Das war 2019: Fünfmal TOP und fünfmal FLOP

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„I’ma relish on the fact vibin‘ on the future / Herzog and de Meuron in an office out in Basel“, flowt Kanye West aus den wummernden Boxen im alten Saab 900. Wir fahren über die Wettsteinbrücke ins Kleinbasel. Zur Rechten erhebt sich die Grossbaustelle der Roche. Unzählige rote Kräne türmen sich in dem Himmel. The sky’s the limit. Links den Bach ab kommen wir irgendwann ins Klybeck, dem spannendsten Entwicklungsgebiet der Stadt. Es ist Ende Dezember 2019. Wir fragen uns: Ein guter Jahrgang? Ein schlechter?

Das Architekturjahr hatte in Basel auf jeden Fall einiges zu bieten. Debatten wurden lanciert, Abstimmungen verloren, Wettbewerbe auserkoren. Rund um den Bahnhof SBB manifestiert sich ein städtebaulicher Massstabssprung. MOH, Baloise Park – und bald folgt das Nauentor. Der genossenschaftliche Wohnungsbau nimmt langsam Fahrt auf. Das politische Bewusstsein, der Wunsch nach Einflussnahme, in der Bevölkerung punkto Arealentwicklungen wächst. Positive Tendenzen in Basel. Nichtsdestotrotz: Architektur als bedeutendes Kulturgut muss auch in der Architekturstadt immer wieder aufs Neue erkämpft werden. Top oder Flop? Hier unser kleiner Jahresrückblick.

5 x TOP

01 // MOH sorgt für lebendige Architekturdebatte

Meret Oppenheim Hochhaus © Architektur Basel

Meret Oppenheim Hochhaus © Architektur Basel

Es wird geliebt. Es wir gehasst. Es provoziert. Von einem „kolossalen Elefanten“ im Basler Stadtraum schrieb die NZZ. Die Rede war vom Meret Oppenheim-Hochhaus: „Der 85 Meter hohe Bau versetzt die Basler in Aufregung, weil er sich gängigen Vorstellungen von Schönheit und Eleganz widersetzt.“ Genau darin liegt die grosse Qualität, die buchstäbliche Relevanz des MOH. Es fordert den Betrachtenden heraus. Es widerspricht. Damit leistet es einen wesentlichen Beitrag zur einer lebendigen Debatte über Architektur in Basel. Selten war es einfacher, mit Wildfremden im Drämmli eine Diskussion über Architektur zu lancieren: „Wie gfallt Ihne eigentlig ’s MOH so?“

02 // Publikumserfolg: Open House Basel etabliert sich

Open House Basel 2019

Der Hausherr öffnet die Türen: Meinrad Morger führt durch das Haus Huber in Riehen von Artaria & Schmidt © Open House Basel 2019

Zum zweiten Mal öffneten sich im 2019 die Türen zu besonderen architektonischen Leckerbissen. Das Open House war nach der Erstauflage im Vorjahr erneut ein voller Erfolg. Es ist den Organisatoren rund um Esther Baur und all den zahlreichen Volunteers zu verdanken, dass sich die Architekturstadt an einem Wochenende niederschwellig und ohne grosses Expertengehabe der Öffentlichkeit präsentiert. Dafür gibt es nur ein Prädikat: Top!

03 // Endlich! Reset für Kuppel-Neubau

Aussenvisualisierung des Siegerprojekts © Vécsey Schmidt Architekten, ponnie images

Es wurde viel geschrieben, gemunkelt und spekuliert. Wird die Kuppel jemals den Weg zurück nach Basel finden? Todgeweihte leben länger: Im 2019 kam es tatsächlich und zum Erstaunen so mancher Kritiker zum Reset rund um den Kuppel-Neubau. Der Stiftung rund um Alt-Grossrat Tobit Schäfer gelang es, die baurechtlichen und finanziellen Fragen soweit zu klären, dass ein verheissungsvoller Neustart gelingen konnte. Der Architekturwettbewerb mit gutem Teilnehmerfeld lieferte sehenswerte Beiträge für den Neubau. Gewinnen konnten Vécsey Schmidt Architekten: „Insgesamt ist den Verfasserinnen und Verfassern ein allseits überzeugender Vorschlag gelungen, der das Potenzial hat, die Neue Kuppel Basel als emblematischen Ort im Nachtigallenwäldeli mit einem eigenständigen Gepräge einem neuen Publikum zu erschliessen.“ Wir freuen uns auf den emblematischen Ort – und vor allem unvergessliche Konzerte.

04 // Binningen prämiert gute Architektur

Sanierte Wohngenossenschaft Meiriacker – Übergabe des Architekturpreises Binningen 2018 an die Preisträger, zVg

Sanierte Wohngenossenschaft Meiriacker – Übergabe des Architekturpreises Binningen 2018 an die Preisträger, zVg

Dass eine Agglo-Gemeinde gute Architektur auszeichnet, ist alles andere als selbstverständlich. Umso bemerkenswerter ist es, dass Binningen 2019 einen eigenen Architekturpreis lancierte. Der Architekturpreis Binningen zeichnete in seiner ersten Ausgabe zwei Projekte aus. In der Jury sassen unter anderem die Architekten Simon Hartmann (HHF) und Anne Marie Wagner (Bachelard Wagner). In Zeiten, wo besonders viel gebaut wird, ist es von entscheidender Bedeutung, die Frage nach der Qualität zu stellen. Insofern geht die Gemeinde Binningen hier mit gutem Vorbild voran.

05 // Wohltuende Radikalität wider aller Standardisierung

Coopérative d'Ateliers von Degelo Architekten auf der Erlenmatt Ost © Architektur Basel

Coopérative d’Ateliers von Degelo Architekten auf der Erlenmatt Ost © Architektur Basel

Man kann von den Genossenschaftswohnungen der „Cooperative d’Ateliers“ an der Signalstrasse auf der Erlenmatt halten, was man will. Etwas hat Architekt Heinrich Degelo damit geschafft: Er bewies, dass auch im Jahr 2019 neuer Wohnraum günstig gebaut werden kann. Sehr günstig sogar. Die Wohnfläche kostet 10 CHF pro Quadratmeter im Monat. Low-tech ist das Credo: Eine Heizung wurde keine eingebaut. Geheizt wird mit der Abwärme von elektrischen Geräten, Kochherd oder Ofen. Über die Form kann man natürlich streiten. Das radikale, kompromisslose Hinterfragen von Konventionen und Wohnstandards ist auf jeden Fall wohltuend. Wir brauchen mehr davon.

5 x FLOP

01 // Baukultur verliert auf Voellmy Areal

Faltwerksdecke des Holzlager der Schreinerei Voellmy © Walter Grunder, Binningen

Faltwerksdecke des Holzlager der Schreinerei Voellmy © Walter Grunder, Binningen

Die Schlagzeile sorgte im Januar 2019 für rote Köpfe: „Baudenkmal vor Zerstörung: Burkhardt`schem Landhaus droht die Abrissbirne“ Für alle Verfechter der Basler Baukultur war es eine Hiobsbotschaft. Eine doppelte: Nicht nur das Landhaus ist vom Abbruch bedroht, auch das Schreinereigebäude aus dem Jahre 1959 soll abgerissen werden. Es handelt sich um einen bemerkenswerten Bau der Architekten Vischer in enger Zusammenarbeit mit dem bedeutenden Basler Ingenieur Heinz Hossdorf (1925-2006). Das Tragwerk ist eine ingenieurtechnische Meisterleistung. Die „unterzugslos unter den Tragrippen durchlaufende“ Faltwerkdecke der Überdachung des ursprünglich offenen Holzlagers im obersten Geschoss war in den späten 1950er-Jahren eine bautechnische Innovation. Inzwischen wurden die beiden Bauten auf die „Rote Liste“ für „gefährdete Objekte von baukulturellem Wert“ gesetzt.

02 // Ozeanium geht den Bach ab

Ozeanium versinkt im Rhein © Alvara Dalbeloch

Ozeanium versinkt im Rhein © Alvara Dalbeloch

Es war ein klares Verdikt an der Urne. Mit 54% Nein-Stimmen schickte die Basler Stimmbevölkerung das Ozeanium-Projekt von Boltshauser Architekten den Bach ab. Aus architektonischer und städtebaulicher Sicht ist das bedauernswert. Der Heuwaage hätte ein städtebaulicher Akzent in Form des Ozeaniums gut getan. Da half es auch nicht, dass Architekt Roger Boltshauser vor der Abstimmung kundtat, selbst Mitglied der Grünen Partei zu sein. Jener Partei also, die den Neubau in Basel an vorderster Front bekämpft hatte. Was bleibt? Ein bemerkenswertes Projekt wandert in den Papierkorb – und die Heuwaage wartet weiter auf eine städtebauliche Neuinterpretation.

03 // Vorwürfe am Bachgraben

Gartenbad Bachgraben in Basel (1961/1962) von Otto Senn © P.+ E. Merkle, Basel

Gartenbad Bachgraben in Basel (1961/1962) von Otto Senn © P.+ E. Merkle, Basel

Das Vergabeverfahren am Bachgraben war der Aufreger im heissen Basler Architektursommer. Ungewohnt boulevardesk titelte Architektur Basel: „Baudenkmal und Dumpingpreise – problematisches Vergabeverfahren am Bachgraben.“ Was war passiert? Für die Sanierung wurde per Ausschreibung ein Architekturbüro als Generalplaner gesucht. Der Haken am gewählten Verfahren: Ein massgebendes Kriterium bei der Vergabe war die Höhe des Honorars – und nicht etwa architektonisch-qualitative Kriterien. Das Verfahren wurde von Fachverbänden scharf kritisiert: „Für den Zuschlag werden ausschliesslich Fähigkeit und Preis als Kriterien bewertet. Um der Komplexität der Umbaumassnahmen und dem Schutzstatus des Gebäudes zu entsprechen, fehlt aber die Bewertung der Methodik. Das Preiskriterium wird mit 30% gewertet – zulässig gemäss SIA 144 wären maximal 25%.“ Was blieb? Erhitzte Gemüter und die Erkenntnis, dass hochstehende Baukultur in Basel keine Selbstverständlichkeit ist.

04 // Poesieloses City Gate

2002 versus 2019 © Diener & Diener / SSA Architekten

2002 versus 2019 © Diener & Diener / SSA Architekten

Von „Wildnis“ wurde gesprochen. Von „Waldpark“ war die Rede, damals im Jahre 2002. Wir erinnern uns an die erste bildhafte Erzählung: Im bestehenden Villenpark schimmerten vier grosse gläserne Bauten, die wie wertvolle Schatzkisten hinter den imposanten Bäumen des Waldes hervorblinzelten. Die frühe Fotomontage stammte aus der Feder von Diener & Diener Architekten, die den Masterplan für das Areal entwickelten. Wir besichtigen im Frühjahr 2019 das Areal und fragten konsterniert: Wo ist die Poesie hin? Roger Diener nahm in einer bemerkenswerten Replik in der BaZ den Ball auf und schrieb: „Enttäuschung und Ernüchterung entsteht, da der entscheidende Wesenszug des städtebaulichen Leitbilds nicht zustande kommen wird: der erlebbare Dialog zwischen einem neuen städtischen Platz und dem zauberhaften, kleinen Waldpark.“

05 // Rheinterrassen: Nein, danke!

Visualisierung „Rheinterrassen“ © pg landschaften

Stell dir vor: es ist IBA in Basel und niemanden interessiert’s. Das mag etwas überspitzt sein, aber die internationale Bauausstellung konnte bisher tatsächlich keine Begeisterung entfachen. Im Oktober 2019 wurde das Projekt der „Rheinterrassen“ präsentiert. Das Kleinbasler Rheinbord soll partiell mit ein paar Holzstufen bekleidet werden. Dafür sollen insgesamt 387‘000 Franken Steuergelder aufgewendet werden. Ein stolzer Preis für 150 Sitzplätze mit einer Nutzungsdauer von lediglich drei Jahren! Macht pro Sitzplatz rund 2’500 Franken Erstellungskosten. Wir fragten: „Ist das nötig?“

ZUM SCHLUSS
merci, thank you, danggscheen

Gar nicht so einfach – Grundrisse erraten © Architektur Basel

Unser legendäres Grundrissrätsel hat’s ins S AM geschafft: „Gar nid soo eifach…“ © Architektur Basel

Es muss immer wieder mal gesagt werden: Das Kollektiv hinter Architektur Basel arbeitet ehrenamtlich. Unsere Beiträge, Bilder und Texte entstehen zu später Stunde nach Feierabend – oder an sonnigen Sonntagmorgen. Was uns antreibt, ist die Leidenschaft für die Architektur in unserer liebenswerten Provinzweltstadt. Rund 15‘000 monatlichen Leserinnen und Lesern auf unserer Webseite scheint es ähnlich zu gehen. Das freut uns. Ein kleiner Werbespot zum Jahresende sei erlaubt: Abonniert unseren kostenlosen Newsletter und bleibt in Sachen Architektur Basel auch im 2020 stets am Ball. Und: Nutzt unsere Stellenbörse! Wir werden alles dafür geben, die Worte des kürzlich verstorbenen Werner Blaser in Ehren zu halten: „Architektur ist in Basel zu einem Teil der Kultur geworden“.

Text: Lukas Gruntz / Architektur Basel

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