Hoch hinaus auf der Nordspitze: Alle Projekte im Überblick

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Es war ein Knall: Die Präsentation des Siegerprojekts von Herzog & de Meuron mit drei Wohnhochhäusern von bis zu 160 Metern übertraf die kühnsten Träume der Basler Hochhaus-Fangemeinde. Währenddessen sich die Heimatschützer besorgt fragen: Wird Basel nun das Frankfurt der Schweiz? Für die Diskussion scheint dabei der Blick auf die weiteren Projekte – ausgearbeitet von renommierten Büros wie Diener & Diener oder Christ & Gantenbein –  von grosser Bedeutung. Die vergleichende Betrachtung der unterschiedlichen Entwürfe ermöglicht eine präzisere Einordnung des siegreichen Projekts der beiden Basler Stararchitekten.

Ziel des Studienauftrags war die Evaluation eines „wirtschaftlich tragfähigen“ Konzepts für die Transformation der Nordspitze. Es galt dabei aufzuzeigen, inwieweit die Ziele des kantonalen Richtplans bezüglich «Schwerpunkt Mischgebiet» und «Wachstum in die Höhe» (vertikale Verdichtung gemäss Richtplan) erreicht werden können. Basierend auf dem vorliegenden Ergebnis des soll ein Bebauungsplan ausgearbeitet werden, der Planungssicherheit für die Projektierung einzelner Vorhaben und die Realisierung in Etappen schafft. Der Bebauungsplan könnte im Idealfall im Laufe des Jahres 2020 dem Grossen Rat vorgelegt und danach rechtskräftig werden.

01 Baukontor Architekten / Vittorio Magnago Lampugnani

Baukontor: Situationsplan

Der berühmte ETH-Professor Vittorio Magnago Lampugnani (Professur für Geschichte des Städtebaus) gilt als grosser Verfechter des klassischen mitteleuropäischen Städtebaus. Dabei besteht das städtebauliche Vokabular aus Strassen, Plätzen und Parks. In das Dreispitz als Gewerbe- und Industriequartier soll dabei die Blockrandbebauung des angrenzenden Gundeldingerquartiers eingeschrieben werden. Die Jury lobt den auch die „gut nachvollziehbare Lektüre des vorgefundenen Bestandes“ woraus die Architekten „ein selbstverständliches Stück Stadt entstehen lassen, das differenzierte urbane Qualitäten“ zeige. Dabei teilt der vorgeschlagene Dreispitzpark als Fortsetzung der Güterstrasse das Areal in eine nördliche und südliche Hälfte. Über diesen Stadtpark werden im Süden der MParc und im Norden weitere kommerzielle Nutzungen und die Wohnungen erschlossen. Kritisch punkto Lärmemissionen ist dabei die grosse Öffnung zur vielbefahrenen Münchensteinerstrasse hin. Das dichte Wohnquartier im Norden erinnert die Jury dabei „an die Qualitäten der Basler Altstadt“. Tatsächlich besteht das Ensemble aus engen Gassen und Höfen. Ob die räumliche Qualität der Altstadt dabei erreicht wird, bleibt hingegen fraglich. Die Jury sieht zudem diverse „funktionelle Mängel“ wie die Frage der Parkierung, Sichtbarkeit im Stadtraum oder die Integration der Aussenflächen des OBI.

02 Christ & Gantenbein

Christ & Gantenbein: Situationsplan

Das Projekt von Christ & Gantenbein etabliert eine Reihung von sechs Hochhäusern als übergeordnetes städtebauliches Prinzip. Die Münchensteinerstrasse als „Stadtrand“ wird dadurch akzentuiert. Die beiden nördlichen Hochhäuser entwachsen je einem langen Zeilenbau. Die Aufenthaltsqualität des öffentlichen Zwischenraums, der weder Platz noch Strasse ist, scheint dabei nicht besonders hoch. Die spröden Visualisierungen wirken dabei nicht vertrauensbildend. Auf dem MParc soll ein grosser urbaner Dachgarten entstehen, wobei die kleinliche Erschliessung über eine Wendeltreppe im Missverhältnis zur Bedeutung als öffentlichem Raum steht. Die Jury bemängelte denn auch, dass zu viele „Fragen in Bezug auf die Tauglichkeit des Grünraumes auf dem MParc in seiner übergeordneten Öffentlichkeit und auf die Visibilität des MParcs in der vorgeschlagenen Form“ offen blieben.

03 Diener & Diener

Diener & Diener: Situationsplan

Als einziges Büro verfolgten Diener & Diener den Ansatz einer städtebaulichen Teilung des Areals in Ost-West-Richtung. Im Osten ergänzen drei Blockränder das Gundeldingerquartier mit grosser Selbstverständlichkeit. Die deutlich höheren Häuser heben die Neubauten jedoch stark vom bestehenden Quartier ab. Kernstück des Entwurfs bilden zwei freigestellte Hochhäuser von 93 und 101 Metern. Die beiden schräg zueinander gestellten Hochhäuser definieren dabei einen Abschluss und eine Umlenkung der weitergeführten Achse der Güterstrasse in den Gleisbogen und die künftige Langsamverkehrsachse des Dreispitz-Areals. Das Dach des MParc wird auch hier zum Park umfunktioniert. Von einem “Grünen Zimmer“ sprechen die Architekten. Die Jury bezweifelt, „ob der Park auf dem Dachgeschoss als öffentlicher Raum wahrgenommen und somit von der Öffentlichkeit genutzt wird.“ Dabei wird nicht so sehr die Höhenlage, sondern vielmehr die Erschliessung über die Spiralrampe und die Beziehung zu den beiden Hochhäusern als problematisch erachtet. Der den beiden Hochhäusern vorgelagerte, mineralisch geprägte „Nordspitzeplatz“ wirkt überdimensioniert und wenig einladend. Insgesamt lässt der Entwurf von Diener & Diener entlang der Münchensteinerstrasse die Selbstverständlichkeit im Abschluss und Übergang zum Wolf vermissen.

04 Herzog & de Meuron

Herzog & de Meuron: Situationsplan

Das Siegerprojekt von Herzog & de Meuron, das wir bereits am vergangenen Dienstag auf unserer Seite diskutiert haben, soll um ein paar Betrachtungsaspekte erweitert werden. Die grosse Stärke des Entwurfs liegt im unglaublich stringenten Umgang mit den Aussen- und Freiräumen. Herzog & de Meuron definieren vier Stadtplätze – Güterplatz, Dornacherplatz, Am Gottesacker, Bernoulliplatz – als Scharniere zwischen Kontext und dem Areal der Nordspitze. Die Plätze weisen dabei eine angemessene Grösse auf, die eine hohe Aufenthaltsqualität erahnen lassen. Der grosse Wurf gelingt den Architekten dank den beiden grossen Grünräumen: Die Christoph Merian-Anlage schafft einen überzeugend Abschluss der Güterstrasse in Form eines grosszügigen Stadtparks. Auf dem Dach des MParc lädt das Gottlieb Duttweiler-Feld mit verschiedensten Angeboten – von Sport bis Agrikultur – zum Verweilen ein. Erschlossen wird das Feld über eine grosszügige Rampe mit Serpentinenpfad vom Gottesacker Wolf her. Herzog & de Meuron gelingt es als einzigem Team die naheliegende Idee einer begrünten Dachfläche als öffentlichem Stadtraum mit einer überzeugenden und vor allem angemessenen Form der Erschliessung zu verbinden. Der Abschluss des Feldes kann man sich als grüne Terrasse über den Dächern des Gundelis vorstellen. Kleine Kritikpunkte gibt es betreffend der Funktionalität. Aus Sicht der Migros-Genossenschaft ist die Aufteilung des OBI-Marktes auf zwei Stockwerke betrieblich unerwünscht, da dies zu einer Aufweitung der entsprechenden Infrastrukturen führen würde. Aber das sind Haare in einer ansonsten wunderbar duftenden Suppe. Bon appétit!

05 Hosoya Schaefer Architects


Eine zentrale Promenade ist hier das städtebauliche Schlüsselelement. Daran angelagert werden zwei Plätze. Ein Quartierplatz mit dichten Baumreihen soll die unterschiedlichen Typologien und deren ebenso unterschiedlichen Massstäbe miteinander verknüpfen – ausdifferenzierte Wohnhöfe im Nordwesten ebenso wie den neu konzipierten und breit gelagerten MParc und das angrenzende Gundeli. Im Südosten dominiert eine Hochhausscheibe den „Stadtplatz“ mitsamt dem axialen Zugang des Wolfgottesackers. Die städtebauliche Komposotion der Wohnbauten bezieht sich weder auf das Gundeldingerquartier noch auf die grösseren Bauvolumen des Gwerbeareals. Die Jury sah diese Lösung äusserst kritisch: „Die vorgeschlagene Porosität der einzelnen Cluster mit ihren stark bewegten Silhouetten und den turmähnlichen Akzenten führt zu einer an diesem Ort wenig schlüssigen Typologie. Es entsteht im Zusammenwirken ein Konglomerat, das an diesem spezifischen Ort seltsam fremd bleibt.“ Wir sehen in der klaren Abgrenzung vom Kontext eine denkbare und nachvollziehbare Strategie. Dem Entwurf von Hosoya Schaefer fehlt jedoch eine eigenständige, prägnante Idee. Der Städtebau wirkt zwar äusserst präzise und austariert, gleichzeitig aber auch etwas mutlos.

06 Morger Partner Architekten

Morger Partner: Pläne

Das Projekt von Morger Partner ist eine Ode an das Pentagon. Sieben fünfeckige Volumen führen eine komplett neue, ortsfremde städtebauliche Struktur ein. Die Häuser wirken wie grosse von der Birs angespülte Steine. Die unterschiedlich hohen Gebäude beherbergen in den Erdgeschossen Quartiernutzungen, darüber wenige Bürogeschosse sowie rund 900 Wohnungen. Die Türme stehen auf einer städtischen Platte, die gemäss den Architekten als «Forum» funktionieren und die Bauten zusammenfassen soll. Auf dem südlichen Teil wird der MParc ohne grosses architektonisches Aufsehen ergänzt und umgebaut. Weitere Verkaufsflächen, Gewerbe und Migros-Sondernutzungen wie die Klubschule und das Fitnessangebot werden angesiedelt. Der OBI befindet sich neu im Untergeschoss. Die explizite Teilung des Areals in zwei Bereiche erfolgt in der Weiterführung der Güterstrasse, was im Prinzip eine gute Anbindung an das Gundeli gewährleistet. Der Vorteil der Zweiteiligkeit wird gemäss Jury letztlich aber zu wenig genutzt. „Im Gegenteil: Das Zusammentreffen der Konsumwelt im MParc mit dem hybriden, von den Projektverfassenden als «informell» bezeichneten Forum überzeugt nicht.“ Nichtsdestotrotz: Morger Partner schlagen eine prägnanten und eigenständigen Städtebau vor, der dem Ort eine unverwechselbare Identität verleiht.

DOWNLOAD > Jurybericht Dreispitz Nordspitze 2017

Infos zur Ausstellung
Wann? 14. bis 21. Dezember 2017
Werktags: 16–19 Uhr, Samstag: 10–17 Uhr, Sonntag geschlossen
Wo? Ehemaliges Feuerwehrdepot an der Dornacherstrasse 398 in Basel

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