Lektüre: Mit «Zeitsprünge» im Eiltempo durch die Geschichte Basels!

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«In Gedängge an d’Frau Fasnacht wo nie het derfe koo (…) es schmärzt Aadie z’sage nonig mol bisch koo…» – aktueller könnte Geschichtsschreibung nicht sein. Die Begleitpublikation zur aktuellen Ausstellung «Zeitsprünge» im Historischen Museum Basel schaut auf die Geschichte Basels zurück. Vom Faustkeil der Neandertaler bis hin zur heuer infolge des Coronavirus ausgefallenen Fasnacht. Ein aussergewöhnlich grosses Kapitel widmet das Buch dem Stadtbild und der Stadtentwicklung. Wir haben uns das handliche Buch genauer angesehen.

Ein Schlaglicht auf die Geschichte Basels
«Orientierung bieten sowohl über die Vergangenheit wie die Gegenwart Basels (…),» beschreibt Marc Fehlmann, Direktor des Historischen Museums Basel den Zweck der Ausstellung. Er erinnert sich an die Neueröffnung des Museums nach der Sanierung und Erweiterung 1981. Die damalige Ausstellung zur eigenen Geschichte Basels hätte schrittweise Platz für andere Projekte machen müssen. Die Zeit sei nun gekommen, nochmals eine Rückschau bis in die Gegenwart, aber auch einen Ausblick zu wagen. Die schlaglichtartige Ausstellung ist Konzept; sie funktioniert anhand weniger Objekte und mit dem Fokus beschränkt auf wichtige Ereignisse und Prozesse. Ebenso das Buch. Auf rund 170 Seiten führt uns die Publikation anhand verschiedener Themen im Eiltempo durch die Zeit.

Die Objektfotos sind von sehr guter Qualität

Die Objektfotos sind von sehr guter Qualität

Klassische Objektschau
Den Beginn macht eine simple Objektschau. Basler Geschichte anhand 50 Artefakten. Historisch einmaligen Objekten, wie die Krümme des Bischofsstabs aus dem 13. Jahrhundert, werden materiell wertlose, aber hinsichtlich der Geschichtsschreibung wichtige Dinge gegenübergestellt – etwa eine Wahlurne, in der erstmals auch Stimm- und Wahlzettel von Frauen eingeworfen wurden, ein Flugzeugmodell einer Crossair-Maschine oder ein simpler Gartenzwerg aus einer Installation aus der Gartenbauausstellung «Grün 80». Das letzte und gleichzeitig aktuellste Objekte ist die Gedenktafel an die Fasnacht 2020.

Eine «verpasste Chance»: die Wettsteinbrücke von Santiago Calatrava

Eine «verpasste Chance»: die Wettsteinbrücke von Santiago Calatrava

Bilder, Pläne und Modelle
Als Anschauungsobjekt selbst dient Basel im Kapitel «Stadtbild und Stadtentwicklung». Ganz im Sinne einer klassischen Ausstellung werden wir über historische bildliche Darstellungen und Karten in das Thema eingeführt. Während die abgebildeten Gemälde und Modellfotografien wunderbar funktionieren, so lassen uns die verkleinerte Vogelschau von Merian aus dem Jahr 1615, der erste senkrecht gezeichnete Plan von Samuel Ryhiner aus dem Jahr 1786 oder der präzise Übersichtsplan der Stadt Basel kurz vor Ausbruch des ersten Weltkrieges etwas ratlos zurück. Als Vorschau oder Inventar mit kurzem Beschrieb von Inhalt und Relevanz funktioniert dies gut. Auf den stark verkleinerten massstabslosen Plänen ist trotz festem Papier und hochwertigem Druck nichts zu erkennen. Im Sinne des «Schlaglichtes» aber ist vermutlich auch nicht mehr gewünscht. Ebenfalls sehr klein, aber etwas aussagekräftiger sind die statistischen Karten von 1860 bis 2019 über die Siedlungsentwicklung. Verglichen werden jeweils die Anzahl Einwohnerinnen und Einwohner, Gebäude und Autos. Was die Statistik zur Anzahl Nutztiere angeht, sind wir allerdings etwas überfragt, zumal nirgends erklärend darauf eingegangen wird.

Schöne Schwarzweiss-Aufnahmen vom Bernoullianum oder der Markthalle

Schöne Schwarzweiss-Aufnahmen vom Bernoullianum oder der Markthalle

Wesentlich besser funktionieren die folgenden Kapitel über Architektur im Stadtraum. Von der Stadtmauer und ihren Toren führt die Geschichte über die industrielle Entwicklung bis hin zu Fragen der Mobilität und des Verkehrs. Als Schwerpunkt im städtischen Raum behandelt die Publikation den Barfüsserplatz. Vom Parkplatz bis zum öffentlichen Treffpunkt und Veranstaltungsort für Konzerte – und notabene Standort des Historischen Museums…

Architekturstadt Basel?
Ob und warum Basel den Titel «Architekturstadt» verdient hat, fragen sich die Autor*innen zu guter Letzt und führen einige gebaute und geplante Beweise auf. Dabei werfen sie den Blick auf die richtigen Objekte, etwa die Antonius-Kirche von Karl Moser aus dem Jahr 1927, die Wohnüberbauung Hammerstrasse von Diener & Diener aus dem Jahr 1981 oder den Novartis-Campus. Neben einer Visualisierung des durchs Stimmvolk abgelehnten Entwurfs des Stadtcasinos der Architektin Zaha Hadid und einer Modellfotografie der von Santiago Calatrava entworfenen, aber nie ausgeführten Wettsteinbrücke, vermissen wir allerdings das kontrovers diskutierte Ozeanium. Auch deshalb, weil der Bau nicht in erster Linie aus architektonischen, sondern viel mehr aus Umwelt- und Tierschutzgründen abgelehnt worden ist.

Bald wird die Visualisierung der Roche-Türme wohl von der Realität eingeholt...

Bald wird die Visualisierung der Roche-Türme wohl von der Realität eingeholt…

«Inhaltsverzeichnis» der Basler Geschichte
Die eben erst erschienene Publikation kommt als handliche Klappenbroschur daher. Die Abbildungen der Ausstellungsobjekte sind von hoher Güte. Die gute Papier- und Druckqualität hinterlässt haptisch und optisch einen guten Eindruck. Als Begleitwerk zur Ausstellung macht die Publikation dank übersichtlicher Gliederung und beschreibendem Text einen guten Job. Als eigenständiges Werk bleibt sie allerdings zu oberflächlich. Selbstredend möchte das Historische Museum als Herausgeberin in diesem Fall aber auf dieser Flughöhe bleiben und sieht die Publikation denn auch als Inhaltsverzeichnis der Basler Geschichte, ohne spezifisch ins Detail zu gehen. Aus architektonischer Sicht werden durchaus die richtigen Themen angesprochen. Die umfangreiche Betrachtung unserer gebauten Umwelt zeugt von deren Wichtigkeit für Basel. Wie bei allem in «Zeitsprünge» gilt aber auch hier: Wer sich wirklich informieren möchte, der oder dem sei unbedingt weiterführende Literatur empfohlen.

Text: Simon Heiniger / Architektur Basel


Historisches Museum Basel (Hg.)
Jonathan Büttner, Gudrun Piller, Daniel Suter
Zeitsprünge
Basler Geschichte in Kürze

Juni 2020
172 Seiten, 184 meist farbige Abbildungen, Klappenbroschur, 19 × 24 cm
ISBN: 978-3-85616-932-9
Christoph Merian Verlag, Basel
CHF 26 / EUR 24

 

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