Faszination der Grösse und Präzision im Detail – Die Messehalle 1 von Theo Hotz

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Ein kalter, verhangener Wintermorgen, Tram- und Strassenlärm, hektisch vorbeihuschende Menschen reflektieren in der vorgehängten Glasfassade. Ruhig liegt sie da wie eine schlafende Riesin, die Messehalle 1 von Theo Hotz am Riehenring. Nur wenige Male im Jahr wird sie während den verschiedenen Messen mit Leben erfüllt. Die logistische Meisterleistung und präzise Ausführung in Rekordzeit am Ende des vorherigen Jahrtausends lässt sich nur mehr erahnen. Der grosse Wurf von Theo Hotz wird heute von der direkt angrenzenden lauten Architektur neueren Datums relativiert.

Strassenansicht vom Riehenring mit dem Hallenbau von Theo Hotz in der Mitte © Theo Hotz Partner

Der 210 Meter lange und 90 Meter breite Bau ist ein Musterbeispiel minutiöser Planung und rationaler Bauweise in einer für den Baumeister Theo Hotz typischen Präzision. Um neben den grossen deutschen Messestandorten konkurrenzfähig zu bleiben, entschied die Messe Basel Mitte der 1990er Jahre, ihr Raumangebot zu erweitern und zu modernisieren. Ihr damals wie auch heute grösstes Zugpferd, die jährliche Uhren- und Schmuckmesse diktierte die kurze Bauzeit: In nur 10 Monaten – zwischen zwei Messen also – sollte das über 36’000 m2Bruttogeschossfläche fassende Gebäude mitten im dichtbewohnten Kleinbasel gebaut werden.

Nach einer für ein Gebäude dieser Grösse kurzen Planungsphase von knapp über einem Jahr zwischen Wettbewerbsentscheid und Vergabe an den Totalunternehmer ARGE Preiswerk und Karl Steiner, Basel, begannen die Bauarbeiten am 8. Mai 1998. Am Tag nach Abbau der Uhren- und Schmuckmesse begann der Abbruch der alten Messehalle. Ab Juli 1998 waren pro Tag bis zu 600 Arbeiter in zwei Schichten im Einsatz, um den ehrgeizigen Terminplan einzuhalten. Das vorfabrizierte Stahlskelett der neuen Halle wurde von beiden Enden her gleichzeitig aufgerichtet. Rund zehn Monate nach Beginn der Abbrucharbeiten war das neue Gebäude vollendet und die Uhren- und Schmuckmesse konnte am 29. März 1999 planmässig eröffnet werden.

Grundriss Erdgeschoss mit Umgebung © Theo Hotz Partner

Das Konzept der Messehalle 1 von Theo Hotz ist so simpel wie einleuchtend: Im Untergeschoss erfolgt die gesamte Anlieferung mittels LKW, wo um die Technikzentrale herum die insgesamt zehn Warenlifte bedienen werden. Die Ausstellungsfläche ist darüber im Erd- und Obergeschoss angeordnet, beidseitig flankiert von einer raumhaltigen Zwischenschicht über die gesamte Längsfassade. In dieser 5 Meter breiten Infrastrukturzone sind sämtliche Aufzüge, Fluchttreppen, Technik- und Toilettenanlagen untergebracht. Die Konzentration dieser zudienenden Räume ermöglicht einen freien Hallengrundriss ohne störende Einbauten.

Die seitliche Zwischenschicht ermöglicht einen freien Hallenquerschnitt © Theo Hotz Partner

Die Fassade ist die transparent ausgestaltet und doppelschichtig mit einer inneren und einer äusseren Glashaut versehen. Dies verschafft ihr eine unglaubliche Präsenz und Aufmerksamkeit am Gebäude. Fachwerkartige Rohrstützen, welche die selbsttragende Fassade bilden, gliedern das extreme Bauvolumen durch ihre Aneinanderreihung und schaffen durch die transparente Fassade einen weichen Übergang vom Strassenraum ins Innere des Gebäudes. Die Abfolge der Infrastruktureinbauten in der Zwischenschicht rhythmisieren die Fassadenschicht innen und aussen.

Räumlicher Verlauf zwischen Präsenz und Abstraktion der Fassade aus der Fussgängerperspektive © Theo Hotz Partner

Die Knotenpunkte sind direkt und präzise ausgebildet © Theo Hotz Partner

Theo Hotz war es wichtig, die Offenheit im Konstruktiven zu bewahren, um dabei das Einfache hervorzuheben und zu konzentrieren – auch bei der Messehalle 1. Die Askese, die aus der Einfachheit der Architektur entsteht, bedeutet jedoch nicht zwingend Schönheit, sondern kann schnell banal wirken. An der Messehalle jedoch verbindet Theo Hotz Kunsthandwerk und die moderne Maschine des strukturellen Expressionismus in der präzisen Ausarbeitung der Details. Nach Aussen vermittelt die Halle das abstrakte Bild einer perfekten seriellen Produktion nach neustem Stand der Technik. Die handwerkliche Poesie ist jedoch in speziell angefertigten und geformten Konstruktionselementen mit einer spezifischen architektonischen Absicht eindeutig spürbar. Und das obwohl auch diese Elemente seriell und nach neustem Stand der Technik hergestellt wurden. Dieser Fakt verstärkt sogar noch den Kontrast und die Wirkung der Konstruktion im Detail.

Blick in die Pufferzone zwischen innerer und äusserer Verglasung
© Theo Hotz Partner

Die Messehalle 1 ist ein durchschaubarer und erklärender Bau. Die einzelnen Elemente sind klar ablesbar und in ihrer Funktion und dem Zusammenspiel untereinander zuordenbar. Zwischen innen und aussen sind die Grenzen eher aufgehoben als definiert. Die Transparenz als Grundpfeiler moderner Architektur ist in der Arbeit von Theo Hotz aber nur ein Bezugspunkt unter anderen. Auch der Bezug auf frühe Eisenbauten aus der Zeit der Industrialisierung ist zu erkennen. Allerdings sollen die Bauten von Theo Hotz keineswegs nur der Technik zudienen und sich auf die Funktion der Umhüllung reduzieren. Sie werden von der Technik bedient, stehen in einer Symbiose zueinander, bedingen und befruchten sich gegenseitig und schaffen so einen echten architektonischen Mehrwert, der sich sehen lässt.


Text: Raphael Börlin
Dieser Text ist in einer Schreibwerkstatt am Institut Architektur der FHNW in Muttenz entstanden.


Literatur:

Artikel
– «Ein Kraftakt des Bauens : wie Theo Hotz und die Messe Basel innert zehn Monaten eine neue Messehalle gebaut haben»
Artikel in Hochparterre, Band 12 (1999)
– «Schlüssel zur Grösse: zwei Bauten von Theo Hotz in Zürich und Basel»
Artikel in werk, bauen + wohnen, Band 85 (1998)

Bücher
«Theo Hotz architecture 1949-2002», Adam, Strathaus, Ursprung, Lars Müller Publisher, 2003

Bilder & Pläne:
Bilder und Pläne mit freundlicher Genehmigung von Theo Hotz Partner, Fotograf Markus Fischer

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