Obere und Untere Fabrik in Sissach | Baselbieter Baukultur #36

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Sissach etablierte sich mit dem Einzug der Eisenbahn ab 1854 als Zentrum im Oberbaselbiet. Rund um den neuen Bahnhof entwickelte sich ein lebendiges Quartier. Um 1900 eröffneten mehrere Warenhäuser und Handelsfirmen ihren Betrieb. Bereits einige Jahre zuvor erkannten Fabrikbesitzer aus Basel das Potential und erstellten Filialen ihrer Seidenbandwebereien.

« (…) si schaffe und si wärche,
soviel e jede mag.
Die einte mache Bändel,
die and’re schaffe s’Feld,
doch alli sy, wenn’s immer goht,
gar lustig uf d’r Wält (…)
(Ausschnitt aus der 3. Strophe des Baselbieterliedes, Wilhelm Senn, 1862)

1859 bereits liess sich die Basler Seidenbandweberei Fiechter & Söhne in Sissach an der Ergolz eine Fabrikanlage bauen. Dazu gehörten neben dem dreigeschossigen Hauptbau mit Steildach ein Turbinen- und Gashaus, sowie ein Wohnhaus für die Direktion und eines für Arbeiter. Die Fabrikhalle verfügte über einen typischen Grundriss; zwei parallele Stützenreihen mit Webstühlen zu beiden Seiten eines Mittelganges. Ursprünglich bestanden alle Stützen aus Holz. Die Doppelreihe im Erdgeschoss wurde später durch Eisenstützen ersetzt. Die restliche Konstruktion ist noch hölzern, die Wände aus Bruchsteinen. Am westlichen Ende angebaut befanden sich die Sanitäranlagen. Erschlossen ist das Gebäude über eine schmale Treppe im nordöstlichen Teil. Die Seidenbandfabrik war auf bis zu 200 Arbeiterinnen ausgelegt.

Untere Fabrik, Sissach © Börje Müller Fotografie

Untere Fabrik, Sissach © Börje Müller Fotografie

Die Produktion in der Unteren Fabrik wurde 1930 eingestellt. Von 1936 bis 1945 nutzte das Grenzwachkorps das Gebäude als Kaserne mit 450 Betten. Der Grundriss scheint dafür wie geschaffen. Die Lift- und Krananlage stammt aus einer erneuten Fabriknutzung nach dem zweiten Weltkrieg. Zwischenzeitlich gehörte das Gebäude dem Kanton Basel-Landschaft.

Bis anhin existieren keine Pläne, welche Johann Jakob Stehlin d. J. als Architekten der Industrieanlage bestätigen, jedoch liegt die Vermutung nahe, Stehlin dürfte sich – nachdem er für E. Fiechter-Seiler am Aeschengraben in Basel bereits ein Wohnhaus erstellt und diverse Fabrikbauten in der Stadt geplant hatte – auch für die Untere Fabrik in Sissach verantwortlich zeigen. Mit grosser Wahrscheinlichkeit plante Stehlin auch die Obere Fabrik im folgenden Jahr für die Seidenbandweberei J.J. Köchlin aus Basel. Für Sissach bedeutete das Aufkommen solcher Produktionsbetriebe ein völlig neues Zeitalter. Die Heimposamenterei sicherte bis jetzt so manchem Haushalt ein Auskommen, nun aber wurde die Arbeit gebündelt in Fabriken zusammengefasst, die Webstühle durch Turbinen, angetrieben durch Wasserkraft betrieben. Die schiere Rationalität hinter diesen Anlagen spiegelt sich in den streng gegliederten Fassaden der volumetrisch für das damalige Sissach völlig unbekannten Gebäude. Wurde die Heimposamenterei vormals häufig von Bäuerinnen ausgeführt, so stand der Arbeit in der von der eigenen Wohnung unabhängigen Fabrik nun auch für andere Personen nichts mehr im Wege.

Obere Fabrik, Sissach © Börje Müller Fotografie

Obere Fabrik, Sissach © Börje Müller Fotografie

Seit 1987 werden die Räume in der Oberen Fabrik vermietet. Laut der Verwaltung Obere Fabrik AG wurde das Gebäude in den letzten Jahren umgebaut; neben 27 Büro- und Atelierräumen gibt es auch 6 Wohnungen. Vermietet werden sollen die Räumlichkeiten zu günstigen Konditionen an Kunst- und Kulturschaffende.

Untere Fabrik
Funktion: Industrie (Seidenbandweberei)
Adresse: Allmendweg 35, 4450 Sissach
Baujahr: 1859/1860
Architektur: Johann Jakob Stehlin d. J.

Obere Fabrik
Funktion: Industrie (Seidenbandweberei)
Adresse: Gerbegässlein 1, 4450 Sissach
Baujahr: 1860
Architektur: Johann Jakob Stehlin d. J.
Nutzung heute: Gewerbe- und Kultur- und Wohnhaus, www.oberefabrik.ch


Text:
– Simon Heiniger / Architektur Basel
Fotos:
– © Börje Müller Fotografie
– Simon Heiniger / Architektur Basel
Quellen:
– Hasche, K. & Hanak, M. (2010), Bauten im Baselbiet: eine Architekturgeschichte mit 12 Spaziergängen, Schwabe AG, Basel. ISBN: 978-3-7965-2664-0
– Website des Kantonalen Inventars geschützter Kulturdenkmäler Basel-Landschaft

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