Buchbesprechung „Zukunftsweisend umbauen“: Ein Wegweiser zur Hindernisfreiheit

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Hindernisfreies Bauen ist heute eine Selbstverständlichkeit, könnte man meinen. In der Realität des Baualltags sieht das oft etwas anders aus. Das neu erschienene Buch „Zukunftsweisend umbauen“ liefert einen wertvollen Diskussionsbeitrag zur Thematik – gepaart mit viel anwendungsorientiertem Wissen.

Den Auftakt macht kein geringerer als Stararchitekt Jacques Herzog. Auf der ersten Seite weist er den Leser auf die Herausforderung hin, „hindernisfreie architektonische Gestaltung und Schönheit miteinander zu verbinden.“ Diesem etwas abgehobenen Einstieg lässt das Buch viel Praxisnähe und anwendungsorientiertes Wissen folgen. Einer kurzen Erörterung der Ausgangslage, der ökonomischen Mechanismen von Sanierungen, gesetzlichen Grundlagen der Hindernisfreiheit und Auswahlkriterien der untersuchten Bauten, folgt der Schwerpunkt des Buchs: Fünfzehn beispielhafte Umbauprojekte von Mehrfamilienhäusern aus unterschiedlichen Bauperioden (ab 1845 bis 1985) werden präsentiert. Eine einleitende Projektübersicht zeigt anschaulich die umgesetzten Massnahmen, vom Einbau eines Aufzugs bis zur Entfernung von Schwellen.

Die Bandbreite der Projekte ist facettenreich: Vom kleinen Stadtpalazzo aus dem Jahre 1845  in Thusis über den Umbau eines Bauernhauses in Rickenbach, innenstädtischer Gründerzeit-Blockrandbebauung (Wohnsiedlung Sihlfeld, 1927) bis zum Beton-Plattenbau (Webermühle Neuenhof, 1974) ist alles vertreten. Die fünfzehn Beispiele sind einheitlich dargestellt. Damit wird die Vergleichbarkeit erhöht, was die Lektüre erleichtert. Die Analyse besteht jeweils aus einer Fotodokumentation, den relevanten Plänen, einem Projektbeschrieb, einer Erläuterung der umgesetzten Massnahmen zur Hindernisfreiheit und einem kurzen Fazit. Die Abbildungen, die mehrheitlich von Fotograf Julian Salinas stammen, zeigen dabei dank Einblicken in bewohnte Küchen,  Wohnzimmer und Treppenhäuser den Alltagswert der Architektur. Eine angenehme und gelungene Abwechslung zur ansonsten oft etwas heroischen Fotografie in Architekturpublikationen. Die architektonische Qualität der Projekte hingegen variiert: Man findet sehenswerte Umbauten, wie denjenigen von HHF Architekten an der Lichtstrasse in Basel, genauso wie „Best practice“-Beispiele von eher zweifelhafter gestalterischer Qualität. Bei der Wohnsiedlung Fröschmatt in Bern verkommt der Einbau des Aufzugs beispielsweise zur grundrisstechnischen Katastrophe, und der Umbau der Stiftung Bächtelen in Wabern ist an architektonischer Einfallslosigkeit kaum zu überbieten.

Daneben werden die Projekte in Form von „Raumdiagrammen“ dargestellt. Punkte definieren die einzelnen Räume, Linien die Durchgänge. Dabei werden jeweils die für die Hindernisfreiheit relevanten Masse (Schwellenhöhe, Durchgangsbreite und Raumdimension) angegeben. Den ungeübten Leser mögen die Diagramme eher überfordern, dennoch gelingt ihnen die anschauliche Darstellung der jeweils umgesetzten Massnahmen zur Hindernisfreiheit. Dazwischen finden sich ganzseitig präsentierte Statements von Eigentümern, Planern und Bewohnern. Sie lockern die Dokumentation zwar auf, die Banalität der meisten Aussagen – „Massnahmen für eine verbesserte Hindernisfreiheit bringen jedem Lebensabschnitt mehr Komfort und steigern die Wohnqualität“ – hinterlassen jedoch den Eindruck einer Werbebroschüre der pro infirmis. Die Herausgeber hätten dem Leser hier mehr zutrauen dürfen.

Der abschliessende Teil des Buchs ist der thematischen Analyse gewidmet und liefert einen  bunten Strauss an Wissenswertem und Denkwürdigem. Beispielsweise werden die unterschiedlichen Massnahmen und die damit verbundenen baulichen Herausforderungen der „Schlüsselstellen der Hindernisfreiheit“ namentlich Eingang, Vertikalerschliessung, Bad, Küche und Aussenraum dargelegt. Weiter werden die typischen Merkmale und baulichen Eigenheiten der verschiedenen Bauperioden übersichtlich dargestellt und definiert. Eine grosse Hilfe insbesondere für sanierungswillige Eigentümer, die hier ihr Objekt verorten und auf mögliche baulich-typologische Fragestellungen aufmerksam gemacht werden. Ein Auszug aus der Norm SIA 500 samt anschaulichen Erläuterungsskizzen bietet eine hilfreiche Zusammenfassung der wesentlichen normativen Vorgaben zur Einhaltung der Hindernisfreiheit. Konstruktive Details zu sämtlichen zuvor genannten Schlüsselstellen sind zwar gut gemeint, werden dem planenden Architekten im spezifischen Fall des von ihm bearbeiteten Projekts aber wohl nur selten helfen. Eine nach BKP (Baukostenplan) geordnete Übersicht der Umbaukosten ist insbesondere für Eigentümer eine hilfreiche Unterstützung zur ersten Einschätzung der zu erwartenden Investitionssumme. Unter dem Motto „Design für alle“ erweitert das abschliessende Kapitel die Perspektive und zeigt „auf Basis der Behindertenrechtskonvention der Vereinten Nationen Impulse für eine sozial inklusive Quartierentwicklung“ auf. Zum Schluss wird also auch der Städteplaner abgeholt. Hier gilt es kritisch anzumerken, dass dieses vierseitige Kapitel lediglich an der Oberfläche des Themas bleibt und dem Tiefgang der übrigen Kapitel des Buchs etwas nachsteht.

Und dennoch: Es bleibt zu hoffen, dass das Buch zu einem Standardwerk punkto hindernisfreiem Umbauen wird. Das Thema ist nicht nur im Hinblick auf die demografische Entwicklung unserer Gesellschaft von grösster Relevanz. Es liefert darüber hinaus einen wichtigen Beitrag zum Verständnis der baukulturellen Dimension der Aufgabe. Und hier schliesst sich der Kreis zum einleitenden Zitat von Jacques Herzog: Bei allem Komfort, aller Funktionalität geht es beim Bauen letztlich immer auch um die Frage der Schönheit.
 

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Pro Infirmis,
Institut Architektur der Fachhochschule Nordwestschweiz (Hg.)
Zukunftsweisend umbauen
Hindernisfrei wohnen 

224 Seiten, 180 meist farbige Abbildungen, gebunden,
22 x 29,5 cm
© 2017 Christoph Merian Verlag
CHF 38.– / EUR 36,–
ISBN 978-3-85616-842-1

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