Ein poetischer Zeitzeuge – das Vivarium im Zoo Basel

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«Ich habe den grössten Fisch gefunden, ich habe gewonnen!» Eine Familie steht vor einem Aquarium. Die Goldstrieme aus dem Mittelmeer bleibt aber nicht lange interessant; der Knochenhecht aus den Süsswassern Nordamerikas ist zwar minimal kleiner, mit seinem schwertförmigen Maul aber nicht minder beeindruckend. «Der bewegt sich ja gar nicht». Etwas dynamischer unterwegs sind die nicht mal zwei Zentimeter langen Bergkristallsalme aus dem Amazonas hinter der Scheibe nebenan. Die Familie geht weiter. Es gibt wahrlich viel zu entdecken in den Aquarien des Vivariums im «Zolli», dem zoologischen Garten in Basel. Geplant wurde das in mehrerer Hinsicht interessante Gebäude durch Architekt Martin H. Burckhardt.

Vivarium Zoo Basel von Burckhardt+Partner © Architektur Basel

Vivarium Zoo Basel von Burckhardt+Partner © Architektur Basel

Vom Tiergarten zur Bildungseinrichtung
Um die gesellschaftliche Bedeutung des Vivariums zu begreifen, lohnt sich ein kleiner Ausflug in die Geschichte zoologischer Gärten. Die frühesten Anlagen, die im weitesten Sinne als zoologische Gärten bezeichnet werden können, finden sich fast ausschliesslich in privaten Händen. Bereits vor 1800 wurden in höfischen Tiergärten exotische Tiere, Greifvögel und Raubkatzen in Menagerien gehalten. Der Tiergarten Schönbrunn in Wien ist mit Jahrgang 1778 die älteste Anlage der Welt. Viele dieser Anlagen wurden später öffentlich zugänglich. Die ersten bürgerlichen Tiergärten öffneten nach 1860. So 1874 auch der zoologische Garten in Basel.

Der Werdegang des Zollis kann in mehrere Phasen zusammengefasst werden. Bis zum zweiten Weltkrieg lag der Fokus insbesondere auf der Zurschaustellung möglichst exotischer Tiere – und Menschen notabene. Allerdings gründete die Tierhaltung noch nicht auf wissenschaftlicher Basis. Während der Weltkriege wurde es zunehmend schwierig, Tiere aus fernen Ländern zu importieren. In den Jahren danach veränderte sich das Bewusstsein des Zoos hin zu einer Forschungseinrichtung.

Vivarium Zoo Basel, Querschnitt © Burckhardt+Partner

Vivarium Zoo Basel, Querschnitt © Burckhardt+Partner

Die veränderten Bedingungen in Europa begünstigten diese Entwicklung. Im Einklang mit der kontinuierlichen Neugestaltung des Gartens durch Landschaftsarchitekt Kurt Brägger ab 1954 äusserten sich diese wissenschaftlichen Bestrebungen ab ca. 1960 in konkreten Bauten: eine Anlage für Flusspferde und Nashörner, ein Affenhaus oder Anlagen für die Zucht von Raubtieren. Von Beginn weg etwas stiefmütterlich behandelt wurden Aquarien- und Terrarientiere. Einige wenige gab es zu bestaunen; um 1940 allerdings waren sie noch in einfachen Behältern im Vogelhaus untergebracht. Zwei Jahre später baute man das ehemalige Direktionswohnhaus zu einem ersten Aquarium mit 20 Süss- und Meerwasserbecken um. Umso befreiender war der Moment, als das heutige Vivarium an Ostern 1972 endlich seine Tore öffnete. Von da an führt es uns durch eine farbenfrohe bisweilen unbekannte Unterwasserwelt.

Ein poetischer Tauchgang
Das mehrgeschossige Gebäude besteht aus drei unterschiedlich zugänglichen und sichtbaren Bereichen. Der Grundriss wird im Wesentlichen durch einen 350 Meter langen Besuchergang geprägt. Wortwörtlich schlängelt er sich über zwei Geschosse von unten nach oben vorbei an diversen Aquarien und Terrarien. Die sichtbaren «Schauboxen» bilden die Zwischenschicht. In ihnen schwimmen die Fische und wohnen die Echsen. Dahinter verbirgt sich der gesamte Technik- und Servicebereich. Die meisten der Aquarien und Terrarien werden unsichtbar für den Besuchenden aus diesem Bereich unterhalten.

Vivarium Zoo Basel, untere Ebene © Burckhardt+Partner

Vivarium Zoo Basel, untere Ebene © Burckhardt+Partner

Vivarium Zoo Basel, obere Ebene © Burckhardt+Partner

Vivarium Zoo Basel, obere Ebene © Burckhardt+Partner

Nun aber genug der Theorie; begeben wir uns auf einen Rundgang. Das Vivarium wird über den Zugang im Untergeschoss betreten. Wir starten unsere Reise in den Tiefen des Ozeans und somit auch unter dem Niveau des aussenliegenden Teichs. Sobald wir das Gebäude über die Doppeltüre betreten, beginnt sich das Innere der Welt nach aussen zu kehren. Es ist dunkel. Nur noch das leise Blubbern von Wasser ist zu hören. Vorbei an verschieden grossen Aquarien mit den wunderlichsten Wassertieren folgen wir dem kurvigen Tunnel. Wären die Glasscheiben rund statt rechteckig, könnte man sich glatt in einem U-Boot vermuten. Rechte Winkel sucht man hier praktisch vergebens. Dass wir ständig die Richtung ändern fällt zwar auf, wohin wir aber tatsächlich laufen, wissen wir bald nicht mehr. Zudem überwinden wir über eine leichte Steigungen ein ganzes Geschoss. Die Wasseroberfläche naht.

Vivarium Zoo Basel von Burckhardt+Partner © Architektur Basel

Vivarium Zoo Basel von Burckhardt+Partner © Architektur Basel

Nach ungefähr 51 unterschiedlichen Aquarien erreichen wir die Pinguin-Anlage. Die an Land etwas tollpatschigen Tiere befinden sich direkt über dem Eingang des Vivariums. «Fliegen unter Wasser» – so umschreibt das beleuchtete Schild die Fortbewegung der schwarz-weissen Tiere. Aller Poetik zum Trotz fragen wir uns, wie entspannt das Fliegen in diesen engen Gemäuern wohl sein mag. Zwar bemüht sich der Zoo Basel ständig, den Tieren möglichst lebensechte Umgebungen zu schaffen; gerade eben wurde das neue sehr viel grössere Elefantengehege eröffnet. Den Pinguinen aber wünscht man tatsächlich etwas mehr Bewegungsfreiheit. Wer sich ob der dunklen Stimmung und den gedrückten Platzverhältnissen ebenfalls etwas eingeengt fühlt, könnte das Gebäude nun über eine Brücke über den angrenzenden Teich verlassen – wir gehen aber weiter.

Vivarium Zoo Basel von Burckhardt+Partner © Architektur Basel

Vivarium Zoo Basel von Burckhardt+Partner © Architektur Basel

Hinter ungefähr 22 weiteren Glasscheiben widmet sich der zweite, etwas kleinere Teil des Vivariums den Reptilien. Entgegen dem uns inzwischen vertrauten Blau-Violett-Grün-Türkis mit gut sichtbaren Fischen in allen Farben suchen wir nun in einer mehrheitlich grün-gelb-roten ungleich helleren Welt nach den Bewohnerinnen und Bewohnern. Diese vermögen sich aber gut zu tarnen, schlafen unter gleichfarbigen Blättern von Pflanzen, die in unseren Breitengraden eigentlich gar nicht wachsen können. So wird es plötzlich auch tropisch warm. Wärmelampen schaffen künstliche Atmosphären hinter Scheiben. Zum Abschluss stehen wir am Geländer und suchen in der Krokodilanlage nach den grossmäuligen Panzerechsen. Um viele Eindrücke und einige Überraschungen reicher verlassen wir das Vivarium wieder.

Vivarium Zoo Basel von Burckhardt+Partner © Architektur Basel

Vivarium Zoo Basel von Burckhardt+Partner © Architektur Basel

Architektonisch ausgefeilt
Das Gebäude wirkt tatsächlich grösser als es in Wirklichkeit ist. Diese Taktik kommt nicht von ungefähr. Gewissermassen ist das Vivarium sogar ein Modell der gesamten Zooanlage. Trotz mehrfacher Vergrösserungen des Tierparks ist der Zoo praktisch an seinen Grenzen angelangt. Diesem Umstand versuchte der Landschaftsarchitekt Kurt Brägger entgegenzukommen. In einem langen Prozess wurde die gesamte Anlage während 30 Jahren stets hin zu einem Landschaftspark umgebaut. Wichtig sind nicht mehr zentrale übersichtliche Bezugsachsen, wie in den barocken Tiergärten üblich, sondern unterschiedliche Sichtweisen, eine sich windende Wegführung und entsprechende Bepflanzung. Die Einbettung des Vivariums in die Landschaft funktioniert denn auch nach dem selben Schema. Eingang und Ausgänge sind nicht gleichzeitig zu sehen. Hohes Schilf und Teichanlagen verhindern eine Gesamtsicht des Gebäudes. Dank seiner Geometrie und der Besucherführung können wir uns ganz auf den Inhalt – die Tiere – fokussieren.

Vivarium Zoo Basel von Burckhardt+Partner © Architektur Basel

Vivarium Zoo Basel von Burckhardt+Partner © Architektur Basel

Die wenigen verwendeten Materialien und Farben sind entsprechend zurückhaltend. Zieht sich ein einheitlicher gestockter und trittsicherer Betonboden über alle Niveaus bis nach draussen vor die Türen, so sind sämtliche Wände und Abgrenzungen zu den Aquarien und Terrarien betoniert und beige-grau gestrichen. Aus akustischen Gründen, möglicherweise nachträglich eingebracht, ist die abgetreppte Decke des Abschnitts der Aquarien mit einem rauen Teppich belegt. Die inneren Geländer sind neutral schwarz gestrichen, die Türen jeweils grün. Aussen verwendeten die Architekten rot-orangen Klinker und Beton. Diese Kombination nimmt dem kleinen Gebäude die Schwere und signalisiert die Zugänge. An das Gebäude drangehängte Betonrippen verhindern eine direkte Einsicht, beispielsweise zu den Pinguinen oder Krokodilen. Dass sich dahinter grossflächige Scheiben befinden, bemerkt man nicht.

Für die Zukunft gerüstet?
Architektonisch überzeugt das Vivarium. Aber genügt es den heutigen Ansprüchen noch? Ungefähr ab 1990 erlebte der Zoo Basel eine weitere Phase des Umdenkens. Heute sieht sich der Zoo ganz in der Verantwortung des Natur- und Artenschutzes. Mit den verschiedenen neu eröffneten Themengebieten wird der Zoo zu einer Bildungseinrichtung. Auf die 1992 eröffnete Afrika-Anlage folgte 2001 das Etoschahaus, zwei Jahre später das Haus Gangoas und 2006 die Australis-Anlage. Alle diese Gebäude haben nicht das Ziel, möglichst viele Tiere zu präsentieren, sondern gezielt zu informieren. Bebilderte Tafeln zeigen Lebenszyklen auf oder versuchen die Besuchenden aller Altersstufen auf ein bestimmtes Thema zu sensibilisieren. Diesem heutigen Anspruch an ein ausgewogenes Angebot zwischen Information und Unterhaltung wird das Vivarium nur bedingt gerecht. Dennoch erfreut sich das Gebäude noch immer hoher Beliebtheit. Die ganze Welt der Wassertiere und Reptilien wird uns auf einem kurzen Spaziergang in bekömmlichen Happen serviert. Da direkt neben dem Eingang des Zoos gelegen betritt man das Vivarium mit Appetit, verlässt es aber bestimmt nicht mehr hungrig.

«Die Krokodile waren eindrücklich, jetzt will ich aber die Elefanten und die Geparden sehen…!» Na dann, auf zu Neuem!

Text: Simon Heiniger / Architektur Basel


Vivarium Zoologischer Garten Basel
Adresse: Binningerstrasse 40, 4054 Basel
Architekten: Martin H. Burckhardt mit Kurt Brägger
Bauzeit: 1966-1972
Funktion: Aquarium & Terrarium, Forschungsanstalt


Fotos
– Armin Schärer / Architektur Basel
Quellen
– Huber D. (2014), Architekturführer Basel, Christoph Merian Verlag, Basel. ISBN: 978-3-85616-613-7
– Website des Zoologischen Gartens Basel

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