Masterthesis, done! Vom «verhandelbaren Aussenraum» bis zum «französischen Stahlbau»

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Am vergangenen Mittwoch fanden am FHNW-Campus in Muttenz die Abschluss-Präsentationen der Master-Thesis-Arbeiten in Architektur statt. Eine Handvoll Studierende werden in diesem Semester ihre Ausbildung mit dem Titel «Master of Arts FHNW in Architektur» abschliessen.

Eine Masterthesis-Arbeit in Architektur umfasst sämtliche Aspekte vom Städtebau über Quartier- und Platzorganisation, Tragwerks- und Fassadengestaltung bis hin zur Konstruktion und Detailbearbeitung. Neben dem Thesis-Entwurf geht eine Theoriearbeit einer frei gesetzten Fragestellung nach und ergänzt das Projekt. In der Regel finden über das Semester verteilt verschiedene Zwischenbesprechungen im Plenum statt – meist auch mit Gästen. Die Abschlusspräsentation ist daher auch weniger als Projektbesprechung, denn als Diskussion unter Fachleuten zu verstehen.

Immer wieder wurde beim Diskutieren zu den Modellen gegriffen © Architektur Basel

Immer wieder wurde beim Diskutieren zu den Modellen gegriffen © Architektur Basel

Ein Zentrum für Start-ups
Die Bevölkerung der Schweiz nimmt ständig zu. Am meisten Zuwachs verzeichnen die grossen Städte und ihre Agglomerationsgürtel. Haben 1930 noch 35% der Gesamtbevölkerung in den Städten gelebt, so sind es heute deren 85%. Diese Entwicklung geht nicht spurlos an uns vorbei; der Wohnraum wird knapp, der öffentliche Verkehr kommt an seine Grenzen, die Industrien verändern sich. Wo früher Stahl gegossen wurde, befinden sich heute Büros. Entsprechend gestiegen sind die Quadratmeterpreise in Stadtnähe. Dies macht es Start-ups unmöglich, sich in gut erschlossenen Gebieten zu entwickeln. Als Standort für den Thesis-Entwurf dient ein ehemaliges Industrie-Quartier im Zürcher Aussersihl. Das Areal befindet sich seit Jahren im Wandel. Die Aufgabe bestand darin, ein mögliches städtisches Szenario zu entwerfen, das beliebigen Start-ups die Möglichkeit bietet, sich optimal und kostengünstig zu entwickeln. Eine gewisse Flexibilität in der Nutzbarkeit wird deshalb vorausgesetzt. Die besten Start-ups sind jene, die sich nach ungefähr 10 Jahren in die freie Marktwirtschaft verabschieden und Platz für neue Ideenstarter*innen machen.

Projektperimeter beim Stadion Letzigrund, Zürich © Architektur Basel

Projektperimeter beim Stadion Letzigrund, Zürich © Architektur Basel

Im Raum stand zunächst die Frage, ob sich ein Zentrum für Start-ups an spezifische Branchen richten soll – und möglicherweise bestimmte Infrastrukturen bereits vorausgesetzt werden, oder ob verschiedene Lösungen von der Produktion bis zur Softwareentwicklung gleichzeitig angestrebt werden sollen. Alle Thesis-Arbeiten verfolgten dabei unterschiedliche Konzepte.

Der verhandelbare Aussenraum
Ein erstes Projekt schlägt einen modular ausbaubaren Riegelbau vor. Die Basis bildet ein Skelett aus fixen doppelt hohen Geschossen. Je nach Nutzung und Grösse des Start-ups gibt es die Möglichkeit, eine flexible Struktur in Form eines Zwischengeschosses partiell einzubauen. Dem gesamten Gebäude vorgesetzt wird ein grosser, dem Aussenklima angehörender Laubengang. Er bedient alle Voll- und Zwischengeschosse und fungiert als Erweiterung der Geschossfläche und Filter. Seine mäandrierende Form gestaltet den Übergang zum Aussenraum. Über innenliegende Lift- und Treppentürme werden die Geschosse erschlossen. Das Erdgeschoss ist offen gestaltet; grosse Durchgänge dienen der Durchwegung im Aussenraum.

«Wie finde ich den richtigen Eingang?» © Architektur Basel

«Wie finde ich den richtigen Eingang?» © Architektur Basel

In der Diskussion stellte sich die Frage nach der Anlieferung. Klassisch verfügen Firmen über separate Anlieferungszonen. Eine solche Unterteilung führt aber zu Verkehrswegen, die den Aussenraum ungünstig zerschneiden, insbesondere im dichten städtischen Raum. In diesem Zusammenhang widmete sich die Diskussion der Adressierung einzelner Büros im grossen Komplex. Wie können sowohl die Struktur als auch der architektonische Ausdruck Unterstützung leisten?

Die überhohen Geschosse bieten viel Flexibilität © Architektur Basel

Die überhohen Geschosse bieten viel Flexibilität © Architektur Basel

Co-Working in der Gastronomie
Mit einem speziellen Konzept setzte sich eine Studierende auseinander. Hat sich das erste Projekt an verschiedene Start-ups gerichtet, so widmet sich ihr Konzept speziell an die Gastronomie. Kochen ist nicht gleich Kochen. Bis Verpflegungskonzepte und Gerichte marktreif entwickelt sind, bedarf es einer theoretischen Auseinandersetzung, einer praktischen Küche und genügend Testesser*innen. Im gewöhnlichen Umfeld eines Restaurants kann dies nur sehr schwer stattfinden, da die Infrastruktur nur unregelmässig beansprucht wird. Das Gastronomie-Start-up-Zentrum aber schafft genau diese Voraussetzungen.

Am Modell lässt sich vieles prüfen © Architektur Basel

Am Modell lässt sich vieles prüfen © Architektur Basel

Erwähnenswert ist die Bauweise: Mit Ausnahme der statischen Aussteifung und der Erschliessung ist das ganze Gebäude als Holzbau geplant. Essen in ökologischer Umgebung! Diskutiert wurde insbesondere die Fassadengestaltung. Sollte ein Gebäude mit einer so spezifischen Nutzung auch entsprechend einzigartig aussehen oder soll es sich möglichst unscheinbar in die Nachbarschaft einreihen?

«Was für eine Aussage macht die Fassade?» © Architektur Basel

«Was für eine Aussage macht die Fassade?» © Architektur Basel

Französischer Stahlbau
Das dritte Projekt fordert seine Umgebung formal heraus. Verschieden grosse rechteckige Körper in Stahlbauweise ragen über einen betonierten Sockel, schaffen gedeckte Vorplätze und Zwischenräume und spielen gekonnt mit Licht und Schatten. Die einzelnen Baukörper geben eine mögliche Antwort auf die bereits zuvor gestellte Frage der Adressierung. Während das Erdgeschoss frei bespielt werden kann, sind in den Obergeschossen beispielsweise auch Wohnungen möglich. Somit fällt der Arbeitsweg weg – der ÖV dankt es.

«Wo wird angeliefert?» © Architektur Basel

«Wo wird angeliefert?» © Architektur Basel

Wiederum dominierte die Fassadengestaltung die Diskussion. Warum wurden hier Bänder gewählt? Sind sie eventuell statisch nötig? Aufgrund der niedrigen Gebäudehöhe und den windgeschützten Zwischenräumen auf dem Dach, würden sich zudem Sonnenterrassen anbieten.

Viele Baukörper schaffen unterschiedliche Aussenräume © Architektur Basel

Viele Baukörper schaffen unterschiedliche Aussenräume © Architektur Basel

Diagonales Sheddach & Kaskadentreppe
Der letzte Studierende wartete mit einem grossen Modell auf. Sein Vorschlag sieht eine grosse, langrechteckige Halle vor. Das mehrgeschossige Gebäude wird beinahe theatralisch über zwei Kaskadentreppen erschlossen. Diese bedienen jedes Geschoss und schaffen einen tollen Innenraum. Über ein diagonales Sheddach fällt Nordlicht in die Geschosse. Je höher man steigt, desto intimer wird die Ausgestaltung der einzelnen Stockwerke.

Die Präsentation der Masterthesis ist eine Diskussion unter Fachleuten © Architektur Basel

Die Präsentation der Masterthesis ist eine Diskussion unter Fachleuten © Architektur Basel

Neben viel Lob über die sehr detaillierte, aus dem Innenraum und am Modell entwickelte Arbeit, wurde angeregt über eine mögliche Einbindung des Aussenraums diskutiert. Auch hier kam das Thema Eingang zum Zug: Bedarf es mehrerer Zugänge oder soll es – wie vom Projekt vorgesehen – einen Haupteingang geben?

Das Modell überzeugt © Architektur Basel

Das Modell überzeugt © Architektur Basel

Eine Fragestellung. Viele Lösungen. Leider war der der Abschlussjahrgang heuer nur wenige Studierende stark. Trotzdem wurden alle Projektvorschläge sehr ausführlich diskutiert. Wir gratulieren den Diplomand*innen zu ihrem Masterstudienabschluss und wünschen alles Gute für die Zukunft.

Text & Fotos: Simon Heiniger / Architektur Basel

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