Die Uhrenindustrie als Standortmarketing in Waldenburg | Baselbieter Baukultur #65

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Mit dem Ende des Ersten Weltkrieges erstarkte die Auftragslage der Uhrenindustrie im Waldenburgertal. Diesen Schwung übersetzten die beiden Architekten Jean-Ulysse Débely und Gustave Robert aus La-Chaux-de-Fonds in den Entwurf eines neuartigen Fabrikationsgebäudes an der Hauptstrasse Nr. 87.
Die feinmechanische Herstellung von Uhren und Uhrenbestandteilen ist aus architektonischer Sicht vor allem auf eines angewiesen: genügend Licht. Schmale, hohe und insbesondere beidseitig belichtete Räume eigneten sich optimal für diesen Zweck. Die ersten Fabrikgebäude der Revue Thommen in Waldenburg ab 1870, aber auch die Architekten Werner Oesch und Constant Rossier mit den Gebäuden der Oris SA in Hölstein um 1910 orientierten sich an diesem Rezept. Auch umgenutzte Gebäude ehemaliger Bandfabriken, wie jene in Niederdorf, eigneten sich aufgrund ähnlicher Voraussetzungen bestens dafür.

Revue Thommen, Hauptstrasse Nr. 87, Waldenburg, 2019 © Architektur Basel

Revue Thommen, Hauptstrasse Nr. 87, Waldenburg, 2019 © Architektur Basel

Débely und Robert entwarfen für den Industriellen Gédéon Thommen in Waldenburg ein fast quadratisches dreigeschossiges Gebäude mit einem Innenhof. Dieser wurde über ein zentrales Glasdach grosszügig belichtet. Rund um den Lichthof ordneten sie einem Kaufhaus gleich Galerien an. Die Grossraumateliers wurden auf diese Weise ebenfalls zweiseitig belichtet. Unter Thommen wurden in Waldenburg verschiedene Gebäude gebaut. In jedem Fall war Thommen auch immer an der repräsentativen Wirkung seiner Bauten interessiert. Mit dem Bau der Schule nach seiner Initiative oder seiner eigenen Villa oberhalb des Bahnhofs, der Waldenburgerbahn als Hauptverkehrsmittel und schliesslich der Fabrikationsbauten der Revue betrieb er erfolgreich Standortmarketing für Waldenburg. Nach den anderen Industriebauten an der Hauptstrasse Nr. 83 (um 1859), Nr. 85 (um 1883) und Nr. 89 (um 1941) stellt der Bau von Débely und Robert das bedeutendste Gebäude dar. Die elfachsige, barockisierte Strassenfassade mit stark vorstehenden Lisenen, Zahnfries und Rundbogengiebel mit Uhr ist tatsächlich nicht zu übersehen.

Mechanikersaal mit guter Belichtung in einem der Fabrikationsgebäude in Waldenburg, 1936-1968, D2.369, Fotograf: Theodor Strübin, Fotosammlung Archäologie und Museum Baselland, CC BY-SA 4.0

Mechanikersaal mit guter Belichtung in einem der Fabrikationsgebäude in Waldenburg, 1936-1968, D2.369, Fotograf: Theodor Strübin, Fotosammlung Archäologie und Museum Baselland, CC BY-SA 4.0

Der Bau wurde in einer Eisenbetonkontruktion erstellt; auch die Dachkonstruktion. Für die Planung der damals noch selten verwendeten Eisenbeton-Binder wurde das «Spezialbüro für Baukonstruktion» des Architekten und Ingenieurs Max Münch aus Bern/Zürich beauftragt.
Die neuartige Dachkonstruktion ist uns erhalten geblieben, nicht aber das damals ebenso fortschrittliche Raumkonzept. Aufgrund arbeitshygienischer Vorschriften wurden die Grossraumateliers relativ schnell unterteilt. Auch der grosse Lichthof soll nicht mehr existieren; in den 1990er-Jahren wurde ein Zwischenboden eingezogen.

Text: Simon Heiniger / Architektur Basel


Fabrikgebäude Revue Thommen Waldenburg
Adresse: Hauptstrasse 87, 4437 Waldenburg
Architektur: Jean-Ulysse Débely & Gustave Robert
Baujahr: 1916/17
Funktion: Uhrenindustrie


Fotos:
– © Simon Heiniger / Architektur Basel
– © Online-Archiv der Fotosammlung Archäologie und Museum Baselland (Lizenz: CC-BY-SA 4.0)
Quellen:
– Gamp A. & Sommerer S. (2014), Der Bezirk Waldenburg: Kunstdenkmäler der Schweiz Kanton Basel-Landschaft, Gesellschaft für Schweizerische Kunstgeschichte GSK, Bern. ISBN: 978-3-03797-115-4 ISSN: 2235-0632
– Frei-Heitz, B. (1995), Industriearchäologischer Führer Baselland, Baselbieter Heimatschutz + Wiese Verlag AG, Basel. ISBN: 3-900164-38-2
– Affolter, C. im Auftrag der Denkmalpflege BL (2007), Bauinventar Kanton Basel-Landschaft BIB, Gemeinde Waldenburg

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