Die einzige Wehrkirche der Schweiz: St. Arbogast Muttenz | Baselbieter Baukultur #53

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Folgt man den Wegen und Strassen im alten Dorfkern von Muttenz, so führen sie alle zur Pfarrkirche St. Arbogast. Die Kirche bildet den Mittelpunkt des Dorfes. Die mehr oder minder runde Anlage steht auf einer ellipsenförmigen Strasseninsel. Eine geschlossene Befestigungsmauer umgibt die gesamte Kirche mit Nebengebäuden. Somit ist die Pfarrkirche St. Arbogast die einzige Kirche der Schweiz mit einer allseitig intakten Wehrmauer.

Wehrkirche St. Arbogast, Muttenz © Architektur Basel

Wehrkirche St. Arbogast, Muttenz © Architektur Basel

Als am 18. Oktober 1356 am späten Nachmittag in Reinach die Erde bebte und grosse Teile der Stadt Basel in Brand setzte und zerstörte, wurde auch Muttenz nicht verschont. Von der ursprünglichen Kirche aus dem 12. Jahrhundert, erbaut durch die Grafen von Froburg und Homburg sind heute nur noch Teile des Vorchors erhalten. Im 14. Jahrhundert wurde die Kirche durch die Münch, einem wichtigen Geschlecht der Basler Ritterschaft wiederaufgebaut. Den Münch gehörten unter anderem auch die Burg Münchenstein, das Schloss Angenstein oder die Vordere und Mittlere Wardenberg (Burgen). Um 1420 erhielt St. Arbogast einen neuen Kirchturm, das Altarhaus und wurde mit der heute typischen Befestigungsanlage mit Zinnenmauer umgeben. Warum aber? Schliesslich stellte die Kirche keine militärische Einrichtung dar, die in diesem Sinne hätte befestigt werden müssen. Die Denkmalpflege Baselland nennt die Zerstörung der umliegenden Burgen beim Erdbeben von 1356 als möglichen Grund. Die Kirche in Muttenz sollte möglicherweise als neuer Fluchtort der Bevölkerung im Falle zukünftiger Auseinandersetzungen dienen.

Wehrkirche St. Arbogast, Muttenz © Architektur Basel

Wehrkirche St. Arbogast, Muttenz © Architektur Basel

Im 15. Jahrhundert verloren die Münch an Einfluss und mussten Muttenz um 1470 schliesslich an die Stadt Basel abtreten. Ebenfalls aus dieser Zeit stammt der Chor. Im 16. Jahrhundert wurde die Kirche um eine Holzdecke ergänzt. Im Aussenbereich entstand ein Beinhaus. Im Zuge der Reformation in Basel wurden die eben erst geschaffenen Freskenzyklen übertüncht und sämtliches Inventar entweder verbrannt oder verkauft. Der Turm der Kirche ist etwas später erhöht worden, ebenso die Fenster des Hauptschiffes. 1854 entdeckte man diverse Wandmalereien, die zwischen dem 14. und 16. Jahrhundert entstanden sind und übermalte sie. 1955 schliesslich restaurierte man Wandbilder im Beinhaus.

Wehrkirche St. Arbogast, Muttenz © Architektur Basel

Wehrkirche St. Arbogast, Muttenz © Architektur Basel

Die vielen Anbauten teilweise in der Wehrmauer oder gar ausserhalb zeigen deutlich, dass die Mauer mit grosser Wahrscheinlichkeit – zwar nicht bei ihrem Bau – aber sehr bald eher symbolischen Charakter besass. Dennoch wurde die Mauer über die gesamte Zeit vollständig erhalten, was uns heute einen unglaublich schönen Innenhof beschert – und nicht zuletzt Muttenz ein tolles Stadtbild!

Text: Simon Heiniger / Architektur Basel


Wehrkirche St. Arbogast
Adresse: Kirchplatz 1, 4132 Muttenz
Architektur: unbekannt
Baujahr: 12. Jhd.
Wiederaufbau: 14. Jhd. (nach Erdbeben)
Ausbau: 1420 (Turm, Befestigung, Tortürme, Altarhaus)
Ergänzungen: 16. Jhd. (Holzdecke, Beinhaus)
Funktion: Pfarrkirche


Fotos:
– Simon Heiniger / Architektur Basel
Quellen:
– Kantonales Inventar der geschützten Kulturdenkmäler Basel-Landschaft, Online-Katalog
– Huber, Dorothee (2014), Architekturführer Basel, Christoph Merian Verlag, Basel. ISBN: 978-3-85-616-613-7

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