„Ordnung und Vollkommenheit“ – der Kreis in der Basler Architektur

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„Leidenschaft verleitet dazu, im Kreis zu denken“, bemerkte Oscar Wilde einst. Ob er dabei auch an Architektur gedacht hat? Wohl kaum. Und dennoch scheint es nicht ganz abwegig, dass der Kreis – als vollkommenste geometrische Form – etwas mit Leidenschaft zu tun haben könnte. Auf jeden Fall scheint er in der zeitgenössischen Architektur vermehrt Anklang zu finden. In Basel wurde der Kreis zuletzt von Harry Gugger in Form eines sehenswerten Wendeflügelfensters beim Umbau des Silos auf der Erlenmatt zelebriert – und bei fast jedem aktuellen Wettbewerb blicken einem irgendwo kreisrunde Fenster entgegen. Die Zeitschrift Archithese hat dem Thema kürzlich gar ein ganzes Heft gewidmet. Anlass genug, uns zu Fragen: Wie steht es eigentlich um den Kreis in der Basler Architektur?

Silo Erlenmatt Ost von Harry Gugger Studio © Christian Kahl

Der Kreis – in der dritten Dimension die Kuppel beziehungsweise die Kugel – hat in der Architekturgeschichte seit der Antike einen festen Platz inne. Besonders bemerkenswert ist die Auseinandersetzung der französischen Revolutionsarchitektur im späten 18. Jahrhundert mit der idealen, zirkulären Form. Der „Kenotaph für Isaac Newton“ des französischen Architekten Étienne-Louis Boullée verkörpert die maximal-heroische, architektonische Umsetzung der Kreis-Typologie. In seinem 1793 erschienenen Werk „Architecture – Essai sur l’art“ beschreibt er die Vorzüge des Kreises: „Aus der perfektesten Symmetrie leitet sich die unendliche Vielfalt ab.“ Und in Bezug auf die Kugel: „Die weiteren Vorzüge der Kugel liegen darin, dass sie unserem Auge die grösste Oberfläche bietet, was sie majestätisch erscheinen lässt, dass sie die einfachste Form besitzt, deren Schönheit aus der durch nichts unterbrochenen Oberfläche hervorgeht.“ Letztlich seien sowohl Kreis als auch Kugel das perfekte Abbild von „Ordnung und Vollkommenheit.“

Grundriss Abdankungshalle von Melchior Berri, 1833 © Christoph Merian Verlag, Basel

Zurück nach Basel. Wo finden wir am Rheinknie die geometrische „Vollkommenheit“ in Kreisform? Zuerst die Einschränkung: Unsere Recherche konzentriert sich auf Typologien von Bauten. Wir suchen in unserem Basler Grundriss-Fundus nach dem Kreis – und stellen schon bald fest, dass er in Basel Seltenheitswert hat, eine typologische Ausnahmeerscheinung ist. Dennoch gibt es sie, die Ausnahmen. Der grossartige Auftakt gelingt dem bedeutendsten Basler Architekten des 19. Jahrhunderts, Melchior Berri. Seine kleine Abdankungskapelle auf dem ehemaligen Theodorsgottesacker (heute: Rosentalanlage) basiert auf einem „kreisrunden Grundriss, bedeckt von einer in Holz konstruierten Kuppel mit Laterne“, wie Dorothee Huber im Basler Architekturführer schreibt. Fertiggestellt wurde der Bau 1833. Die kleine Kapelle kommt der boullée’schen „Vollkommenheit“ ziemlich nahe. Der Eintritt in den feierlichen Raum wird von einem kleinen Portikus mit toskanischen Holzsäulen in würdiger Form artikuliert.

Antilipenhaus im Zoo Basel erbaut 1910 © Staatsarchiv Basel-Stadt

Antilipenhaus im Zoo Basel erbaut 1910 © Staatsarchiv Basel-Stadt

Es dauert knapp 100 Jahre, bis wir in Basel erneut auf einen Grundriss mit Kreis-Vokabular stossen: Im Basler Zolli werden wir fündig, namentlich beim Antilopenhaus, das 1910 erbaut wurde. Als Architekt fungierte F. Stehlin und als Ingenieur Ed. Riggenbach. Es handelt sich um eine elegante, leicht historisierende Pavillonarchitektur. In der Hauptachse des symmetrischen Grundrisses befinden sich der Besuchereingang, sowie gegenüber der grosse Giraffenstall. In den beiden Seitenpartien sind im Halbrund jeweils vier Antilopenställe untergebracht. Das Publikum hat von der zentralen Halle aus – ähnlichen einem Panoptikum – alle Ställe bestens im Blick. Die Kreisform hat hier funktionale, sowie gestalterische Gründe: Dank ihr fügt sich das Haus gut in die Parkanlage ein, zudem können die Ställe effizient angeordnet und bewirtschaftet werden – bei gleichzeitig optimalem Einblick für das Publikum. Weiter geht’s auf das Bruderholz. Hier finden wir einen funktionalen Infrastruktur-Kreisbau. Die Rede ist vom 1926 erbauten Wasserturm. Die Geometrie hat in diesem Fall mitunter technische Gründe. Für den zylinderförmigen Wassertank ist der Kreis die ideale Form. Der runde Turm besitzt als Landmark aber auch ikonografische Qualitäten.

Arbeitsamt Utengasse von Erwin Rudolf Heman, 1933 © Christoph Merian Verlag, Basel

Arbeitsamt Utengasse von Erwin Rudolf Heman, 1933 © Christoph Merian Verlag, Basel

Auf ein herausragendes Beispiel einer funktionalistisch-geprägten Kreisarchitektur stossen wir an der Utengasse im Kleinbasel. Die Typologie des 1932 erbauten Arbeitsamts von Erwin Rudolf Heman basiert auf einer ausgeklügelten Recherche der Besucherwege. Mehrere kleine Eingänge an der kreisrunden Rückseite lassen die Besucher direkt und ohne Vorgeplänkel an gezielter Stelle ins Haus eintreten. Insbesondere die „geometrische Radikalität des Grundrisses und Baukörpers“ würdigt der Basler Architekturführer. Heman bezieht sich mit seinem Grundriss auf das kurz zuvor erbaute Arbeitsamt in Dessau von Walter Gropius (1928–29), einem Schlüsselwerk der funktionalistischen Architektur der frühen Moderne.

Rundhofhalle Messe von Hans Hofmann erbaut 1954 © Hans Hofmann

Rundhofhalle Messe von Hans Hofmann erbaut 1954 © Hans Hofmann

Zurück ins Rosental: Wenige Schritte von der kleinen Berri-Kapelle entfernt findet die Basler Kreisarchitektur in den 1950er-Jahren einen weiteren Höhepunkt. Die 1954 erbaute Rundhofhalle der Mustermesse von Architekt Hans Hofmann zelebriert den Kreis als Negativform: Der namensgebende „Rundhof“ dient als zentraler Treffpunkt und Erschliessungsraum sämtlicher Geschosse und Hallen. „Die als klare geometrische Körper ausgebildeten Bauteile mit ihrer prägnanten Farbgebung unterstützen die Evidenz der funktionalen Ordnung. In dieser frappanten und gelösten Übereinstimmung von Funktion, Bautechnik und architektonischer Ausdrucksform zeichnet die Rundhofhalle als Markenzeichen und Aushängeschild das Bild der prosperierenden Schweizer Wirtschaft der 1950er-Jahre.“

1. Projekt Messehalle im Jahre 1949 © Hans Hofmann

1. Projekt Messehalle im Jahre 1949 © Hans Hofmann

Erwähnenswert ist auch der erste Projektentwurf aus dem Jahre 1949: Ein radiales Ausstellungskonzept führt zu einem Rundbau mit aussenliegenden, ebenfalls runden Treppentürmen. Ein halbes Jahrhundert später wurde der Rundhofhalle von Herzog & de Meuron die Ehre erwiesen: Ihr Loch über dem Messeplatz referenziert den Rundhof und schafft einen Stadtraum von besonderer räumlicher Prägnanz.

Neubau Messehalle, 2013 © Herzog & de Meuron

Neubau Messehalle, 2013 © Herzog & de Meuron

Ein besonderer Kreisbau findet sich seit Mitte der 1960er-Jahre vor den Toren Basels in Muttenz. Für die Rundhalle, das sogenannte „Pantheon“, entwickelte das Zürcher Ingenieurbüro Züblin ein neuartiges Verfahren. An einen äusseren Ring auf 32 schlanken Stützen spannten die Ingenieure radial Drahtseile mit einem Gefälle nach unten zu einem tiefer liegenden inneren Betonring. Dieser kleinere Ring wurde nun nach unten gezogen, um die Seile vorzuspannen, bevor diese 5cm stark einbetoniert wurden. Diese Schicht ist äusserst leicht und aufgrund der Vorspannung belastbar. Nicht nur konnte so auf Stützen im Raum verzichtet werden; man hängte an den inneren Ring auch noch eine runde Kranbahn.

Grundriss BIZ Hochhaus erbaut 1976 © Burckhardt+Partner

Grundriss BIZ Hochhaus erbaut 1976 © Burckhardt+Partner

Unsere promenade architecturale – streng dem Kreis nach – führt uns weiter an den Centralbahnplatz, wo seit 1976 das markante BIZ-Hochhaus steht, das aus der Basler Skyline längst nicht mehr wegzudenken ist. Die zeittypisch-kontextlose Architektur von Burckhardt+Partner entfaltet im Grundriss ihre volle Kraft. Die radial organisierten Bürogeschosse werden in zwölf Hauptachsen gegliedert, die wiederum in fünf Abschnitte unterteilt sind. Das ergibt ein Grundrisssystem, worin Raumgrössen flexibel angepasst werden können. Im ebenfalls runden Kern sind sämtliche Nebenräume, Erschliessung, sowie Haustechnik angeordnet. Ein weiteres besonderes Merkmal des Gebäudes sind die variierenden Radien je nach Höhe und Geschoss, die eine leicht taillierte Fassade ergeben. Das Hochhaus stellt den unumstrittenen Höhepunkt der Basler Kreisarchitektur der Nachkriegsmoderne dar.

Bankgebäude Aeschenplatz von Mario Botta, 1995 © Mario Botta

Bankgebäude am  Aeschenplatz von Mario Botta, 1995 © Mario Botta

Es folgte die Postmoderne, wo der Kreis unter Architekten besonders populär war. Zu den bedeutendsten Protagonisten der damaligen Zeit gehörte Mario Botta. Sein 1995 fertiggestelltes Bankgebäude am Aeschenplatz repräsentiert eine besonders lustvolle gestalterische Auseinandersetzung mit dem Kreis – oder in diesem Fall eher dem Halbkreis. Hier kommt eine besondere Qualität des Kreises zum Tragen, die im städtebaulichen Kontext jedoch problematisch ist: Selbstbezogenheit. Der Rundbau braucht keinen Kontext; durch seine absolute Form schafft er sich diesen selbst. Trotz allem: Der Botta-Bau ist von höchster gestalterischer Güte; von der horizontal gestreiften Natursteinefassade, welche die Kreisform visuell gekonnt unterstreicht, bis zum Kranz der kleinen Kreisfenster, der das Gebäude elegant abschliesst.

Grundriss des „movable house“ in Riehen, 2018 © Rahbaran Hürzeler Architekten

Im kleinen Massstab treffen wir den Kreis beim experimentellen Movable House (2018) in Riehen von Rhabaran Hürzeler Architekten wieder an. Man könnte von einem „Rundhofhalle en miniature“ sprechen: „Im Zentrum des pavillonartigen Gebäudes steht der kreisrunde Bibliotheks- und Rückzugsraum; alle Wohnräume werden von diesem internen Verteiler diagonal erschlossen“, wie die Architektinnen schreiben. Die Kreisform schafft eine Mitte, die den Grundriss zentriert, ihm Halt gibt.

Projektwettbewerb Neue Kuppel Basel © Baumann Lukas Architektur

Projektwettbewerb Neue Kuppel Basel, 2019 © Lukas Baumann Architektur

Zurück in der Gegenwart. Der Kreis ist heiss – zumindest, wenn man den Entwurf für den Kuppel-Neubau (2019) von Lukas Baumann anschaut. Hier ist so ziemlich alles Kreis, was Kreis sein kann. Die Grundform, die Fassade, die Treppenhäuser, die Steigzonen. Architektur wird sprichwörtlich kreisifiziert. Mathematikfans dürften sich beim Grundriss an die Form einer fraktalen Mandelbrot-Menge erinnert fühlen. Baumann lässt ein regelrechtes Kreisfeuerwerk in den Basler Architektur-Himmel steigen. Hatte einst irgendjemand behauptet, der Kreis hätte etwas mit Leidenschaft zu tun?

Text: Lukas Gruntz / Architektur Basel


Kleine Anthologie der Basler Kreisarchitektur

  • 1833: Abdankungskapelle im Rosentalpark, Melchior Berri
  • 1910: Antilopnehaus Zoo Basel, F. Stehlin
  • 1926: Wasserturm, Bruderholz
  • 1932: Arbeitsamt Utengasse, Erwin Rudolf Heman
  • 1954: Rundhofhalle Messe, Hans Hofmann
  • 1965: Pantheon in Muttenz, Eduard Züblin
  • 1976: BIZ-Hochhaus, Burckhardt+Partner
  • 1995: Bankgebäude am Aeschenplatz, Mario Botta
  • 1987: Wohnhaus Allschwilerplatz, Herzog & de Meuron
  • 2013: Messezentrum Basel, Herzog & de Meuron
  • 2018: Movable House, Riehen, Rhabaran Hürzeler
  • 2019: Entwurf Wettbewerb Kuppel, Lukas Baumann

Liste ohne Anspruch auf Vollständigkeit

Blick in die Zukunft? Ein fliegendes Kreisgebäude nebem dem Sommercasino schlägt diese sehenswerte studentische Diplomarbeit im Master (2019) an der FHNW vor © Architektur Basel


Literatur:
Boullée, Etienne-Louis: Architecture – Essai sur l’art, 1793.
Huber, Dorothee: Architekturführer Basel, Christoph Merian-Verlag, 2014.
Huber, Dorothee: Melchior Berri, Schwabe Verlag, 2001.
INSA: Inventar der neueren Schweizer Architektur, 1850-1920: Basel, Orell Füssli, 1986.
Das Werk: Der Neubau der Schweizer Mustermesse Basel, Heft 7, 1954.

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