Im Gespräch mit Prof. Dr. Harald R. Stühlinger

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Seit dem Herbstsemester unterrichtet Prof. Dr. Harald R. Stühlinger das Fach Architektur-, Bau- und Städtebaugeschichte am Institut Architektur der Fachhochschule Nordwestschweiz FHNW. Am Mittwoch, 28. März 2018 hält er in der Aula des Campus Muttenz  um 18:00 seine Antrittsvorlesung. Architektur Basel hat mit Harald R. Stühlinger über seine Wahrnehmung der Stadt, den Architekturdiskurs in der Öffentlichkeit und Herausforderungen im Studium gesprochen. Natürlich möchten wir auch wissen, worüber er am Mittwoch referiert.

Architektur Basel: Im Rahmen Deiner Beschäftigung mit Architektur und Städtebau hast Du in Wien gelebt und gearbeitet, zwischenzeitlich in Zürich an der ETH doziert, nun in Basel – ein Massstabssprung?
Harald R. Stühlinger: Wien und Zürich unterscheiden sich sowohl in städtebaulicher als auch in kultureller Hinsicht tatsächlich in einigen Dingen, wobei Zürich im Verhältnis zu seiner Grösse doch einiges zu bieten hat. Basel und Zürich wiederum sind sich wesentlich ähnlicher, wenngleich Basel sein kulturelles und sportliches Angebot noch ausbauen könnte. Konkrete Wünsche diesbezüglich sind im Rahmen der öffentlichen Diskussion um die Transformation des Klybeck-Areals geäussert worden. Beispielsweise haben sich die Bewohnerinnen und Bewohner für ein 50-Meter-Schwimmbecken stark gemacht.

Worin siehst Du im Gegenzug die Qualitäten in Basel?
Basel versteht sich klar als Architekturstadt und verkauft sich auch als solche. Das kann ich anderswo nicht in dieser Intensität beobachten. Städtebaulich betrachtet liegt die Stadt am Wasser – und damit meine ich wirklich «am Wasser». Der Rhein fliesst mittendurch und ist ein wichtiges und prägendes Element dieser Stadt. Wien liegt zwar vielbesungen an der Donau, allerdings die Innenstadt lediglich am Donaukanal. Das ist ein eklatanter Unterschied. Insofern liesse sich Basel eher mit Budapest vergleich.

Neben Architektur beschäftigst Du dich mit Kunstgeschichte und da mit Architekturfotografie. Welchen Einfluss hat dies auf deinen Blick auf die gebaute Umwelt?
Grundsätzlich probiere ich neue Umgebungen aus der Fussgängerperspektive zu erfahren, in dem ich eine Stadt wenn immer möglich zu Fuss begehe. Die Fussgängergeschwindigkeit eignet sich ausserdem perfekt, um die vielen neuen Eindrücke auf sich wirken zu lassen. Fotografie ist für mich ein Vehikel, ich habe es mit Gary Winogrand, der sagte: «I photograph to see how the world looks on photos».

Welche Bauten und Orte hast Du – seit Du in Basel lebst – für Dich entdeckt?
Interessant sind für mich weniger einzelne Objekte, sondern eher generische Dinge, welche die Wahrnehmung einer Stadt als Ganzes ausmachen. Wenn ich zum Beispiel von meiner Wohnung mit dem Fahrrad in Richtung Allschwiler Wald fahre, komme ich an unzähligen Vorgärten vorbei. Die Baslerinnen und Basler scheinen ein ausgesprochenes Faible für Vorgärten zu haben. Abgesehen von den politischen Grenzen, die meiner Ansicht nach fast etwas willkürlich verlaufen, kann ich dann allerdings schwer bestimmen, was noch alles zu Basel zählt und wo die Stadt ins Baselbiet übergeht oder zum Land wird. Die Übergänge sind oftmals sehr fliessend, Grenzen als solche praktisch nur auf der Karte ersichtlich. Das gilt sowohl für die Kantonsgrenze zu Basel-Land im Gebiet des Dreispitz, als auch für die Landesgrenze zu Frankreich.

Expertenmeinungen treffen in architektonischen und städtebaulichen Fragen oftmals etwas unverhofft auf das konträre Verständnis der Laien. Wie nimmst du die Diskussionskultur betreffend Architektur in der Schweiz – und in Basel im Speziellen – wahr?
In Österreich hat jedes Bundesland ein Architekturhaus. Obschon sich Wien, um ein Beispiel zu nennen, nicht in erster Linie als Architekturstadt sieht, gibt es sehr viele Aktivitäten, die darauf abzielen, das Verständnis für Architektur im Allgemeinen zu fördern. Auch in der hiesigen Öffentlichkeit finden solche Diskussionen statt. Im Rahmen von Kritiken habe ich Beiträge für die NZZ und Fachmedien verfasst. Rückmeldungen von Leserinnen und Lesern kommen aber in den wenigsten Fällen. Ich sehe in dieser Hinsicht vor allem Potential im tatsächlichen Erleben, Besuchen und Anschauen von Architektur vor Ort. Wenn solche Veranstaltungen stattfinden, ist dies ein Indikator, dass ein Austausch zwischen Experten und Laien gut funktionieren kann.

An der FHNW wird Architektur in sehr praktischer Art und Weise und an konkreten Objekten getestet. Welchen Mehrwert kann eine mehrheitlich theoretische Betrachtung diesem Ansatz des Lernens beisteuern?
Die unterschiedlichen Ansätze von Fachhochschulen und Universitäten sind in dieser Betrachtung gar nicht so wesentlich. Architektur steht in jedem Fall in einem geografischen, aber auch in einem zeitlichen Kontext. Mir ist es wichtig, dass ein Objekt niemals isoliert betrachtet wird. Wir müssen uns immer im Klaren darüber sein, weshalb wir etwas tun. Das Bewusstsein um die Geschichte – insbesondere, dass wir im Hier und Jetzt Teil dieser Geschichte sind – sehe ich als unumgänglich. Baukultur soll immer auf verschiedenen Massstäben analysiert und begriffen werden. Ich beobachte oft, dass auf Studienreisen einzelne herausragende Objekte besucht werden, ohne aber den Kontext zu betrachten. Dabei wäre das massstabsübergreifende Verstehen eine Chance der besseren Durchdringung von Architektur und Städtebau.
Obschon Studierende ein vorgegebenes System durchlaufen, gestaltet sich dieser Lernprozess im Allgemeinen erfolgreicher, wenn ich als begleitender Dozent auf die individuellen Ideen und Ansichten der Auszubildenden eingehe und die Lehre nicht ausschliesslich einem vorgefertigten Muster folgt.

Am kommenden Mittwoch findet Deine Antrittsvorlesung «städtebilderarchitekturen» statt. Was versteckt sich hinter diesem geheimnisvollen Titel?
Grundsätzlich wird es um das Verhältnis von Bildern in Architektur und Städtebau und deren Funktionen gehen. Vieles wurde schon gesagt und geschrieben über die Bilderflut, den iconic turn, die Macht der Bilder. Die Verbreitung von Bildern von Architektur über Social-Media und einschlägigen Online-Plattformen beobachte ich mit einem gewissen Interesse, obschon ich die fehlende Kontextualisierung hochproblematisch finde. Ich gehe in meiner Vorlesung auf die Suche nach der ursächlichen Verbindungen von Bild und Architektur.

Architektur Basel bedankt sich bei Harald R. Stühlinger für das interessante Gespräch.

Interview: Simon Heiniger / Architektur Basel


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