Buchbesprechung „Industriekultur beider Basel, unterwegs zu 333 Schauplätzen des produktiven Schaffens“

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Die chemische Industrie ist in Basel wohl so verwurzelt wie kaum anderswo. Insbesondere durch den öffentlichen Diskurs über die Umgestaltung des Klybeck-Areals inmitten des Stadtkörpers ist das architektonische Erbe dieses Wirtschaftszweigs wieder vermehrt ins Bewusstsein getreten. Dabei kann die gesamte Region Nordwestschweiz auf eine reiche industrielle Vergangenheit zurückblicken. Autor Hans-Peter Bärtschi dokumentiert in «Industriekultur beider Basel» interessante Objekte der aktuellen und vergangenen Industriegeschichte.

Wander- und geschichtlicher Architekturführer zugleich

Dabei nimmt er uns mit auf 8 thematisch unterschiedlich gestaltete Routen in und um Basel. Die Reise beginnt an dem Ort, der Basel und die Schweiz mit der Welt verbindet: dem Rhein. Neben kurzen Objektportraits zu einzelnen Bauten geht es auch um die industriell geprägten Stadtansichten, etwa jene des Klybecks oder die Rheinfront der Hoffmann-La Roche. Abschluss der in Rheinfelden beginnenden Schifffahrt rheinabwärts bildet ein kurzer Fussmarsch durch die Quartiere der chemischen und pharmazeutischen Industrie zwischen dem Rheinhafen und dem Badischen Bahnhof.

Damit folgen verschiedene Kapitel rund um Bahnlinien in der Region und deren Einfluss auf die hiesige Wirtschaft. Als Grenzstadt orientiert sich Basel auch nach Norden und Westen. Eine Gleiskarte von 1982 beispielsweise zeigt die Vernetzung der Rangieranlagen in Muttenz, der Industrie im Dreispitz, der Häfen in Birsfelden, Kleinhüningen und St. Johann, aber auch die weitläufigen Gleisfelder um den Badischen Bahnhof und die abgehenden Bahnlinien über Haltingen ins deutsche Freiburg im Breisgau oder via St-Louis ins französische Mulhouse.

Fährt man mit der Bahn entlang der Birs in Richtung Delémont, so eröffnet sich eine weitere industriell genutzte Achse. Das Buch erläutert jeweils die geschichtliche Entwicklung, beispielsweise jene der ehemaligen Gips- und Zementindustrie in Liesberg. Würde man nun weiterreisen, kämen wir ins Reich der im Jurabogen angesiedelten Uhrenindustrie. Das ist aber gar nicht nötig, denn das Oberbaselbiet steht der Westschweiz diesbezüglich in gar nichts nach; ein weiteres Kapitel beleuchtet die feinmechanischen Betriebe zwischen Liestal und Waldenburg. Portraitiert werden beispielsweise die Produktionsgebäude, die ehemaligen Wohlfahrtseinrichtungen oder die Arbeiterwohnhäuser der Uhrenfabrik Oris SA in Hölstein. Verschiedene feinmechanischen Betriebe im ganzen Tal waren als Zulieferer in dieser Branche tätig. Einige Mechanikwerkstätten befinden sich noch heute in Hallen der ehemaligen Seidenbandindustrie. Lange davor wurden im damals noch nicht getrennten Kanton bereits Seidenbänder in Heimposamenterei für Basel gefertigt. Dies bringt uns zurück in die Stadt; wir besteigen ein weiteres mal den Zug. Die Trassee der Waldenburgerbahn führt dabei an einigen architektonisch interessanten Zeitzeugen und Bauwerken vorbei, etwa die vom Schweiz Bauingenieur Heinz Isler geplanten stützenfreien Lagerhallen in Betonschalenbau in Bubendorf.

Folgen der Entwicklung

Wer sich über die Präsenz der Eisenbahn in diesem Buch wundert, dem wird spätestens beim Kapitel über den Bau der Gebirgsbahn am Hauenstein und des Hauenstein-Basistunnels bewusst, welche Bedeutung dieser Verkehrszweig nicht nur für den Weitertransport der Waren vom Rheinhafen in den Rest der Schweiz hatte, sondern auch, was die Eröffnung der Bahnlinien für die wirtschaftliche Industrie der Nebentäler bedeutete, insbesondere für jene, die nicht an diesen Hauptverkehrsachsen lagen. Neben den geschichtlichen Entwicklungen macht sich Hans-Peter Bärtschi auch immer Gedanken zum Niedergang diverser Produktionsbetriebe. Er erwähnt dabei nicht nur die Folgen der geografischen Entwicklungen, sondern auch die Einflüsse von Investoren und spekulativen Geschäften. Am Ende des Buches stellt Hans-Peter Bärtschi fast etwas ernüchternd fest, dass neben den grossen Firmen wie der Roche praktisch alle Unternehmungen im Laufe der Zeit «von Financiers zerlegt oder ganz stillgelegt» worden sind.

Für ein breites Publikum

Jede der 8 Routen besteht aus 12 bis 30 Standorten. Die Gebäude sind jeweils aus architektonischer und geschichtlicher Sicht beschrieben und meist farbig abgebildet. Zu jeder Route gibt es ausserdem einen allgemeinen Beschrieb zur Einordnung in die Gesamtregion, der überregionalen Bedeutung oder der wesentlichen Entwicklungsgeschichte. Karten mit Wegbeschreibungen helfen dabei, die Standorte zu finden – als Leser wünschte man sich allerdings etwas genaueres Kartenmaterial für die Begehung der verschiedenen Objekte; die angebotenen Übersichtspläne gibt es nur in sehr grossem Massstab. Dass nur wenige architektonische Pläne in Form von Grundrissen vorhanden sind, ist allerdings weniger störend, geht die Publikation doch weit über einen reinen Architekturführer hinaus und dürfte deshalb auch ein breiteres Publikum ansprechen. Die optimale Grösse, das handliche Format und das geringe Gewicht, erlauben es dafür, das Buch überall auf die Begehung der Routen mitzunehmen.

Sehr positiv ist der etwas kleinere zweite Teil des Buches, in dem diverse Bauwerke auch nach Branchen (Bergbau, Textilindustrie, Ver- und Entsorgung, etc…) geordnet sind. Dies erlaubt eine schnelle Lektüre nach Thema, auch wenn die geografische und geschichtliche Einordnung dabei etwas schwieriger fällt.
Das Buch gehört zu einer ganzen Reihe über die verschiedenen Regionen der Schweiz, herausgegeben von der Informationsplattform für schützenswerte Industriekulturgüter. Bisher erschienen auch Bände zu den Regionen Bern, Zürich, Nordostschweiz und Fürstentum Liechtenstein. Erst seit diesem Jahr zu kaufen gibt es den Band über die Zentralschweiz, eine Publikation zur Südostschweiz ist in Planung und soll 2019 erscheinen.

Eine Vielzahl der im Buch vorgestellten Bauwerke und Anlagen sind zusätzlich in einer umfassenden Online-Datenbank auf www.industriekultur.ch abrufbar. Dort finden sich weitere nützliche Informationen und Abbildungen zu den Objekten, Angaben zur Begehbarkeit und Kontaktadressen.

Text: Simon Heiniger / Architektur Basel

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Hans-Peter Bärtschi
Informationsplattform für schützenswerte Industriekulturgüter
der Schweiz
ein Projekt der Schweizerischen Gesellschaft für Technikgeschichte
und Industriekultur (SGTI) und der Firma Arias-Industriekultur

Industriekultur beider Basel
Unterwegs zu 333 Schauplätzen des produktiven Schaffens

272 Seiten, mit (meist) farbigen Abbildungen und Routenkarten
Klappenbroschur
20.4 × 13.5 cm
© 2014 Rotpunktverlag
CHF 32.-
ISBN:  978-3-85869-623-6

Online-Datenbank: www.industriekultur.ch
Das Bildmaterial wurde vom Verlag zur Verfügung gestellt. Die Urheberrechte liegen bei den jeweiligen Verfassern (Angabe direkt in den Bildbeschreibungen)

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