Ein Haus WOBA: Baudenkmal und Studentenwohnheim zugleich

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Manchmal sind es kleine Zufälle, die den Lauf der Dinge beeinflussen. Der Zufall wollte es, dass ich im Herbst 2016 bei den Recherchen für meine Masterthesis über die „Wohnkolonie Eglisee“ der WOBA 1930 erfuhr, dass ein Reihenhaus der Architekten Artaria & Schmidt seit Kurzem leer stehe. Der Zufall wollte es zudem, dass das besagte Haus im Innern zu weiten Teilen – von der Raumaufteilung über die Holzöfen bis zum Linoleum-Bodenbelag –  dem originalen Zustand von 1930 entsprach.

„Wohnkolonie Eglisee“: Die Zeilenbauten der WOBA-Siedlung als Axonometrie

Dank Überzeugungsarbeit zum Mietvertrag
Daraus entwickelte sich Schritt für Schritt das Projekt „Ein Haus WOBA“ zur Rückführung des Hauses in den Originalzustand. Bei der Eigentümerin, der Genossenschaft Eglisee, leistete ich mit meinen beiden Mitstreitern, Benjamin Adler und Klaus Spechtenhauser, viel Überzeugungsarbeit. Es sei für die Geschichte der gesamten Siedlung und der Genossenschaft von Bedeutung, zumindest ein Haus im originalen Zustand zu erhalten. „Die WOBA war in der Schweiz die erste soziale Wohnsiedlung mit konsequenter Anwendung der avancierten Bautechnik“, liest man im Lexikon der Architektur des 20. Jahrhunderts von Vittorio Magnago Lampugnani. Nach zahlreichen Gesprächen und gemeinsamen Begehungen war es im Sommer 2018 so weit: Der von uns in der Zwischenzeit gegründete Verein „Ein Haus WOBA“ durfte einen unbefristeten Mietvertrag mit einer garantierten Mindestdauer von 10 Jahren für das Reihenhaus Im Surinam 126 unterzeichnen.

„Es gibt viel zu tun…“ Das renovationsbedürftige Haus im August 2018

Denkmalpflege beginnt im Detail
Damit ging die Arbeit erst richtig los: Mit dem erfahrenen Restaurateur Stefan Buess an unserer Seite wurden sämtliche Oberflächen und die darunterliegenden Schichten im Haus akribisch untersucht. Dadurch erhielten wir Informationen über die originale Farbfassung oder Tapezierung. Ausserdem galt es anhand von historischen Fotoaufnahmen sämtliche nicht mehr im Original vorhandenen Bauteile, wie Fenster, Rolläden, Sanitär-Armaturen, Lichtschalter oder Steckdosen zu rekonstruieren. Insbesondere bei den Elektroinstallationen bestand die Herausforderung darin, originalgetreue Teile zu finden, die dennoch die heutigen Sicherheitsstandards erfüllen.

Schicht um Schicht zurück zum Original

Schicht um Schicht zurück zum Original: Untersuchung am Holzwerk und der Tapete

Suche nach dem „Siedlungsherd“
Eine ganz besondere Recherche galt dem Elektroherd. Die Firma Therma AG hatte 1930 extra für die WOBA den sogenannten „Siedlungsherd“ entwickelt. Es handelte sich dabei um einen der ersten Elektroherde, der für breite Bevölkerungskreise erschwinglich sein sollte. Der im Original blau emaillierte Herd war in der Ausstellungssiedlung eine besondere Attraktion. Nach einer langen Recherche, die uns bis ins Glarnerland führte, wo die Herde ursprünglich produziert wurden, fanden wir den besagten Herd – einem Suchaufruf auf Facebook sei Dank – in einem kleinen Dorf im nahen Elsass. Was für ein Glück! Der Herd ist in einem äusserst guten Zustand – und stand bis heute in regem Gebrauch. Bald wird er an seinen ursprünglichen „Bestimmungsort“ zurückkehren.

Elektroherd anno 1930: Der legendäre blaue Siedlungsherd der Therma AG

Spenden gesucht
Daneben galt und gilt unsere ehrenamtliche Arbeit der Spenden- und Gönnersuche. Die Restaurierungskosten inklusive Innenausstattung und Möblierung belaufen sich auf rund 130’000 Schweizer Franken. Für den baukulturellen Wert, den es hier zu erhalten gilt, eine kleine Summe, die sich jedoch nicht ohne weiteres sammeln lässt, wie wir feststellen mussten. Trotz diverser Fördergesuche und zahlreichen, grosszügigen Spenden fehlen bis heute rund 35’000 Franken. Was wiederum heisst, dass unser Verein bisher gegen 100’000 Franken sammeln konnte. Eine schöne Summe, die jedoch (noch) nicht ganz ausreicht, um das gesamte Haus zu restaurieren. Wir sind also weiterhin auf Spenden angewiesen. Auf unserer Webseite findet sich ein Spendenkatalog, wo die Verwendung der Beiträge anschaulich dargestellt wird. Ausserdem: Dank der Gemeinnützigkeit unseres Vereins können Spenden von den Steuern abgezogen werden.

Zwischenstand der Spendensammlung im Dezember 2018

Das kleinste Studentenwohnheim der Stadt
Die Zukunft des Haues mit seinen knappen 45 m2 Wohnfläche verstehen wir – ganz im Sinne der ursprünglichen Siedlung – als soziales Wohnexperiment. Zwei Studierende werden zu günstigen Konditionen die beiden möblierten Zimmer bewohnen und sich das Wohnzimmer, Bad und Küche teilen. Sie werden mit Holz heizen und den originalen Siedlungsherd zum Kochen benutzten. Das Haus soll dabei weiterhin einer interessierten Öffentlichkeit offenstehen. Die Vermietung sieht deshalb regelmässige Besuchstermine vor.

45 Quadratmeter = „Wohnung für das Existenzminimum“

Von der Kleinwohnung zum Tiny House
Das Haus WOBA wird das erste Wohnhaus aus der Epoche des Neuen Bauens in Basel, dass man besichtigen kann. Hier schliesst sich der Kreis zur damaligen WOBA-Siedlung, die als Ausstellung einer breiten Öffentlichkeit die Fragen der „rationellen Kleinwohnung“ zu günstigen Mietpreisen näherbringen wollte. Statt von Kleinwohnung würde man heute von „Tiny House“ sprechen. Die Frage des günstigen Wohnraums auf kleiner Wohnfläche ist in Zeiten von steigenden Bodenpreisen und Baukosten von grosser Relevanz. In diesem Sinne liefert das Haus WOBA auch nach fast 90 Jahren einen bemerkenswerten Beitrag zur Frage des Wohnens. 

Text: Lukas Gruntz / Architektur Basel


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Basler Kantonalbank, Postfach, 4002 Basel
Inhaber: Ein Haus WOBA, 4052 Basel
Vermerk: Im Surinam 126

weitere Infos: www.ein-haus-woba.ch

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