Clusterhaus im Gundeli: „Sharing-Konzept im individualisierten digitalen Zeitalter“

0

Laut muss das Tram bimmeln, als ein älterer Herr noch schnell über die Strasse huscht. Entschuldigend hebt er die Hand und wird zu einem der Fussgänger, die an diesem sonnigen Samstagmorgen auf den Trottoirs der Güterstrasse durchs Gundeli flanieren. Das Gundeli, das zu früherer Zeit als schmutziges, unsicheres Arbeiterviertel galt, hat sich in den letzten Jahren zu einem wunderschönen Quartier mit hervorragender Wohnqualität entwickelt. Es lebt von den kulturellen Einflüssen seiner Bewohner und bietet Raum für neue Ideen. Diese Chance hat die Zürcher Architektin Vera Gloor ergriffen. Sie hat ein neues Konzept nach Basel gebracht: Das Clusterhaus.

Neue Wohnform für Basel

Doch was ist das genau, ein Clusterhaus? Ein Clusterhaus ist eine Verbindung von verschiedenen sogenannten Clusterwohnungen in einem Haus. Der Begriff Cluster kommt aus dem Englischen und bedeutet soviel wie Bündel, Ballung oder Haufen. Eine Clusterwohnung ist demnach eine Ballung von Kleinwohnungen in einer WG: Jeder Mieter des Hauses hat seine eigene Wohnung inklusiv eigenem Badezimmer. Die Küche und andere Räume wie etwa ein Wohnzimmer sind für alle Bewohner des Hauses öffentlich zugänglich. Sie werden geteilt und sollen so für mehr Austausch unter den Mietern sorgen.

Dieses Konzept ist in Basel noch relativ neu. Mittlerweile sind Clusterwohnungen auch in anderen Quartieren von Basel, wie zum Beispiel im Erlenmattquartier, zu finden. Vera Gloor kam 2015 mit der Idee nach Basel, nachdem sie bereits gute Erfahrungen damit in Zürich gemacht hatte. Sie war die Erste, welche sich getraut hat, die neue Wohnform in Basel zu etablieren.

«Uns war bewusst, dass das Clusterhaus mit zehn Einheiten ein gewisses Risiko beinhaltet, da es keine Vergleichsobjekte von privaten Anlegern gibt. Aber wir hofften, dass unser Wohnmodell einem Bedürfnis der Zeit entsprechen würde, was sich auch bewahrheitet hat».

Der sanierte Altbau und der Neubau © Architekturbüro Vera Gloor

Der sanierte Altbau und der Neubau © Architekturbüro Vera Gloor

Mehr als nur ein Lückenfüller

Fast unscheinbar steht es da, das erste Clusterhaus von Basel. Als Ergänzung zum frisch sanierten Eckgebäude an der Güter-/Pfeffingerstrasse wurde die daneben befindliche Lücke, welche früher als Belüftung des Innenhofes gedient hatte, 2016 mit einem Neubau, dem Clusterhaus, geschlossen. Während das Eckhaus sehr präsent an der Strasse steht und auffällt durch die schöne Backsteinfassade, den Giebeln und Friesen, nimmt sich das Clusterhaus etwas zurück. Dies drückt sich nicht nur in der Fassadengestaltung aus, sondern auch in der Anordnung der Gebäudevolumen: Das Erdgeschoss verbindet das etwas nach vorne gerückte Eckhaus mit dem Clusterhaus, ab dem ersten Geschoss springt es zurück und nimmt die Flucht der benachbarten Gebäude auf.

Die Wegführung (rote Linie) im Schnitt © Architekturbüro Vera Gloor

Die Wegführung (rote Linie) im Schnitt © Architekturbüro Vera Gloor

Das Gebäude wird via Eckhaus (von der Pfeffingerstrasse her) betreten. Der Grund, warum man den Neubau via Altbau betreten muss, liefert Vera Gloor gleich selber: «Die Erschliessung des Neubaus über den Altbau und die Integration des Treppenhauses in den Gemeinschaftsraum führte zu einer äusserst effizienten Erschliessung der Kleinwohnungen, ohne Verlust von Mietflächen im Erdgeschoss für einen zusätzlichen Hauszugang.»

Das Treppenhaus kann sich sehen lassen! Die Wände in Sichtbeton und der Boden in Hartbeton ausgeführt, wirkt es relativ schlicht. Das schwarze Geländer bildet einen Kontrast zum Grau des Betons. Einzige Farbtupfer sind die roten Aufhängevorrichtungen der Beleuchtungskörper, welche ebenfalls sehr kunstvoll und modern ausgearbeitet sind und das eher dunkle Treppenhaus optimal ausleuchten.

Die grosse Gemeinschaftsküche und das Treppenhaus © Nico Zehnder

Die grosse Gemeinschaftsküche und das Treppenhaus © Nico Zehnder

Immer höher hinauf wendelt sich die Treppe. Man kommt vorbei an zwei Gemeinschaftsküchen, die neben dem Ort für das Kochen auch die Funktion eines gemeinschaftlichen Wohnzimmers übernehmen. Grosse Fenster, viel Licht und ein schöner Tisch der zum Verweilen einlädt, tragen dazu bei. Beide Küchen sowie die Dachlounge mit Terrasse können von allen Bewohnern gemeinsam genutzt werden. So verteilen sich die Bewohner in unterschiedlichen Konstellationen im ganzen Haus.

Sorgfältig ausgewählte Materialien

Das Clusterhaus im Neubau bietet zehn Parteien verschiedene Wohnungsgrössen an: Die Clusterzimmer von ca. 32m2 verfügen alle über ihr eigenes Bad und können teilweise mit einem Zweitzimmer von 16m2 ergänzt oder verbunden werden.  Die 1-Zimmer-Clusterwohnungen waren erstaunlich schnell vermietet und die Bewohner leben mit Überzeugung das Gemeinschaftsmodell. Bei den 2-Zimmer-Clusterwohnungen war es schwieriger. Dementsprechend gab es auch bereits Wechsel. «Ein Grund dafür könnte sein, dass die Interessenten für diese Wohnform offensichtlich nicht über das entsprechende Wohnbudget verfügen», meint Vera Gloor. «Wir werden diese zwei Doppeleinheiten nun mit individuellen Kleinküchen ausstatten, damit wir Interessenten für 2-Zimmer-Wohnungen auf dem Markt ansprechen können, ohne das Gemeinschaftsmodell zu gefährden.»

1. und 5. Obergeschoss © Architekturbüro Vera Gloor

1. und 5. Obergeschoss © Architekturbüro Vera Gloor

Beim Betreten der Wohnungen fallen einem direkt die sorgfältig ausgewählten Materialien auf: Wie im Treppenhaus sind auch in den Wohnungen die Wände und Decken in Sichtbeton und der Boden als naturfarbenen, fugenloser Hartbetonboden ausgeführt. Kombiniert werden diese Materialien mit schlichten Einbauten aus Seekiefer. Somit wird eine Raumstimmung erzeugt, die vom Mieter belebt und individuell gestaltet werden kann.

«Ich vermisse eine eigene Küche!»

Wie lebt es sich in einer Clusterwohnung? Wie gut kommt man mit den Nachbarn zurecht? Antworten auf diese Fragen liefert Jamal Regragui. Er wohnt seit dem Ersteinzug 2016 in der Wohnung im Dachgeschoss und ist sehr glücklich darüber: «In der Wohnung fühle ich mich superwohl, es ist keine 0815-Wohnung und die Miete ist sehr günstig. Das Wohnmodell des Clusters war für mich anfangs etwas gewöhnungsbedürftig, ich habe mich aber mittlerweile daran gewöhnt.»

Auf die Frage, wie das Zusammenleben mit den Nachbarn funktioniere, antwortet er mit einem Lächeln: «Eigentlich ganz gut. Anfangs hatte ich viel Kontakt mit den Nachbarn. Da jeder andere Arbeitszeiten hat und unterschiedlich spät nach Hause kam, war es mit dem gemeinsamen Essen etwas schwierig. Daher versuchten wir mindestens einmal in der Woche zusammen zu kochen und essen (meistens am Sonntag). Das war immer sehr lustig. Wir gingen auch zusammen in den Ausgang oder machten einen Ausflug.»

Jamal Regragui spricht über die bestens isolierte Eingangstür © Nico Zehnder

Jamal Regragui spricht über die bestens isolierte Eingangstür © Nico Zehnder

Leider kam es dann zu einem grossen Mieterwechsel. «Die neuen Nachbarn sehe ich weniger, die meisten nützen die Wohnung als Unterkunft unter der Woche, weil sie hier arbeiten, und gehen am Wochenende zurück zur Familie. Das macht das ganze viel anonymer. Oft sehe ich Personen, die ich nicht kenne und frage mich dann: Wohnen die hier oder sind sie Gäste?» Zu den Nachbarn in unmittelbarer Nähe hat Jamal Regragui ein gutes Verhältnis. «Man muss sich einfach noch besser kennen lernen, dann wird’s wieder wie früher», sagt er zuversichtlich.

Clusterhaus = Zukunft des Wohnens?

Würde er die Clusterwohnung weiterempfehlen? «Ich empfehle diese Wohnform jedem, der keine 0815-Wohnung möchte und gerne in Gesellschaft lebt. Ob jung oder alt spielt dabei keine Rolle!»

Fassade © Architekturbüro Vera Gloor

Fassade © Architekturbüro Vera Gloor

Auch Vera Gloor sieht der Zukunft des Cluster-Wohnungsmodells positiv entgegen: «Wir sind überzeugt, dass Sharing-Konzepte im individualisierten digitalen Zeitalter Zukunft haben. Zukünftig werden sich wahrscheinlich vermehrt auch Wohn/Arbeits-Cluster etablieren, da vermehrt im Homeoffice gearbeitet wird. Dies wird auch eine Überarbeitung der Bauzonenordnung erfordern, da nicht mehr zwischen Wohnen und Arbeiten unterschieden werden kann.»

Das gemeinschaftliche Leben ist zukunftsweisend. Es gibt Leute, die möchten in Gesellschaft leben, aber trotzdem ihren Rückzugsort haben. Ältere Leute, deren Kinder bereits ausgezogen sind, oder junge Leute, die eine günstige Bleibe suchen. Das Clusterhaus bietet für alle Alters- und Nutzungsgruppen eine Wohnung. Und das kann man doch zukunftsweisenden Fortschritt nennen!

Text: Nico Zehnder

Der Text ist in der Schreibwerkstatt am Institut Architektur FHNW im Frühlingssemester 2019 entstanden.


Pläne: Architekturbüro Vera Gloor AG

Fotos: Architekturbüro Vera Gloor AG, Nico Zehnder

Quellen: Architekturbüro Vera Gloor AG, Interview mit Vera Gloor, Interview mit Jamal Regragui

Teile diesen Beitrag!

Comments are closed.