“Opulent schön” – “Also hier in Berlin wär das ein Puff…”

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Nach vier Jahren Bau- und Renovierungszeit präsentierten am vergangenen Mittwoch die Casino-Gesellschaft Basel gemeinsam mit Herzog & de Meuron das “in neuem Glanz erstrahlende Konzerthaus” am Barfüsserplatz. Zurückhaltend erweitert, wartet das Stadtcasino Basel innen mit einigen Überraschungen auf. Neobarocke, klassizistische und zeitgenössische Elemente finden zu einer neuartigen Architektur zusammen. In unserer Leserschaft sorgte das für viel Gesprächsstoff.

Jaques Herzog präsentiert das Erweiterungsprojekt an der Medienkonferenz: „Ein überraschendes Zusammenspiel von Neubau, Umbau und Renovationsprojekt.“ © Armin Schärer / Architektur Basel

„Was für eine tolle Überraschung!”
Frei nach unserem Motto “Architektur geht alle etwas an” fragten wir auf Social Media frech in die Runde: “Wie gefallen euch die Räume der neuen Stadtcasino-Erweiterung am Barfüsserplatz?” Die Resonanz war gross. Nicht einmal das heiss diskutierte Meret Oppenheim-Hochhaus sorgte auf unserer Facebookseite für so viele Kommentare… Die grosse Mehrheit unserer LeserInnen zeigte sich begeistert von den neuen Räumen des Stadtcasinos. “
Das sieht super aus! Eine echte Meisterleistung”, befand Claudia Keller. Den Architekten gelang es, einen Hauch der grossen weiten Welt der glamourösen Opern- und Theaterhäuser an den Barfüsserplatz zu entführen. Sinnbildlich dafür steht die in der Manufacture Perelle in Lyon reproduzierte original Brokat Tapete, die das 1752 gegründete Unternehmen bereits für die Opéra Garnier in Paris gewoben hatte. David de Pretto verschlug es kurzerhand die Sprache: “Sprachlos beeindruckend. Was für eine tolle Überraschung!” Kathrin Cottier Hofer meinte kurz und bündig: “Ou hoppla! Sieht gewaltig aus.” Und Beat Plüss gestand:S’haut mi um!”

Erweiterung Stadtcasino Basel von Herzog & de Meuron © Armin Schärer / Architektur Basel

Erweiterung Stadtcasino Basel von Herzog & de Meuron © Armin Schärer / Architektur Basel

„So geht Treppe!”
Von besonderer feierlicher Opulenz sind die beiden neuen Treppenhäuser, die seitlich des Foyers angeordnet sind. Mit ihren logenartigen Ausbuchten laden sie zum Verweilen ein und schaffen vielfältige Blickbezüge über die Geschosse hinweg. Leser Juerg Andres
fand sie “einfach nur wunderschön – so geht Treppe!” Die sorgfältig abgestimmte Materialisierung der Innenräume fand viel Anerkennung. Zu erwähnen ist neben der Tapete das eigens für das Stadtcasino entwickelte Parkett. Während sich die linsenförmige Geometrie vom Muster der Tapete ableitet, nimmt die Verlegung mit einer abwechselnd links- und rechtsläufigen Holzmaserung Bezug auf das historische Fischgrätparkett des Musiksaals. Laurent Voegelin gefällt’s: “Stil, Formen, Farben spielen hervorragend zusammen.”

Erweiterung Stadtcasino Basel von Herzog & de Meuron © Armin Schärer / Architektur Basel

Erweiterung Stadtcasino Basel von Herzog & de Meuron © Armin Schärer / Architektur Basel

“Ich bin jetzt Spielverderber“
Vereinzelte kritische Stimmen gab es auch. Wie immer. Da waren die plumpen, undifferenzierten Miesmacher. So wie Ulrike Kre, die einfach mal ein “ziemlich grauenhaft” in die Runde warf. Die Kritik von Urs Haller kam da schon fundierter daher: “Ich bin jetzt Spielverderber. Das ist mir zu opulent, passt nicht zum (gelungenen!) äusseren Erscheinungsbild und entspricht auch nicht dem sprichwörtlich
en Basler Understatement.” Tatsächlich darf die Frage gestellt werden, inwiefern die Opulenz einer Opéra Garnier mit der protestantischen Basler Bescheidenheit zusammenfindet.

Erweiterung Stadtcasino Basel von Herzog & de Meuron © Armin Schärer / Architektur Basel

Erweiterung Stadtcasino Basel von Herzog & de Meuron © Armin Schärer / Architektur Basel

“Palazzo der Musik”
Die gebaute Gegenthese befindet sich nur wenige Schritte vom Stadtcasino entfernt.
Das 1975 fertiggestellte Theater der Architekten Felix Schwarz und Rolf Gutmann verkörpert die Idee einer egalitär-demokratischen Gesellschaft, die ohne jegliche formale Repräsentation oder Statussymbole auskommt. Herzog & de Meuron sprachen bei ihrer Erweiterung hingegen bewusst von einem “Palazzo der Musik”. Die Referenzierung des Palastes zeugt von einer grundlegend anderen Haltung, die sich mitunter aus der klassizistischen Architektur des Stehlinschen Musiksaals von 1876 ableitet. Ein Freudenhaus? Bei einigen LeserInnen löste die opulente Materialisierung Assoziationen zu Etablissements des ältesten Gewerbes der Welt aus.Nun kann man es umtaufen zum Hotspot-Bordell Basel”, schrieb Sandy Kohl und Sabine Reinarz doppelte nach: “Also hier in Berlin wär das ein Puff…”

Erweiterung Stadtcasino Basel von Herzog & de Meuron © Armin Schärer / Architektur Basel

Erweiterung Stadtcasino Basel von Herzog & de Meuron © Armin Schärer / Architektur Basel

„Une délicieuse framboise!“
Auf jeden Fall machten die ersten Einblicke Lust auf mehr. Unsere frankophone Leserin Eva Buffoni
lobte den Erweiterungsbau von Herzog & de Meuron in den siebten Himbeer-Himmel: “Une délicieuse framboise! Les volumes sont magnifiques. Le double lustre est fascinant. J’aime le détail des balustrades en bois tourné.” Die Räume scheinen in freudiger Erwartung der ersten Konzerte – und mit ihnen Leserin Vreni Gramelsbacher: “Freu mi scho uf s Eröffnigskonzärt.” Einige humorvolle Reaktionen gab es auch. Philipp Fuchs schrieb: “Wenn ich diese Bilder sehe, kommen mir Filme von Woody Allen in den Sinn. Ich kanns rational noch nicht verarbeiten.” Und Dieter Bachmann wagte gar ein erste architekturhistorische Einordnung: “Goetheanum meets KKL.” In genau zwei Worten brachte Gülkökü Fulya seine Meinung zum neuen, erweiterten Stadtcasino auf den Punkt: “Opulent schön.” Nach all diesen vielen Meinungsbekundungen aus unserer Leserschaft überlassen wir das Schlusswort den Architekten: „Wir wollten, dass sich die neobarocken, klassizistischen und zeitgenössischen Elemente zu einer neuartigen Architektur zusammenfügen, die es so nur hier, an diesem traditionsreichen aber nun auch zeitgemässen Ort in Basel geben kann.“

Erweiterung Stadtcasino Basel von Herzog & de Meuron © Armin Schärer / Architektur Basel

Text: Lukas Gruntz / Architektur Basel
Fotos: Armin Schärer / Architektur Basel

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