Buchtipp: Blick hinter die Fassade – Herzog & de Meuron im Detail

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Das Werk von Herzog & de Meuron zeichnet sich dadurch aus, dass sich ihre Architektur nie auf einen bereits dagewesenen Standard verliess. Ganz im Gegenteil: Viele Bauten sind geprägt von der Suche nach Verfremdung und Neuinterpretation konventioneller Konstruktionsweisen. Eine im Detail Verlag erschienene Publikation widmet sich anhand der Dokumentation von 18 gebauten Projekten genau dieser Thematik. Berichte, Interviews und Detailpläne machen Entwurfsprozess und Konstruktion nachvollziehbar. Das Buch liefert einen Blick hinter die Kulissen – oder in diesem Fall: hinter die Fassade.

Architektur und Baudetail: Herzog & de Meuron © Edition Detail

Eleganz ohne Prunk
Nach einem kurzen Vorwort steigt man am heroischen Punkt des HdM’schen Werks ein. Den Auftakt macht das Jahrhundertprojekt der Elbphilharmonie in Hamburg. „Eleganz ohne Prunk“, ist dabei das Motto. Projektleiter Ascan Mergenthaler beschreibt auf eindrückliche Art und Weise den Entwicklungsprozess der Glasfassade. Die Produktion der gebogenen Glaselemente mittels Schwerkraftverformung war dabei eine besondere Herausforderung: „Diese Technik basiert auf der Anfertigung einer Vollform, in die eine zunächst plane Scheibe im Verformungsofen durch ihr Eigengewicht hineinsinkt.“ Ebenso aufwändig war die Planung der Bedruckung der Elemente, welche in Kombination mit der formalen Gestaltung zur „Einzigartigkeit fast jeder Scheibe“ führte. Man kann sich vorstellen, was für einen immensen planerischen Aufwand das bedeutete. „Rein zeichnerisch ist die Komplexität dieser Aufgabe nicht mehr lösbar“, schreibt Mergenthaler.

Architektur und Baudetail: Herzog & de Meuron © Edition Detail

Lowtech im Toggenburg
Nach all dem Hightech ist die Bergstation „Chäserrugg“ im Toggenburg eine wohltuende Abwechslung. Die solide, fast schon traditionell anmutende Holzkonstruktion lebt von den präzise gestalteten Details und Anschlusspunkten. Aber auch hier ist die scheinbare Einfachheit komplexer als gedacht: „Als Antwort auf die extremen Windlasten sind alle Verbindungen sowohl auf Druck als auch auf Zug ausgelegt.“ Der eindrückliche Detailschnitt im Massstab 1:20 veranschaulicht, dass sich hinter der vermeintlich simplen Holzkonstruktion eine Menge technischer Finessen verbirgt.

Architektur und Baudetail: Herzog & de Meuron © Edition Detail

Vier Basler Beispiele
Die Region Basel ist vierfach vertreten. Beim Südpark in Basel wird der Lesende über die Geheimnisse der parametrisch programmierten Fassade aufgeklärt. Die hochkomplexe Planung der 308 Fassadenelemente gelang in Zusammenarbeit mit dem CAAD-Lehrstuhl der ETH Zürich. Um den technischen Vorgaben wie Erdbebensicherheit oder Brandschutz gerecht zu werden, „wurden die 3.13 m hohen und maximal 8.37 langen Elemente in Stahl-Leichtbauweise vorgefertigt, inklusive Dämmung, Verglasung und Sonnenschutz.“ Archaischer ist die Konstruktion des Ricola Kräuterzentrum in Laufen. Hier erklärt Pierre de Meuron höchstpersönlich: „Durch die Massivität der Mauern werden Temperaturspitzen gebrochen und so wird der energetische Aufwand der Gebäudetechnik reduziert. Hinzu kam noch, dass im Laufental seit Jahrhunderten Lehm abgebaut wird. Das Haus ist aus dem Standort, aus dem Boden entstanden.“

Architektur und Baudetail: Herzog & de Meuron © Edition Detail

Paradoxes VitraHaus, pragmatisches Schaulager
Nicht fehlen darf das ikonografische VitraHaus in Weil am Rhein, das auf knappen vier Seiten jedoch eher oberflächlich dokumentiert wird. Hier erfährt man leider kaum Neues. Jacques Herzog lässt sich zitieren: „Das VitraHaus ist ein paradoxes Gebäude. Die simplifizierte Form und Symbolik des Satteldaches wirkt einfach und für jedermann verständlich. Verschneidungen und Durchdringungen dieses gestapelten Typus erzeugen dagegen eine Abfolge von sehr komplexen Räumen.“ Das Basler Quartett wird vom Schaulager in Münchenstein komplettiert. Der Aspekt des Lagerns und Sicherns wurde in eine architektonische Form umgemünzt. Im Buch wird von einem Ausdruck, der „eher an Speicherburgen in der Sahara-Region erinnert“ geschrieben, was vielleicht etwas weit hergeholt ist, das pragmatisch-monolithische Erscheinungsbild dennoch ziemlich gut charakterisiert. Der kieshaltige Aushub wurde für die sechzig Zentimeter starke Betonfassade wiederverwendet. Die Oberflächen wurden nach dem Ausschalen mit einem Hammer abgeklopft, was einen lehmähnlichen, natürlichen Ausdruck imitiert.

Architektur und Baudetail: Herzog & de Meuron © Edition Detail

Fazit
Das Buch ist nicht nur Herzog & de Meuron-Fans zu empfehlen. Besonders lobenswert ist das knackige Konzept. Auf theoretische Erörterungen und Essays wird gänzlich verzichtet. Abgesehen von einem einseitigen Vorwort und einem kompakten Anhang stehen die 18 dokumentierten Projekte im Mittelpunkt des Interesses. Das ist gut so. Besonders stark sind die Momente, wo Akteure aus erster Hand über den Planungsprozess berichten. Zum Beispiel Ascan Mergentahler bei der Elbphilharmonie oder Pierre de Meuron über das Ricola Kräuterzentrum. Das Buch hat auch seine Schwachpunkte. Angefangen bei der etwas zufällig wirkenden Auswahl der Projekte. Aus Basler Sicht hätte man sich beispielsweise die konstruktive Analyse des Asklepios Hochhauses auf dem Novartis Campus oder des Naturbads in Riehen gewünscht. Grossprojekte wie die Allianz Arena oder das Stadion in Peking mögen aus technischer Sicht besonders bemerkenswert sein, mit den alltäglichen Aufgaben der ArchitektInnen in der Leserschaft haben sie jedoch wenig gemein. Unverständlich sind – beim Titel „Architektur UND Baudetails“ – Projekte, wie beispielsweise das VitraHaus oder das Musée Unterlinden in Colmar, die ohne jegliche Detailpläne dokumentiert werden. Gerade bei letzterem hätte sich der Schreibende über das Studium der Konstruktionsdetails gefreut. Die Grafik ist reduziert, zeitgemäss – und funktioniert bestens. Papier und Umschlag sind konventionell, unprätentiös. Wenn Jacques Herzog bei der Eröffnung des Schaulagers sagte, „wir wollten ein ganz pragmatisches Gebäude schaffen“, gilt das auch für dieses Buch. Es ist schlicht und pragmatisch. Darin liegt seine Qualität.

Text: Lukas Gruntz / Architektur Basel


Architektur und Baudetail: Herzog & de Meuron
Hofmeister, Sandra (Hrsg.)

Zweisprachig Deutsch/Englisch
192 Seiten mit zahlreichen Abbildungen
Format 32 x 23 cm
Hardcover, fester Einband
ISBN 978-395553-378-6
Edition Detail, 2017

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