Bredella Pratteln: „Stadt kennt keine Arealgrenzen“

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Céline Dietziker: Wie habt ihr entschieden welche Gebäude erhalten bleiben sollen?
Andreas Schröder (Burckhardt+Partner AG): «Ich denke, jeder Architekt sollte sich zu Beginn eines Entwurfes auf die Suche nach den Besonderheiten begeben, welche einen Ort ausmachen und selbst im Falle einer Transformation die Kraft haben, fortgeführt zu werden. Auf einem Luftbild von Walter Mittelholzer aus dem Jahr 1918 sind uns die zwei langen Industriehallen in der Mitte des Areals aufgefallen. Insbesondere die filigrane Tragstruktur ist noch gut erhalten und so kam die Idee auf, diese als industriegeschichtliche Zeitzeugen in den neuen Lebensabschnitt des Areals zu überführen. Die beiden Hallen fügen sich zudem besonders gut in die Freiraumstruktur ein, alle Quartierplätze haben einen direkten Bezug zu mindestens einer Halle – dies wirkt identitätsstiftend und vereinfacht die Orientierung im Quartier.»

Der Bahnhofplatz wird die umtriebige Drehscheibe des öffentlichen Lebens und des Nahverkehrs. Im Hintergrund eine der umgenutzten Industriehallen. Bredella AG (Visualisierung: Burckhardt+Partner AG)

Der Bahnhofplatz wird die umtriebige Drehscheibe des öffentlichen Lebens und des Nahverkehrs. © Bredella AG (Visualisierung: Burckhardt+Partner AG)

Weshalb soll es keinen genossenschaftlichen Wohnraum geben, der die Mitbestimmung der Bewohner fördern würde?
Andreas Schröder (Burckhardt+Partner AG): «Die Bestimmung des Nutzungsangebotes und dessen genauer Ausrichtung findet nicht allein durch uns Architekten statt. Unser Blick auf ein Projekt endet allerdings niemals an der Parzellengrenze. Das Projekt ergibt sich vielmehr aus dem räumlichen und funktionalen Zusammenspiel mit dem Umfeld. Betrachten wir dieses, so befindet sich in der unmittelbaren Nachbarschaft ein gigantisches Genossenschaftsprojekt mit 400 bis 500 Wohnungen. Diese einzelnen Projektvorhaben lesen wir als Ganzes und sie sollen sich gegenseitig bereichern und nicht konkurrenzieren. Stadt kennt keine Arealgrenzen und unter diesem Gesichtspunkt ist vieles vertreten, was einen Beitrag zu einem durchmischten und lebendigen Stadtgebiet leisten kann. Vor allem möchten wir aber auch den Bewohnern von Miet-, Eigentums- oder Alterswohnungen, Büroangestellten und Kleingewerbetreibenden, Hotel- oder Restaurantgästen, Kindergarten- und Krippenkindern nicht abstreiten, zu einem bunten und lebenswerten Stück Stadt beizutragen. Das ist nur ein Teil dessen, was unser Projekt in die Entwicklung des Bahnhofgebietes einbringt.»

Differenzierte Aussenräume von öffentlich zu privat kennzeichnen das Quartier. Die grosszügigen und begrünten Wohnhöfe dienen den Bewohner als Ruhepol. Bredella AG (Visualisierung: Burckhardt+Partner AG)

Differenzierte Aussenräume von öffentlich zu privat kennzeichnen das Quartier. © Bredella AG (Visualisierung: Burckhardt+Partner AG)

Wie kann garantiert werden, dass die Erdgeschosse sinnvoll bespielt werden und zu einem lebendigen Stadtraum beitragen?
Samuel Seiler (Burckhardt+Partner AG): «Es ist Aufgabe von uns Planern, die städtebaulichen und architektonischen Voraussetzungen zu schaffen, so dass die Erdgeschosse überhaupt sinnvoll genutzt werden können. Die Nutzungsvorschriften im Quartierplan sind auf die differenzierte Freiraumstruktur abgestimmt. Es wurde darauf geachtet, dass insbesondere entlang der öffentlichen Räume publikumsorientierte und quartierszudienende Nutzungen angeordnet werden. So wird erreicht, dass beispielsweise die Quartierplätze einen öffentlichen und gemeinschaftlichen Charakter erhalten und sich die Erdgeschossnutzungen bei gutem Wetter in den Freiraum ausdehnen können. Ein Quartierverein kann im Sommer ein Fest auf dem Quartierplatz veranstalten, die Kita einen Kuchenstand entlang der Talbachpromenade errichten oder vor dem Café eine kleine Terrasse aufbauen. In den Quartiergassen kann im Erdgeschoss gewohnt werden und dadurch entsteht eine wohnlich-nachbarschaftliche Atmosphäre. Dieses Zusammenspiel von Stadtraum und Nutzung ist es ja letztlich, was den Charakter eines Ortes prägt.»

Ein feinmaschiges Wegnetz gewährleistet die Vernetzung für den Langsamverkehr und bildet nachbarschaftliche Begegnungsräume aus. Bredella AG (Visualisierung: Burckhardt+Partner AG)

Ein feinmaschiges Wegnetz gewährleistet die Vernetzung für den Langsamverkehr und bildet nachbarschaftliche Begegnungsräume aus. © Bredella AG (Visualisierung: Burckhardt+Partner AG)

Wo liegen aus eurer Sicht die grössten Schwierigkeiten, damit die Umsetzung gelingt?
Andreas Schröder (Burckhardt+Partner AG): «Wir sind überzeugt, dass das Projekt die Interessen unterschiedlichster Betroffener bedient. Das entnehmen wir auch den vielen, positiven Rückmeldung, die wir von Bevölkerung, Politik und der Verwaltung bekommen. In diesem Sinne ist es eben wirklich Stadtentwicklung und nicht eine aus Partikularinteressen getriebene Arealentwicklung. Aus diesem Grund sehen wir jenseits der normalen Herausforderungen, die so grosse und in sich sehr komplexe Vorhaben mit sich bringen, keine, nicht lösbaren Schwierigkeiten.»

Hohenrainstrasse. Bredella AG (Visualisierung: Burckhardt+Partner AG)

Hohenrainstrasse © Bredella AG (Visualisierung: Burckhardt+Partner AG)

Wie geht es weiter? Was sind die nächsten Schritte?
Samuel Seiler (Burckhardt+Partner AG): «Gegenwärtig erarbeiten wir im Planerteam und gemeinsam mit Gemeinde und Kanton den Quartierplan für die erste Etappe. Der Quartierplan regelt unter anderem die Bauvorschriften und die Nutzungsverteilung in den einzelnen Baufeldern sowie grundlegende Gestaltungsrichtlinien für die Freiräume. Verschiedene Gutachten zu Verkehr, Umwelt und weiteren technisch relevanten Themen komplettieren den Quartierplan, bevor dieser der Bevölkerung zur Mitwirkung vorgestellt wird. Parallel dazu wird der Nutzungs- und Wohnungsmix für die einzelnen Baubereiche genauer bestimmt. Die daraus resultierenden Pflichtenhefte für die einzelnen Baubereiche und die Vorschriften aus dem Quartierplan bilden zusammen die Grundlage für die späteren Bauprojekte.»

Interview: Céline Dietziker / Architektur Basel

 

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