Der Basler Fotograf Juri Weiss im Interview: „Ich versuche mich wertfrei an ein Bauwerk anzunähern.“

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Was ist die Beziehung zwischen Fotografie und Architektur? Wir haben mit dem Basler Fotografen und Gestalter Juri Weiss ein Gespräch über sein fotografisches Schaffen geführt. Sein Augenmerk gilt insbesondere der Basler Architektur. Auf seiner Website (www.photo-basel.ch) findet man einen unglaublichen Fundus an Architekturbildern – von Melchior Berri bis Christ & Gantenbein, eine wahre Schatztruhe für alle Kenner und Liebhaber der Materie. Wir präsentieren nebst dem Interview eine kleine Auswahl Bilder.

AB: Wie sind sie zur Fotografie und im speziellen zur Architekturfotografie gekommen?
Juri Weiss: „Schon als Kind hat mich das Gestalten fasziniert. Mit Vorliebe habe ich Häuser oder ganze Städte gezeichnet. Nach der Matura wollte ich dann eigentlich Architektur studieren. Der Rektor meinte, dass ich dafür zuerst auf die Baustelle als Maurer arbeiten gehen solle. Was ich mir überhaupt nicht vorstellen konnte. Heute verstehe ich mich in erster Linie als Gestalter, sei es Grafik, Produktdesign oder Fotografie. Dabei bin ich vor allem Beobachter. Objekte zu inszenieren, interessiert mich weniger.“

Wie gehen sie vor, wenn sie ein Bauwerk fotografieren? Geht eine Analyse des Ortes und der Architektur voraus oder versuchen Sie sich spontan und ohne spezifisches Vorwissen auf ein Objekt einzulassen?
„Mein Vorgehen ist eher intuitiv, möglichst frei. So befasse ich mich im Voraus grundsätzlich nicht mit dem Architekten oder dem Grundriss. Ich versuche den Bau samt seinem Kontext möglichst genau zu beobachten. Dabei ergeben sich oft spannende und unerwartete Bezüge. Zum Beispiel durch ein banales Objekt im Vordergrund, sei dies eine Strassenlaterne oder ein Pfütze. Zudem ist für mich die Lichtstimmung von zentraler Bedeutung. Je nach Sonnenstand und Witterung zeichnet sich ein Bauwerk ganz unterschiedlich aus. Als konkretes Beispiel könnte ich die Häuser von Diener & Diener Architekten im St. Alban-Tal nennen. Mich fasziniert, wie diese je nach Lichtstimmung ganz unterschiedlich wirken.“

Architekten wünschen sich oft in erster Linie dokumentarische Bilder, die aber immer auch von einen hohen ästhetischen Wert haben sollen: Wie gehen Sie mit dieser doppelten Erwartung um?
„Für mich sind das zwei verschiedene Aufgabenstellungen, die getrennt werden müssen. Grundsätzlich interessieren mich aber beide. In manchen Fällen ist sicher auch eine Verbindung möglich. Allgemein bedingt die dokumentarische Fotografie jedoch Vorwissen über den Architekten, das Konzept und den Bau an sich, sei dies in Form von Skizzen, Worten oder Bauplänen. Diesbezüglich ist für mich das Schaulager von Jacques Herzog & Pierre de Meuron eines der faszinierendsten Beispiele. Dort gelang es, Funktion und Symbolik, Form und Materialität in ein grandioses Spannungsverhältnis zu setzen. Eigentlich ist die Bauaufgabe ja ein Widerspruch in sich: Ein Lager, das zur Schau stellen will. Als Architekt würde ich da fragen: Wollt ihr ein Museum oder ein Lager? Herzog & de Meuron hat diesen Widerspruch in grossartige Architektur aufgelöst.“

Inwiefern werten Sie als Fotograf ein Bauwerk?
„Zuerst einmal fotografiere ich immer Bauten, die mich interessieren. Insofern findet da bereits eine gewisse Wertung statt. Jetzt könnte man fragen, ob ich denn auch hässliche Architektur fotografiere? Ja, unter Umständen schon. Auch in Basel haben wir Bauten aus den 60er-Jahren, deren damalige, teilweise von Le Corbusier inspirierte Ideen, heute zwar überholt sind, aber gerade deshalb faszinieren, weil sie sich nicht bewährten. Ich erinnere mich jedoch auch an die bereits erwähnten Bauten von Diener & Diener im St. Alban-Tal, die anfangs als „Schuhschachteln“ verspottet wurden. Auch mir gefielen sie nicht auf Anhieb. Erst durch genaues Beobachten der sehr subtilen Details entwickelte sich in mir eine Faszination. Bei anderen Architekten wie zum Beispiel Buchner & Bründler, deren Stil mir doch ziemlich brachial erscheint, versuche ich mich wertfrei an ein Bauwerk anzunähern. Ich denke dann „die haben sich ja wohl etwas dabei gedacht.“ Dabei ist man aber immer auch durch das eigene Vorwissen beeinflusst. So sehe ich den Roche-Turm mit anderen Augen, da ich weiss, dass es den wunderbar poetischen Doppelhelix-Entwurf gab.“

Was fasziniert Sie an der Architektur im Allgemeinen und derjenigen in Basel im Speziellen?
„An der Architektur fasziniert mich, wie viele Lösungen für eine Aufgabe gefunden werden können. Da staune ich immer wieder. Das gilt insbesondere für die Bauten von Herzog & de Meuron. Die sind immer wieder für eine Überraschung gut. Insbesondere zu ihren Anfängen: Nehmen wir das Stellwerk, dieser geniale Umgang mit den Kupferbändern an der Fassade. Oder auch die feine, taktile Holzlamellen-Fassade der Rehab an der Burgfelder Grenze. Aber auch ältere Bauten, wie das Kraftwerk in Birsfelden von Hans Hofmann. Ein rein funktionaler Infrastrukturbau könnte man meinen und einen pragmatischen Bau hinstellen. Aber nein, Hofmann entwirft einen wunderbaren Skelettbau, filigran, leicht, transparent. Und wenn wir den Blick von Basel abwenden, sollen das Kirchner Museum in Davos (Gigon Guyer; Anm. d. Red) und die Markthalle in Aarau von Miller & Maranta genannt sein. Letztere überzeugt mich durch die Verknüpfung mit dem Kontext, trotz der vermeintlich irritierenden Materialwahl, ein in jeder Hinsicht präzise gefügter Holzbau.“

Juri Weiss, herzlichen Dank für das spannende Interview.

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