Bestand + Aufstockung + Anbau = Drei Wohnhäuser in Münchenstein

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Da ruht ein dunkles Blechvolumen auf einem rötlich-gelben Backsteinsockel. Wir stehen an der Gutenbergstrasse in einem unscheinbaren Einfamilienhausquartier in Münchenstein und fragen uns: „Ist das ein Neubau?“ Obergeschoss und Dach sagen Ja. Das handwerklich sorgfältig und hochwertig ausgeführte Sichtmauerwerk und die relativ kleinen Öffnungen des Sockels eher Nein. Es ist ein gekonntes Spiel von alt und neu, das Architekt Stephan Eicher hier spielt. Grund genug, sich mit ihm über das in vielerlei Hinsicht bemerkenswerte Projekt zu unterhalten.

Situationsplan © Stephan Eicher Architekten

Situationsplan © Stephan Eicher Architekten

Zur Ausgangslage: Das grosszügige Grundstück mit dem 1978 von den Architekten Alioth + Remund erbauten Einfamilienhaus sollte verdichtet werden. Dafür wurde das bestehende Dachgeschoss zurückgebaut und durch ein Ober- und Dachgeschoss in Holzbauweise erweitert. So entstanden zur Strassenseite hin Höfe. Aus einer Wohneinheit wurden drei. Das Projekt ist ein interessanter Beitrag zum Thema des Verdichtens im Bestand. Es zeigt exemplarisch, dass auch – oder insbesondere – im kleinen Massstab grosses Potential zur Nachverdichtung der bestehenden Siedlungsstruktur liegt.

Architektur Basel: Herr Eicher, es ist doch eher aussergewöhnlich, dass ein Grundstück mit einem Einfamilienhaus in dieser Form nachverdichtet wird. War der Abriss nie ein Thema? 
Stephan Eicher: „Für mich stand ein Abriss des Einfamilienhauses nie zur Debatte. Ein nicht alltäglicher Aspekt dieser Bauaufgabe war der persönliche und emotionale Bezug zum Bestand. Das bestehende Haus wurde von Alioth + Remund Architekten gebaut. Zum einen war Urs Remund mein Götti, zum anderen bin ich in dem Haus aufgewachsen. Ein wichtiger Faktor zur Erhaltung des Hauses war auch die solide und wertbeständige Architektur dieser Zeit. Da sich zudem die Bausubstanz in gutem Zustand befand, versuchten wir möglichst viel zu erhalten.“

Grundriss © Stephan Eicher Architekten

Grundriss Erdgeschoss © Stephan Eicher Architekten

Sie sprechen die „wertbeständige“ Architektur von Alioth + Remund an. Ihr Projekt zeichnet sich durch eine präzises Lektüre des bestehenden Hauses aus dem Jahre 1978 aus. Inwiefern half Ihnen der Bestand im Entwurfsprozess?
„Das damalige klare Konzept, ein Haus aus mehreren versetzen Baukörpern und die konstant nach Süden ausgerichtete Baustruktur, bewies sich als perfekte Basis für eine Erweiterung. Sei es in der Vertikalen wie auch in der Horizontalen. Das sehr grosse Volumen des Dachgeschosses wurde zurückgebaut und durch ein Ober- und Dachgeschoss in vorfabrizierter Holzelementbauweise erweitert. Die bestehende, sehr wirtschaftliche Deckenspannweite von vier Metern wurde dabei beibehalten. Durch die neu gewonnenen Volumen kamen die Hofsituationen stärker zum Ausdruck und halfen so der Privatsphäre der einzelnen Einfamilienhäuser.“

Anbauen und Aufstocken ist eine Herausforderung in Sachen Statik, Bauphysik und Haustechnik. Mit welchen Fragestellungen waren Sie diesbezüglich konfrontiert?
„Das Aufstocken in Holzelementbauweise lag für mich auf der Hand. Damit die Ertüchtigung der Tragstruktur im Bestand so gering wie möglich ausfiel suchten wir nach einer leichten Konstruktion mit einem schlanken Aufbau für die Raummaximierung. Die neu eingebauten Brandmauern mit den Treppenanlagen konnten die nach heutiger Norm ungenügende Aussteifung verbessern. Um das zweischalige Sichtmauerwerk zu behalten wurde auf eine zusätzliche Dämmung im Erdgeschoss verzichtet. Die Fenster wurden durch neue dreifach Verglasungen ersetzt. So konnte der Verbrauch an Energie im Erdgeschoss verbessert werden. Die bestehende Ölheizung fiel weg, woraus ein zusätzlicher Kellerraum entstand. Alle drei Häuser werden über eine Wärmepumpe mit Erdsonde beheizt.“

Schnitt © Stephan Eicher Architekten

Querschnitt © Stephan Eicher Architekten

Also auch punkto Ökologie ein vorbildliches Projekt. Zurück zur Architektur: Auffallend ist der Kontrast zwischen bestehendem Sockel in Sichtmauerwerk und der Aufstockung als dunklem Holzbau. Wie kam es zu dieser Dialektik zwischen Alt und Neu?
„Die Dialektik entstand durch das abwägen zwischen dem Altbewährten und dem Neuen. Das neu entstandene Bauwerk ist geprägt vom Zusammenspiel des bestehenden zweischaligen Sichtmauerwerkes und der neuen Blechfassade aus vorgehängten perforierten Trapezblechen. Einerseits funktioniert die Gebäudehülle als eine Art Vorhang vor den Badezimmerfenstern die so von Aussen kaum in Erscheinung treten und andererseits als Witterungsschutz. Die Konstruktion aus vorgefertigten Holzelementen bleibt im Inneren der Häuser gewollt spürbar und führt so den vom Sichtmauerwerk suggerierten ehrlichen und pragmatischen Umgang mit den Materialien weiter.“

Zum Schluss eine allgemeine Frage: Inwiefern hat das Projekt Vorbildcharakter für weitere kleinteilige Nachverdichtungen im Bestand?
„Das heutige Nachbarsgrundstück wurde seinerzeit von meinen Grosseltern abparzelliert, sodass meine Eltern ihr Haus bauen konnten. Diesen Weg der Verdichtung wollten wir fortführen – heute bietet das Grundstück mit dem umgebauten, aufgestockten und erweiterten Haus Platz für drei Parteien. Natürlich stand die optimale Ausnützung des Grundstückes aus wirtschaftlicher Sicht im Vordergrund. Trotz der maximalen Verdichtung entstand eine hohe Wohnqualität im Innern mit den spannenden Schnittlösungen und im Äusseren durch die Höfe. Durch das Zusammenspiel zwischen den bestehenden und den neuen Gebäudeteilen ist ein Bauwerk entstanden, welches sich ins Quartier einfügt als wäre es schon immer da gewesen, dem es aber dennoch gelingt, einen unaufdringlichen Akzent zu setzen.“

Text / Interview: Lukas Gruntz / Architektur Basel


Drei Wohnhäuser in Münchenstein © Tom Bisig

Drei Wohnhäuser in Münchenstein © Tom Bisig

Aufstockung + Anbau, 3 Wohnhäuser in Münchenstein
Adresse: Gutenbergstrasse 25, 4142 Münchenstein
Realisierung: 2017
Bauherrschaft: Baugemeinschaft Rhododendron
Projektverfasser: Stephan Eicher Architekten BSA SIA
Fachplaner: WMM Ingenieure, Ingenieurbüro Stefan Graf, Hürzeler Holzbau

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