben städtebaulichen Überlegungen trägt zu dieser Einsicht der Umstand bei, dass Hochhäuser auf der einen Seite dem Bahnlärm und auf der anderen dem Lärm der St. Jakobs-Strasse ausgesetzt wären. Im Gegenzug überzeugt die ausgewogene Hofrandfigur von Christ & Gantenbein als die für den Wolf richtige städtebauliche Haltung. Der Innenhof sorgt dafür, dass jedes Gebäude über eine ruhige Seite verfügt.“

Jurypräsident Harry Gugger erklärt das Richtprojekt am Modell © Architektur Basel

Jurypräsident Harry Gugger erklärt das Richtprojekt am Modell © Architektur Basel

Zentrales Thema des vorliegenden Richtprojekts ist eine grosse, langgezogene Hofanlage in Ost-West-Richtung. Welche Qualitäten hat dieser fast schon monumentale Hof? Und wie reagieren Sie auf kritische Stimmen, die von einem „Schattenloch“ sprechen?
„Der Hof ist prägend und damit identitätsstiftend, aber kaum monumental. Die langgezogene Hofrandfigur schafft es, über Rücksprünge in der Fassadenabwicklung und über eine differenzierte Höhenentwicklung die bestehenden Gebäude einzubeziehen. Auf den einzelnen Parzellen können Neubauten innerhalb eines vorgegebenen Gestaltungskonzepts individuell entworfen werden. Was die Freiflächen betrifft, unterliegt ihnen hinsichtlich Begrünung, Nutzung und Belegung ein ausgeklügeltes Konzept.“

„Aufgrund der Mindestbreite von 30 Metern kann keinesfalls
von einem „Schattenloch“ gesprochen werden.

Es gibt in Basel deutlich engere Hofräume.“

Was sieht dieses Gestaltungskonzept vor?
„Es sind auf mittig angeordneten Flächen keine Unterbauungen erlaubt, was tiefwurzelnde Bäume ermöglicht. Und mit der Übernahme der überzeugenden Nutzungsverteilung gemäss dem Beitrag von EM2N aus dem Studienauftrag wird der Hof sinnvoll in verschiedene Nutzungen zoniert. All diese unterschiedlichen gestalterischen und funktionalen Spezifikationen sind entscheidend für einen attraktiven, intensiv belebten Innenhof mit vielfältigen Qualitäten. Aufgrund der Mindestbreite von 30 Metern kann keinesfalls von einem „Schattenloch“ gesprochen werden. Es gibt in Basel deutlich engere Hofräume.“

Areal Wolf: Querschnitt Hof © SBB Immobilien

Areal Wolf: Querschnitt durch den Hof © SBB Immobilien

Heute ist der Wolf eine urbane Insel zwischen Autobahn und Gleisfeldern. Wie soll das neue Quartier in Zukunft an die bestehende Stadt angebunden werden? Und inwiefern spielen dabei Synergien zu den Planungen südlich des Gleisfelds (Nordspitze, Bernoulli-Walkenweg) eine Rolle?
„Synergien suchen wir immer. Die genannten Planungen überprüfen wir hinsichtlich Nutzungen, Freiräumen oder typologischen Festlegungen in einer Gesamtsicht. Schliesslich sollen sich die einzelnen Areale nicht nur aus ihrem jeweiligen Kontext sondern im Zusammenspiel eben auch komplementär entwickeln. Das schaffen wir meines Erachtens in Basel-Süd geradezu exemplarisch.“

„Die Vernetzung verdient immer besondere Beachtung. Vorliegend soll über eine neue Passerelle über das Gleisfeld der Brückenschlag Richtung Dreispitz gelingen.“

„Die Vernetzung verdient immer besondere Beachtung. Vorliegend soll über eine neue Passerelle über das Gleisfeld der Brückenschlag Richtung Dreispitz gelingen. Eine neue S-Bahn-Haltestelle soll das Areal übergeordnet anbinden. Die St. Jakob-Strasse als gegenwärtig einseitig auf den motorisierten Verkehr ausgerichteter Strassenraum wird für den Fuss- und Veloverkehr attraktiver gestaltet. Sie soll inskünftig Funktionen der Quartierversorgung bündeln und damit die Ausgangslage dafür schaffen, dass sich der Strassenabschnitt in einen grünen Boulevard transformiert.“

Beat Aeberhard erklärt die übergeordneten städtebaulichen Zusammenhänge Jurypräsident Harry Gugger erklärt das Richtprojekt am Modell © Architektur Basel

Beat Aeberhard: „Die Vernetzung verdient immer besondere Beachtung“ © Architektur Basel

Dem Richtprojekt gelingt es ausgezeichnet, das bestehende UAG-Gebäude in den neuen Städtebau zu integrieren. Welche Rolle kommt dem markanten Bau künftig zu?
„Die hervorragende Einbindung des UAG-Gebäudes ist alles andere als selbstverständlich, denn neben der schieren Grösse weist das UAG-Gebäude eine Reihe von weiteren Herausforderungen auf: Neben der gewerblichen Nutzung mit den entsprechenden Emissionen betrifft das insbesondere die typologisch herausfordernde Gliederung in Sockelbauwerk und aufgeständerten Bürotrakt. Auf dem Dach des UAG-Sockelbereichs wird ein Stadtgarten vorgeschlagen, gewissermassen als lineare Erweiterung des Hofes. Es entsteht ein zusätzliches Angebot an interessanten Spiel-, Sport- und Erholungsflächen. Das UAG-Gebäude, das aufgrund seines beachtlichen Massstabs zunächst einmal ein städtebauliches Problem bedeutet, wird zu einem interessanten Mitspieler auf dem neuen Wolf. Das Richtprojekt lässt aber auch die Option offen, anstelle des UAG-Gebäudes bei Bedarf einen alternativen Logistikneubau zu erstellen.“

Nutzungsverteilung Areal Wolf © SBB Immobilien

Nutzungsverteilung Areal Wolf © SBB Immobilien

Stichwort Denkmalpflege: Verschiedene historische Bauten, wie das Dienstgebäude oder die Hallen Nummer 3 und 4 sollen erhalten werden. Wie wichtig ist das für die Identität des Ortes?
„Es ist nicht zu unterschätzen. Diese Bauten sorgen dafür, dass die Geschichte des Ortes erkennbar bleibt. Sie stellen einen Schatz an Bausubstanz dar, der zeitnah für erste Initialnutzungen zur Verfügung steht, etwa das von den SBB lancierte Smart City Lab. Schliesslich sorgen das Aufnahmegebäude und die Güterhallen quasi kostenlos für eine einzigartige Atmosphäre, die Neubauten oftmals abgeht. Im Zusammenspiel mit den Neubauten entstehen somit spannende Beziehungen, so dass das Areal eine eigene Identität entwickeln kann.“

Auf dem Wolf sollen 550 Wohnungen entstehen. Wie wir wissen, ist Wohnraumentwicklung in Basel ein sensibles Thema. Ist auf dem Areal auch preisgünstiges und gemeinnütziges Wohnen vorgesehen?
„Ja, das ist so. Der im letzten Herbst von der Regierung verabschiedete kantonale Richtplan sieht für die in Transformation befindlichen Areale einen Anteil an preisgünstigem Wohnen von einem Drittel vor. Diese Vorgabe gilt auch für den Wolf.“

„Das Ausloten von neuartigen Ansätzen und das explizite visionäre Denken erscheinen mir notwendig, um mit den komplexen Rahmenbedingungen und den vielfältigen Herausforderungen überhaupt klarzukommen.“

Sie sind seit vier Jahren in Basel tätig. Wir glauben aus dem vorliegenden Richtprojekt auch Ihre Handschrift als Kantonsbaumeister herauslesen zu können. Sie suchen keinen symbolhaften Städtebau der grossen Zeichen, sondern vielmehr eine präzise räumliche Entwicklung aus den Regeln und Geschichten des jeweiligen Kontexts heraus. Sehen wir das richtig?
„Ihre Einschätzung ehrt mich! Tatsächlich ist es so, dass mich der Ort, seine Geschichte und Besonderheiten immer sehr interessieren. Dass sinnvoller Städtebau nur auf der Grundlage einer sorgfältigen Lesung des Genius Loci und den daraus richtig gezogenen Schlüssen entsteht, darüber herrscht gegenwärtig in weiten Kreisen Konsens. Das bedeutet aber nicht, dass keine Innovation gefordert wäre. Im Gegenteil, das Ausloten von neuartigen Ansätzen und das explizite visionäre Denken erscheinen mir notwendig, um mit den komplexen Rahmenbedingungen und den vielfältigen Herausforderungen, vor denen wir heute stehen, überhaupt klarzukommen. Entscheidend ist in diesem Zusammenhang, dass Städtebau ein ausgesprochener Teamsport ist. Er kann nur im sinnvollen Zusammenspiel der unterschiedlichen Disziplinen gelingen. Und da sind wir in der Verantwortung. Über die Formulierung der Aufgabenstellung, das Zusammensetzen von Beurteilungsgremien und der Selektion von Teams verfügen wir über die entscheidenden Hebel.“

Herzlichen Dank für das Interview. Das Richtprojekt für das Areal Wolf kann noch bis Freitag, 1. März 2019 im 3. Stock des UAG-Gebäudes an der St. Jakobs-Strasse 220 auf dem Areal Wolf besichtigt werden. Die Ausstellung ist von 16.30 bis 19.00 Uhr geöffnet. Der Besuch lohnt sich.

Interview: Lukas Gruntz / Architektur Basel

 

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