Ersatzneubau von Ferrara Architekten: „Bieder-behagliche“ Genossenschaftswelt am Eidgenossenweg

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„Die schweizerische Architektur hat fast überall etwas Niedliches, etwas Putziges, etwas Nippzeughaftes, etwas von der Art, als möchte die ganze Schweiz (außer wenn sie Staumauern baut) ein Kindergarten sein.“ Es sind jene von Max Frisch nach seiner Rückkher in die Schweiz im Jahre 1953 verfassten Zeilen, die einem beim Betrachten des Projekts für den Ersatzneubau der Baugenossenschaft des Bundespersonals Basel (BBB) in den Sinn kommen. Die Siedlung aus dem Jahre 1950 befindet sich – und das ist wohl mehr als nur ein Zufall – am Eidgenossenweg.

Das Projekt von Ferrara Architekten aus Basel sieht eine komplette Neubebauung der Siedlung im Osten von Basel vor. Das ist insofern bemerkenswert, als dass sich Wohngenossenschaften in Basel – ganz im Gegenteil zu Zürich – bei Ersatzneubauten bisher in grösster Zurückhaltung geübt haben. Ein erstes grösseres Ersatzneubau-Projekt plant die Genossenschaft Riburg im Hirzbrunnenquartier. „Bewohner, die zum Teil seit der Gründung in der Siedlung wohnen, sind mit der bestehenden räumlichen Situation vertraut. Das Konzept der Ersatzneubauten sieht daher vor, die bestehenden Qualitäten aufzugreifen“, erklärt Projektleiter Okan Sevim. Die neue Architektur kann als zeitgenössische Kopie der bestehenden Bauten verstanden werden – städtebaulich, sowie architektonisch. „Identitätsbildende räumliche Gegebenheiten“ sollen gemäss Sevim „nicht entfremdet werden“.

Visualisierung Ersatzneubauten am Eidgenossenweg © Ferrara Architekten

Visualisierung Ersatzneubauten am Eidgenossenweg © Ferrara Architekten

Tatsächlich sprechen die Visualisierungen der Architekten — wahrscheinlich unbeabsichtigt — von der Angst einer möglichen Entfremdung. Genauso sprechen sie vom Wunsch nach Kontinuität und Vertrautheit. Max Frisch: „Warum muß alles intim sein? Wir alle sprechen gerne vom menschlichen Maßstab; ein gutes Wort, ein wichtiges Wort, ein begeisterndes Wort — es fragt sich nur, wie groß oder klein man den Menschen einschätzt! — ein gefährliches Wort, sobald wir darunter den Maßstab der Spießerbürgerlichkeit verstehen.“ Wie ging das nochmal? Schönheit liege im Auge des Betrachters. Wenden wir uns also der sachlichen Kritik zu.

Insellage: Die Siedlung Eidgenossenweg zwischen Gewerbe, Bahn, Kloster und Stadion © Google Maps

Insellage: Die Siedlung Eidgenossenweg zwischen Gewerbe, Bahn, Kloster und Stadion © Google Maps

Kritikpunkt I: Auf die Gefahr hin, dass wir uns wiederholen. Ein Projekt in dieser städtebaulichen Dimension sollte immer mittels einem Architekturwettbewerb oder Studienauftrag ausgelobt werden. Baugenossenschaften tragen hierbei eine besondere baukulturelle Verantwortung. Wobei der Blick nach Zürich beweist, dass der vermeintliche Mehraufwand des Wettbewerbs spätestens beim gebauten Resultat Früchte trägt. Unsere hochstehende Baukultur basiert massgeblich auf der genauso hochstehenden Wettbewerbskultur. Es wäre wünschenswert, dass der Genossenschaftsverband diesbezüglich Richtlinien ausarbeitet – und seinen Mitgliedern mit Rat und Tat zur Seite steht.

Etappenplan Ersatzneubau Eidgenossenweg © Ferrara Architekten

Etappenplan Ersatzneubau Eidgenossenweg © Ferrara Architekten

Kritikpunkt II: Weshalb kein Bebauungsplan? Der komplette Abriss der Siedlung hätte viele neue städtebauliche Optionen, sowie eine stärkere Verdichtung erlaubt. Die Siedlung Eidgenossenweg wäre dank ihrer Insellage prädestiniert für eine städtebauliche Neukonzeption mittels Bebauungsplan. Eine verpasste Chance? Architekt Okan Sevim erklärt: „Eine zu hohe Nachverdichtung würde nicht nur räumliche Strukturen, sondern auch den Siedlungscharakter mit dem bestehenden Sozialgefüge entfremden.“ Da ist sie schon wieder, die Angst vor der Entfremdung am Eidgenossenweg.

Wir überlassen das Schlusswort Max Frisch, der am Eidgenossenweg „einen unverkennbaren Hang zum Spießbürgerlichen, zum Trauten, auch wo es nicht zur Aufgabe gehört, zum Bieder-Behaglichen um jeden Preis“ konstatieren würde. Cum grano salis.

Text: Lukas Gruntz / Architektur Basel


Projektinfos
Ersatzneubauten am Eidgenossenweg mit AEH
Planung und Ausführung: 2016 – in Etappen bis 2023
Bauherr: Baugenossenschaft des Bundespersonals Basel (BBB)
Architektur: Ferrara Architekten AG, Basel

Literatur
Max Frisch. cum grano salis. Eine Glosse zur schweizerischen Architektur. In: Werk 1953, Nr. 10, S. 326.

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