Meret Oppenheim Hochhaus: „Ych schängg dir mis Härz …“

0

„E Stange bitte“, rufe ich zur Bedienung im Restaurant Züribieter an der Dornacherstrasse im Gundeli und setze mich. Am Nebentisch wird lauthals ausgerufen. Vom „Hochhauswahn“ und „dä gruusige Betonklötz“ ist die Rede. Ein paar Strassen weiter steht er, der Stein des Anstosses, das Meret Oppenheim-Hochhaus, kurz MOH. An diesem Dezemberabend zeigt es sich von seiner versöhnlichen Seite. Ein riesiges Herz leuchtet den Baslerinnen und Baslern aus dem Innern entgegen.

„I schänke dir mis Härz. Meh han i nid …“, singt Kuno Lauener im Hintergrund aus dem Radio. Ich nehme einen Schluck wässriges Feldschlösschen. Die Reaktionen auf das MOH-Herz lassen nicht lange auf sich warten. Besonders auf Facebook wird die Aktion kontrovers diskutiert. Die Kritiker sind sofort zur Stelle. „Das rettet es auch nicht mehr“, schreibt Tobias Gombert. An Di doppelt nach: „Mit diesem Herz wird dieses Gebäude auch nicht hübscher!“ Leserin Maja Wassmer hat sogar Mitleid mit dem Herz. „Schaad firs Härz“, kommentiert sie. Roger Marrer fordert ultimativ: „Licht aus und Rückbau, die halbe Stadt ist versaut!“ Und Katka Lachenmeier meint: „Das hässlichste Haus mal anders …“ Die Liebeserklärung verstärkt offensichtlich die Aversion einiger Wutbürger.

Was für ein Motiv: Nächtlicher Centralbahnplatz mit Herz im Hintergrund

Postkartenmotiv: Nächtlicher Centralbahnplatz mit Herz im Hintergrund

Zum Glück melden sich auch differenzierte Stimmen. Der Chefredaktor der renommierten Architekturzeitschrift Archithese, Jørg Himmelreich, hat für die Aktion nur ein Wort übrig: „Kitsch.“ Ben Howald sieht in der Aktion eine Anlehnung an die Künstlergruppe „Blinkenlights“, die sich in den 2000er-Jahren durch interaktive Lichtinstallationen an Hochhäusern einen Namen gemacht hatte. „In meinen Augen handelt es sich hier um ein Plagiat auf dem unterstmöglich zu erreichenden Niveau“, kritisiert Howald jedoch. Kunsthistoriker Tilo Richter antwortet ihm: „Äpfel und Birnen … Die „Blinkenlights“ waren ja auch nur der Anfang von etwas, das inzwischen ganz anders und ganz woanders zu finden ist.“

Von weitem her sichtbar: Das MOH-Herz von der Dreirosenbrücke aus gesehen

Von weitem her sichtbar: Das MOH-Herz von der Dreirosenbrücke aus gesehen

Ob Plagiat oder nicht, die Lichtinstallation fand genauso viele lobende Worte und sorgte für erheiterte Gesichter bei den Passanten rund um den Bahnhof SBB. Viele Pendler hatten Freude an der „herzigen“ Aktion. „Finde es eine coole und witzige Idee“, meinte Ueli Geiger. Von einer „wunderbaren Idee“ sprach Kathrin Cottier Hofer. Auf Instagram freute sich Vanessa mit „#wiehärzig #pändle #ufsteller“ über die Aktion. Und Franziska Carolina Zierler Ruh aus der Ostschweiz meinte: „Isch doch modern. Mir gfallts mega guet.“

Hochhaus, ledig, sucht: Noch nie hat sich ein Hochhaus in Basel so liebenswert gezeigt

Hochhaus, ledig, sucht: Noch nie hat sich ein Hochhaus in Basel so liebenswert gezeigt …

Ob die Stammtischgenossen im Züribieter, die ewigen Hochhauskritiker und militanten Betonklotzhasser, dank dem Herz versöhnlicher gestimmt werden, sei dahingestellt. Es gilt die Fertigstellung und den Bezug der Wohnungen abzuwarten. Etwas aber haben die Projektverantwortlichen spätestens mit dieser Aktion geschafft: Das MOH ist das meistdiskutierte Bauwerk, das jemals in Basel errichtet wurde. Der letzte Schluck Bier, der letzte Refrain. Lauener singt: „I schänke dir mis Härz meh han i nid. Du chasch es ha, we de wosch, es isch es guets und es git no mängi, wos würd näh. Aber dir würd is gä …“

Text: Lukas Gruntz / Architektur Basel

Lichtinstallation im Meret Oppenheim Hochhaus

Der spektakuläre Blick von der Baustelle des Baloise-Parks auf die MOH-Lichtinstallation

Teile diesen Beitrag!

Comments are closed.