Grosser Jahresrückblick: Das bewegte Architektur Basel im 2018

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Das Jahresende naht. Es war ein ereignisreiches Architekturjahr 2018. Auch für Architektur Basel. Unsere neue Webseite nahm in diesem Jahr so richtig Fahrt auf und erfreut sich inzwischen grosser Beliebtheit. Das hat uns unter anderem dazu bewogen, eine eigene, regionale Stellenbörse aufzuschalten. Unser Kollektiv, das inzwischen auch ein Verein ist, durfte sich im März in der „Hier und jetzt“-Reihe der Architekturdialoge einem breiten Publikum vorstellen. Wir veranstalteten in der Kleinbasler Kultkneipe Didi Offensiv das weltweit erste Architektur-Pubquiz. Ein Riesengaudi.

Subersiver Dialog an der Hammerstrasse
In der Region Basel herrschte im vergangenen Jahr ungebrochen rege Bautätigkeit. Wir erinnern uns gerne  an den Besuch der Villa Hammer von Sauter von Moos in Zusammenarbeit mit Herzog & de Meuron zurück. Man könnte von einem dialektischen Architektur-Kunststück im Kleinformat sprechen: „Die Architekten suchen dabei nicht den Kontrast oder die Abgrenzung zum Bestand. Sie schaffen vielmehr einen subversiven Dialog zwischen alt und neu. Themen werden zwar übernommen, gleichzeitig aber umgekehrt und überformt. Das Schwere wird leicht – der steinerne Massivbau zum feinen Holz-Stahlbau.“ Hoffentlich werden wir auch im 2019 auf subersives Architekturschaffen stossen…

Villa Hammer von Sauter von Moos, 2018 © Architektur Basel / A. Schärer

Villa Hammer von Sauter von Moos, 2018 © Architektur Basel / A. Schärer

Maiengasse in aller Munde
Wenn wir schon beim Wohnungsbau sind: Die Überbauung an der Maiengasse von Esch Sintzel Architekten hat uns bereits beim Baustellenbesuch im Juni begeistert. Dass der Bau danach zum grossen Preis-Abräumer bei den Auszeichnungen Guter Bauten, Basler Heimatschutzpreis und Hochparterre-Hasen avancieren würde, konnten wir damals höchstens erahnen. Den Architekten gelang es, mit dem Baustoff Holz ein poetisches, wohnliches und zugleich zeitgenössisches Wohnhaus zu bauen. Wir finden: Mehr davon, bitte!

Wohnüberbauung Maiengasse © Kuster Frey

Hölzerner Wohnhof: Die Überbauung Maiengasse von Esch Sintzel © Kuster Frey

Gut, besser, Kubuk!
Ähnlich erging es dem neuen „Kubuk“ in Muttenz von pool Architekten, der ebenfalls mit diversen Preisen überschüttet wurde, und den wir kurz vor Semesterstart Anfang September besuchen durften: „Ob man will oder nicht: Der Kubuk übt auf die Besucher eine Faszination aus. Natürlich hängt das schon alleine mit der Dimension, der Monumentalität, zusammen. Aber nicht nur. Es ist der grosse Reichtum an funktionalen und räumlichen Bezügen, der genauso fasziniert.“ Der Superwürfel im beschaulichen Agglo-Brei von Muttenz sorgte insbesondere mit seiner grandiosen Erschliessungshalle für Begeisterung. Man fühlt sich an das Treppenhaus in Hogwarts erinnert. Ob an der FHNW demnächst das Fach „Verteidigung gegen die dunkle Spekulantenarchitektur“ gelehrt wird, entzieht sich unserer Kenntnis.

Kubuk FHNW Campus Muttenz von pool Architekten © Architektur Basel

Hogwarts 2.0: Die wunderbaren Treppen im Kubuk von pool Architekten © Architektur Basel

Auf den Spuren von Prouvé
Etwas Abseits im beschaulichen Riehen realisierten Rahbaran Hürzeler Architekten zusammen mit Ingenieur Nico Ros einen experimentellen Neubau, ganz im Geiste von Jean Prouvé: Das Movable House, bei dem „sämtliche Bauteile modular sind und problemlos transportiert werden können sollten.“ Ein „Tiny House“ mit Vorzeigecharakter. Das Haus wurde innert kürzester Zeit aufgebaut – und soll bei Bedarf an einem anderen Ort wiederaufgebaut werden können. Der Erfindergeist und Mut der Projektbeteiligten hat uns begeistert. Das Hinterfragen von Normen und Standards gehört zur Disziplin der Architektur, genauso wie das Wissen um die korrekt platzierte Dampfbremse.

movable house © Rahbaran Hürzeler Architekten

Ein Haus als Baukasten: Das „movable house“ © Rahbaran Hürzeler Architekten

Abbruch! Zum ersten …
Das Jahr 2018 wird uns ausserdem als das Jahr in Erinnerung bleiben, wo sich diverse Architekten öffentlich pointiert geäussert haben. Den Anfang machte Manuel Herz mit seiner Forderung nach dem Abbruch des neuen Biozentrums. Herz kritisierte den Neubau des Zürcher Büros Ilg Santer Architekten als „sehr banal und städtebaulich absolut misslungen.“ Der Turm sei seiner Meinung nach „viel zu plump, breit und unelegant.“ Scharfe Kritik, die man sich bis anhin in der harmoniebedachten Archikturszene nicht gewohnt war.

Neubau Biozentrum von Ilg Santer Architekten © Architektur Basel

Abbruch?!? Neubau Biozentrum von Ilg Santer Architekten © Architektur Basel

Der grösste Eklat 2018
Negative Schlagzeilen machte das nur wenige Schritte entfernte Projekt für den Neubau des Departements Biomedizin. Wie Architektur Basel Mitte Mai publik machte, wurde den Architekten Caruso St. John der Auftrag entzogen. Ein Aufschrei der Empörung ging durch die Architekturlandschaft. Die Universität Basel hatte eigenmächtig entschieden, den Bau ohne Architekten in eigener Verantwortung fertigzustellen. In einer vom BSA veranstalteten Podiumsdiskussion Ende November wurde der Fall nochmals öffentlich aufgerollt, wobei die Uni viel Kritik einstecken musste. Meinrad Morger formulierte es unmissverständlich: „Vielleicht ist Ihnen gar nicht bewusst, was Sie da angerichtet haben.“ Auf jeden Fall sorgte die Uni damit für den grössten Eklat 2018.

Visualisierung Neubau Departement Biomedizin der Universität Basel © Caruso St John Architects

Visualisierung Neubau Departement Biomedizin der Universität Basel © Caruso St John Architects

Abbruch! Zum zweiten …
Eine Provokation kann als gelungen bezeichnet werden, wenn sie ein reales Problem pointiert benennt und damit eine längst überfällige Debatte auslöst. Christ & Gantenbein gelang dies, indem sie eine Neubebauung des „Rhyparks“ zwischen Dreirosenbrücke und St. Johanns-Park samt Abbruch des langgezogenen Wohnblocks aus den 1980er-Jahren  von Architekt Walter Wurster forderten. Auf unserer Facebook-Seite provozierten Christ & Gantenbein damit eine angeregte und kontroverse Debatte. Eine grosse Zahl der Leserschaft sprach sich gegen einen Abbruch aus. Hauptargument: Damit würde auf einen Schlag eine erhebliche Zahl günstiger Wohnungen vernichtet. Diverse Medien nahmen unsere Geschichte auf und berichteten über den „Ärger beim Rhypark über Abriss-Ideen.“ Die berühmteste Bewohnerin, Nationalrätin Silvia Schenker, wurde nach ihrer Meinung befragt … und irgendwann glätteten sich in der sommerlichen Hitze die Wogen auf dem Rhein wieder.

Überbauung Rhypark im St. Johann © Architektur Basel

„Abbruch!“, forderten Christ & Gantenbein. Die Überbauung Rhypark im St. Johann © Architektur Basel

Hässlich hoch hinaus
Die grösste und kontroverseste Debatte löste 2018 der Bau des Meret Oppenheim Hochhauses von Herzog & de Meuron aus. Die Basler Zeitung schoss in einem Artikel aus allen Rohren gegen das MOH: „Hässlich hoch hinaus“. Das Hochhaus wurde auf der Titelseite demontiert. Es sei düster, klobig, klotzig und mache schlicht Angst. Wir fanden: „Wenn Architekturkritik sich auf solches Niveau begibt, schafft sie sich selbst ab“, und versuchten mit einem differenzierten Artikel Gegensteuer zu geben: „Das architektonische Urteil bedingt ein Abwägen der Anforderungen an das Haus – und vor allem eine argumentative Begründung. Die Volumetrie des MOH hat viel mit den Ansprüchen der SBB als Grundeigentümerin zu tun. Aber auch mit Wirtschaftswachstum und Verdichtung.“ Mit einer „herzigen“ Lichtinstallation im Dezember wurde in der Debatte – nach all dem Bashing und den medial geschürten „Hasswellen“ – erstmals versöhnliche Töne angeschlagen.

Lichtinstallation Meret Oppenheim Hochhaus

„I schänke dir mis Härz…“ Lichtinstallation am Meret Oppenheim Hochhaus im Dezember

Liebrüti: Quo vadis?
Ende November schlug unser Artikel „Hochhaus Liebrüti: Baudenkmal droht Verschandelung“ hohe Wellen. Als erste wagten wir es, das geplante Hochhaus in der Überbauung-Liebrüti in Kaiseraugst – in unseren Augen einem Baudenkmal der 1970er-Jahre – scharf zu kritisieren: „Eingeklemmt zwischen zwei bestehende Hochhauszeilen fehlt dem Hochhaus genau das, was die bestehende Überbauung auszeichnet: Die räumliche Grosszügigkeit. Das Hochhaus wirkt als Fremdkörper in der äusserst harmonischen Komposition der bestehenden Bauten.“ Unsere Kritik wurde von 20 Minuten, Hochparterre und der Aargauer Zeitung aufgenommen. „Heftige Kritik von Basler Architekten: Ist das Hochhaus eine Verschandelung?“ titelte die AZ. Heimatschutz und kantonale Denkmalpflege hatten in diesem Fall offensichtlich geschlafen. Unsere Hoffung stirbt zuletzt. Vielleicht lässt sich das drohende Ungemach im 2019 doch noch irgendwie abwenden… Wir bleiben dran.

Links: Überbauung Liebrüti in Kaiseraugst. Rechts: Das geplante 80-m-Hochhaus Domus-Liebrüti.

Links: Überbauung Liebrüti in Kaiseraugst. Rechts: Das geplante 80-m-Hochhaus Domus-Liebrüti.

Mahagoni und Ortbeton
Unsere Lieblingsgeschichte im 2018 war diejenige des grandiosen Brutalismus-Wohnbaus an der Dornacherstrasse im Gundeli. Einem Haus, das schon vielen Architektenaugen aufgefallen war, bisher jedoch in keinem Architekturführer oder -zeitschrift gewürdigt, geschweige denn erwähnt wurde. Das holten wir nach! Architekt Rolf Müller gewährte uns in seinem Atelier und bei einem Besuch vor Ort einen persönlichen Einblick in das Haus und dessen Entstehungsgeschichte. „Mir war es ein Anliegen möglichst wenige Materialien zu verwenden. Beton für die Struktur, die Pflanztröge und Brüstungen, massives Mahagoni für die Fenster – und als Furnier für die Innentüren“, erklärte uns Müller und liess uns an der Entwurfsgeschichte und die Auseinandersetzung mit Vorbildern wie dem Goetheanum teilhaben: „Mich interessierten weniger die anthroposophischen Überlegungen zur Architektur, sondern der plastische Umgang mit dem Material Beton.“ Das Haus an der Dornacherstrasse ist – bei aller Bescheidenheit seines Urhebers – ein hervorragendes Stück Basler Baukultur.

Hoffassade Wohnhaus Dornacherstrasse 174 von Architekt Rolf Müller © Architektur Basel

Dangge
Zum Schluss der Dank: An dieser Stelle wollen wir uns für jeden Kommentar, jedes Feedback und aufmunternde Nachricht bedanken. Sie sind der Lohn für unsere ehrenamtliche Arbeit im Dienste der regionalen Baukultur. Architektur Basel wird auch im 2019 leidenschaftlich, aber sachlich, neugierig, aber kritisch, begeisterungsfähig, aber differenziert über das Architekturgeschehen am Rheinknie berichten. Wir freuen uns!

Text: Lukas Gruntz / Architektur Basel

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