Buchtipp: „Kopf, Herz, Hand“ im Freidorf

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Frei sein in Muttenz? Das Streben nach Freiheit steckt in den meisten von uns. Sie bedingt – in den meisten Fällen – ökonomische Unabhängigkeit. Dessen waren sich auch die Gründerväter des Freidorfs vor 100 Jahren bewusst, weshalb sie 1919 ausserhalb von Basel auf der grünen Wiese die erste „Vollgenossenschaft“ ins Leben riefen – samt eigener Währung, Laden, Sozial- und Bildungseinrichtungen. Die kürzlich im Basler Christoph Merian Verlag erschienene Publikation wirft ein neues Schlaglicht auf die wechselvolle Geschichte des Freidorfs.

Freidorf-Gärten heute © Yuri Palmin, Moskau

Konventionell, wertig, aber etwas banal
Vor dem Inhalt widmen wir uns der Form: Umschlag und Bindung sind konventionell, wertig – und etwas banal. Ob das zeitgenössische Foto auf dem Cover des Freidorfs – zu sehen sind die Wohnhäuser in der Abendsonne und Kinder bei der Gartenarbeit im Vordergrund – die Bedeutung und Radikalität der ursprünglichen Vision der Genossenschaft standesgemäss abbildet, sei dahingestellt. Das aktuelle Luftbild auf der Innenseite zeigt die eindrückliche Formation der Siedlung auf dem dreieckigen Grundstück. Das Bild zeigt ebenso eindrücklich, wie die ursprüngliche Umgebung bestehend aus grünen Wiesen einer heterogenen Agglo-Bebauung gewichen ist. Zurück zum Formalen: Die Typografie (Schrift: Maison Neue) ist schlicht und zeitgemäss. Die Texte sind in schwarz, Titel und Beschriebe in einem schönen rostrot gehalten. Das macht die Grafik lebendig. Ein besonderes Zückerchen sind die ausfaltbaren Originalpläne der Haustypen I, II und III B auf den Seiten 58 bis 61. Die grafische und inhaltliche Konsistenz der Pläne von Architekt Hannes Meyer beeindrucken.

Bauplan Doppelhaus Typ III B © Hannes Meyer

„Kopf, Herz, Hand“
Inhaltlich gliedert sich das Buch in sechs Hauptteile zu folgenden Themen: Leben, Architektur, Genossenschaft, Natur, Wirtschaft und Geschichte. Die Teile werden jeweils mit Kurzportraits von verschiedenen Akteuren – vom Gründer bis zu heutigen Bewohnern – bereichert. Der Einschub dieser jeweils zweiseitigen Portraits lockert die Lektüre auf und verleiht dem Freidorf wortwörtlich ein Gesicht. „Die Welt verändern.“ Caspar Schärer geht in seinem Beitrag der Ideen und Idealen der Lebensweise im Freidorf nach: „Das Freidorf war von Anfang an mehr als eine Wohnsiedlung. Seine Gründer dachten immer an die gesamte Lebenshaltung – ihnen schwebte eine umfassend solidarische Gesellschaft vor.“ Bei der Freidorf-Gründung ging es massgeblich um die Erziehung der Bewohner zur „Verbesserung der Lebenshaltung.“ Bedeutende Pädagogen wie Zschokke oder Pestalozzi lieferten die erziehungswissenschaftlichen Grundlagen. „Kopf, Herz, Hand“, lautete das Credo im Freidorf: „Die Erziehung sollte in erster Linie in der Wohnstube der Familie stattfinden.“ Am Ende seines lesenswerten Beitrags schlägt Schärer den Bogen in die Gegenwart: „In verdichteten städtischen Siedlungen braucht es andere Konzepte, um Gemeinschaft zu schaffen.“ Entscheidend sind dabei das Hinterfragen der gängigen Standards und der Mut zum (Wohn-)Experiment.

Freidorf-Gründer Bernhard Jaeggi und Kinder © Staatsarchiv Baselland

Durch die Linse von Fotograf Hoffmann vom Bild zum Bau
Ruhmbildung dank Schwarzweissfotos: Dorothee Huber geht der Rolle und Bedeutung der Bilder bei der Verbreitung der Ideen des Freidorfs nach. Die zentrale Figur war dabei Fotograf Theodor Hoffmann, der zwischen 1921 und 1924 insgesamt 62 Fotografien des Freidorfs aufnahm. Zum Glück haben die wertvollen Fotos bis heute im Staatsarchiv Baselland unbeschadet überdauert. Einen Wermutstropfen gibt es jedoch: „Nicht aufgenommen hat der Fotograf das Innere der Wohnhäuser – sei es aus Rücksicht auf die Bewohnerinnen und Bewohner, sei es, dass der Architekt dieses lieber abstrakt in den von ihm gelieferten typisierten Grundrissen repräsentiert sehen wollte.“ Umso eindrücklicher sind die zahlreichen, präzise komponierten Aussenaufnahmen: „In der Komposition der stilisierten Bilder von Theodor Hoffmann erscheinen die Häuser infolgedessen in Serie geschaltet, im Gleichtakt der städtebaulichen Ordnung, auch die Baumreihen und Gemüsebeete gehorchen getreu der „Gartenordnung“, wie sie die Genossenschaft gleich zu Beginn festgelegt hat.“

Herzliche Glückwünsche aus dem Freidorf © Hannes Meyer

Die „Affäre-Freidorf“ in den 1970er-Jahren
Huber rollt auch ein für die Genossenschaft wenig ruhmreiches Kapitel auf. Um 1970 wurde beschlossen, das markante Genossenschaftshaus im Zentrum der Siedlung abzubrechen und an dessen Stelle Alterswohnungen zu bauen. Diese Absicht löste seitens Architekten, Kunsthistorikern und der Denkmalpflege ein Sturm der Entrüstung aus. Die Genossenschafter ihrerseits empörten sich ob der „ungeheuerlichen und ungebührlichen Einmischung“ in diese Freidorf-internen Angelegenheit. Es folgte eine zähe Auseinandersetzung zwischen Genossenschaft und Behörden. „Allmählich wurde der Vorstand gewahr, dass ihn die Dimension, die die ‚Affäre Freidorf‘ angenommen hatte, überforderte, und er betraute einen Basler Advokaten mit den Verhandlungen mit den Behörden des Kantons“, schreibt Huber. Der Konflikt wurde zur Bundessache: Am Ende wurden die eidgenössische Kommission für Denkmalpflege und die eidgenössische Natur- und Heimatschutzkommission aktiv und verfassten eine Resolution für den Erhalt des Genossenschaftshauses. Der Widerstand hatte Erfolg – und so steht das Haus heute noch. Die Genossenschaft konnte ihre Alterswohnungen 30 Jahre später auf der anderen Seite der St. Jakobs-Strasse ebenfalls realisieren, ein Happy End also.

Kleintierhaltung im Freidorf © Staatsarchiv Baselland

„Genosse wird, wer schafft!“
Matthias Möller geht in seinem Beitrag den sich verändernden Beziehungen der Bewohnerschaft zur Genossenschaftsidee nach.  Die Parole „Genosse wird, wer schafft!“ unterlag dem Wandel der Zeit genauso wie das Zusammenleben im Freidorf. Ideal und Realität waren oft weit voneinander entfernt, was aus einem bemerkenswerten Zitat von Freidorf-Gründer Bernhard Jaeggi an der Generalversammlung 1923 hervorgeht: „Theorie und Praxis stimmen bei vielen Menschen nicht überein. Je mehr ihre Ansichten nach links hinneigen, desto kleinbürgerlicher erzeigen sie sich oft in der Praxis.“ In Bezug auf die Gegenwart im Freidorf kommt Möller zum Fazit, dass es sich lohne „für eine Lebendigkeit zu streiten, die manchmal unbequem ist und eingespielte Abläufe durcheinander bringt.“

Freidorf-Laden in den 1970er-Jahren © Staatsarchiv Baselland

Fazit
Die grosse Stärke des Buchs liegt in der ganzheitlichen Betrachtung des Freidorfs – ganz im Sinne der „Vollgenossenschaft“ werden viele unterschiedliche Aspekte beleuchtet, von der Ökonomie bis zur Gartengestaltung. Die lesende ArchtektIn hätte sich einen (noch) stärkeren Fokus auf die architekturhistorischen Aspekte gewünscht. Die Architektur des Freidorfs – vom Städtebau bis zum Detail – kommt insgesamt etwas zu kurz, wobei sich die Frage stellt, an wen sich das Buch in erster Linie richtet: An Baufachleute? Historiker? Genossenschafter? Freidörfler? Positiv hervorzuheben sind die vielen Bilder und Pläne. Dem kulturellen Reichtum des Freidorfs wird das Buch auf jeden Fall gerecht. Viele spannende Details und Anekdoten aus der Geschichte gibt es zu entdecken – erfreulicherweise wird der Blick dabei auch nach vorne, in die Zukunft, gerichtet. Mit den Worten des Autorenteams: „Es wird für die Siedlungsgenossenschaft Freidorf wichtig sein, rechtzeitig Visionen und Ideen zu entwickeln.“ Auf eine rosig schimmernde Zukunft des Freidorfs!

Text: Lukas Gruntz / Architektur Basel


Siedlungsgenossenschaft Freidorf (Hg.)
Das Freidorf – Die Genossenschaft
Leben in einer aussergewöhnlichen Siedlung

September 2019
204 Seiten, 136 teils farbige Abbildungen, gebunden, 21 x 27 cm
ISBN 978-3-85616-898-8
Christoph Merian Verlag, Basel
CHF 49 / EUR 48

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