Buchtipp: Preiswerte 754 Seiten Herzog & de Meuron

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Das Oeuvre von Jaques Herzog und Pierre de Meuron ist in Basel omnipräsent. Beide sind in der Rheinstadt aufgewachsenen und haben als Architekten grossen Einfluss auf das Stadtbild genommen. Während am Stammtisch über „HdM-Town“ Basel geschimpft wird, lohnt sich der differenzierte Blick auf die kontinuierliche Entwicklung ihres eindrücklichen Werks. In Form einer im Birkhäuser Verlag neu aufgelegten, preiswerten Monografie-Sonderausgabe bestehend aus drei Bänden werden die Bauten von 1978 bis 1996 umfassend dokumentiert.

Herzog & de Meuron 1978-1996, Birkhäuser, 2018

Herzog & de Meuron 1978-1996, Birkhäuser, 2018

Bescheidener Anfang auf Nebenbühnen
Auch Stars fangen klein an, spielen schlecht bezahlt in schummrigen Nachtlokalen, auf klapprigen Nebenbühnen oder kleingedruckt als Vorband. Wahrlich unspektakulär: Das erste Projekt des Architektenduos im Jahre 1978 war ein Dachausbau an der Burgstrasse in Riehen. Um alltägliche Fragen ging es dabei, zum Beispiel „den Raum unter den Schrägen optimal auszunutzen.“ Projekt Nummer 4 war 1980 der Umbau und die Renovation eines Mehrfamilienhauses an der Schwarzwaldallee im Auftrag der Pensionskasse der Ciba-Geigy. Dann der erste architektonische Knall: Projekt Nummer 5, das Blaue Haus in Oberwil. Für schlappe 300‘000 Schweizer Franken bauten die Architekten das kleine Einfamilienhaus mit dem charakteristischen, blau gestrichenen Mauerwerk und den beiden runden Stirnfenstern: „Die Rundfenster an den Stirnseiten wurden durch Tatis Film „Mon oncle“ angeregt, in dem sich ein Mann und eine Frau in zwei Rundfenstern wie die Pupillen in zwei Augen bewegen und so den Eindruck erwecken, das Haus würde schielen.“

Herzog & de Meuron 1978-1996, Birkhäuser, 2018

Herzog & de Meuron 1978-1996, Birkhäuser, 2018

Die Suche nach der eigenen Architektursprache
Neben frühen, theoretischen Texten der Architekten beinhaltet Band 1 auch ein im Mai 1988 aufgezeichnetes, bemerkenswertes Gespräch zwischen Jacques Herzog und Museumskuratorin Theodora Vischer über Ortsbezug, Referenzen, Aldo Rossi – und Utopien: „Vielleicht ist damit auch ein Stück Utopie, oder wie man das dann nennen will, verbunden. Ich glaube, dass wir versuchen, ein Stück Realität herzustellen, das abbaubar ist, wenn so will, also verständlich ist“, legt Jacques Herzog am Ende des Gesprächs etwas verschachtelt und umständlich seine architektonische Haltung dar. Es sind diese tastenden, etwas ungeschliffenen Worte des jungen Herzog, die das Gespräch in der Retrospektive interessant machen. Sie vermitteln den Eindruck eines Architekten auf der intensiven, unablässigen Suche nach einer eigenen architektonischen Sprache.

Herzog & de Meuron 1978-1996, Birkhäuser, 2018

Herzog & de Meuron 1978-1996, Birkhäuser, 2018

London, 1994: Durchbruch auf der Weltbühne
Band 3 endet schliesslich dort, wo Herzog & de Meuron die Weltbühne betreten. Im Moment, wo ihnen der grosse internationale Durchbruch gelingt, nämlich dank dem Gewinn des Wettbewerbs für die Tate Modern (1994) in London. „Die neue Tate Gallery ist ein zentrales Projekt in der Werkgeschichte von Herzog & de Meuron, das sie zu internationalen Architekten gemacht hat und viele Entwicklungen auf den Punkt bringt.“ Das Werk von Herzog & de Meuron auf den Punkt bringen? Nach rund 750 Seiten fragt man sich, was der rote Faden, das Verbindende in der Architektur von Herzog & de Meuron ist? Eine mögliche Antwort findet sich im lesenswerten Gespräch mit Künstler Remy Zaugg: „Der Wunsch zu lernen, war stets einer unserer Beweggründe. Und immer lernten wir dank der Zusammenarbeit Neues, das unsere eigene Tätigkeit weiterbrachte.“ Neugier und Lernbegierde scheinen bis heute der HdM’sche Treibstoff zu sein.

Herzog & de Meuron 1978-1996, Birkhäuser, 2018

Herzog & de Meuron 1978-1996, Birkhäuser, 2018

Herzog & de Meuron für arme Leute?
Vom Inhalt zur Form: Das Softcover ist wenig wertig, geschweige denn robust und liegt etwas wabblig in der Hand. Das äusserst dünne Papier lässt Pläne und Fotos fleissig durchschimmern. Das positive daran: In überfüllten Architekturbibliotheken lassen sich die insgesamt 745 Seiten äusserst platzsparend unterbringen. In Sachen Preis-Leistung gibt es die Bestnote: Für so wenig Geld, hat man noch selten so viel Architektur erhalten. Bei all den aufgeblasenen Hochglanz-Architektenmonografien kommen die drei Bände wohltuend unprätentiös daher. Herzog & de Meuron für arme Leute? HdM für alle!

Text: Lukas Gruntz / Architektur Basel


Herzog & de Meuron 1978-1996, Bd./Vol. 1-3
Gerhard Mack

33,0 x 24,0 cm
3 Bände, 745 Seiten, 1381 Abbildungen
978-3-0356-1718-4
134.00 CHF / 99.95 EUR
Birkhäuser Verlag, Basel, 2018

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