Rebecca Kunz: „Das Subversive finde ich spannend“ – Monatsinterview #3

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Ist das Architektur? Oder vielleicht doch schon Kunst? Der dritte Teil des Monatsinterviews mit Rebecca Kunz widmet sich dem Thema Kunst am Bau – auch Kunst und Bau genannt. Soll sich Kunst einem Bauwerk unterordnen? Oder ganz im Gegenteil: Soll sie der Architektur widersprechen? Kunz, die selbst gerade an einem Kunst und Bau-Projekt arbeitet, sagt: „Ich finde es spannend, wenn sich die Kunst in die alltägliche Nutzung eines Bauwerks integriert.“ Ein Gespräch über Originalität, Referenzen, Kunst als Störfaktor und Humor.

Lukas Gruntz (Architektur Basel): Wenn wir die ewige Frage, ob Architektur nun Kunst sei oder nicht, mal beiseitelassen, inwiefern können Kunstwerke ein Bauwerk bereichern?
Rebecca Kunz: „Das ist eine grosse Frage. Da ich zurzeit in Bern an einem Kunst-und-Bau-Wettbewerb teilnehme, beschäftigt sie mich momentan sehr. Letztlich ist es wie bei der Architektur: Es gibt auch bei Kunst und Bau gute und schlechte Beispiele, egal welche Haltung dahintersteckt.“

Individuell gestaltete Türklinken aus Messing von Künstler Erik Steinbrecher in der Primarschule Erlenmatt (Foto Armin Schärer)

In Basel gibt es das schöne Beispiel beim Erlenmatt Schulhaus von Luca Selva, wo der Basler Künstler Erik Steinbrecher individuelle Türklinken aus Messing gestaltet hat. Die Kunst wird dort zum integralen Bestandteil der Architektur.
„Das finde ich eine wirklich schöne Idee, die mir sehr entspricht.“

Ein anderer Ansatz wäre die gestalterische Überhöhung der Architektur. Bei den Villen von Palladio beispielsweise haben die Maler mit ihren Fresken den Räumen erst ihre finale, grandiose Gestalt gegeben. Kunst und Architektur werden dort eins.
„Es wäre natürlich schön, wenn die Architekten heute immer noch so denken würden – und uns Künstler und Künstlerinnen bei der Planung und Gestaltung von Anfang an miteinbeziehen würden. Dann wäre es auch tatsächlich «Kunst UND Bau» anstelle von «Kunst AM Bau».

„Ich mag den subtilen Eingriff, wenn Kunst angefasst und genutzt werden kann. Ich finde es auch spannend, wenn man gar nicht so genau weiss, was Kunst und was Möblierung oder Innenausstattung ist.“

Architektur Basel im Gespräch mit Rebecca Kunz © Armin Schärer / Architektur Basel

Persönlich habe ich etwas Mühe damit, wenn Kunst allzu plakativ einem Bauwerk beigefügt wird. So im Sinne von: Da hast du noch eine freie Fassadenfläche, wo wir dann dein Relief hinhängen können. Was macht für dich gute Kunst am Bau aus?
„Ich finde es spannend, wenn sich die Kunst in die alltägliche Nutzung eines Bauwerks integriert, wie beim von dir genannten Beispiel von Erik Steinbrecher. Ich mag den subtilen Eingriff, wenn Kunst angefasst und genutzt werden kann. Ich finde es auch spannend, wenn man gar nicht so genau weiss, was Kunst und was Möblierung oder Innenausstattung ist. Das Subversive finde ich spannend.“

Was interessiert dich persönlich am Thema Kunst-am-Bau?
„Die Zusammenarbeit mit den Architekten und die Verantwortung etwas zu schaffen, das bleibt. Meine Kunst verschwindet sonst immer. So kann ich einmal etwas machen, das Bestand hat. An schlechten Tagen kann ich dann dort vorbeigehen und zu mir sagen: „Schau, was ich da Gutes gemacht habe! Es ist immer noch da.“ (lacht)

Architektur Basel im Gespräch mit Rebecca Kunz © Armin Schärer / Architektur Basel

Also, wenn ich dich richtig verstanden habe, interessiert dich der Ansatz, dass sich Kunst subversiv in ein Bauwerk einverleibt – so dass man die Kunst als solche gar nicht bewusst wahrnimmt.
„Das ist ein Weg der mich interessiert, wobei ich Rezepte wie gesagt allgemein schwierig finde. Grundsätzlich finde ich es aber schon spannend, wenn Kunst das Unterbewusstsein anspricht. Oder ein spielerisches Element, dass eine gewisse Funktionalität hat.“

Inwiefern arbeitest du mit Referenzen?
„Zu Beginn einer Arbeit versuche ich die Recherche zu möglichen Referenzen zu vermeiden. Da möchte ich ganz bei mir sein. Wenn ich dann eine Idee habe, möchte ich natürlich wissen, wer das auch schon mal gemacht hat. Das ist manchmal ernüchternd. Andererseits ist es normal, dass jemand irgendwo auf der Welt in demselben Moment dasselbe wie ich tut. Wir leben schliesslich in derselben Zeit.“

Weshalb ist das ernüchternd?
„Weil man naiverweise manchmal hofft, dass man etwas Neues erschaffen hat, wobei das nie ganz stimmt. In irgendeiner Form existiert ja fast alles. Meistens ist es dann zwar ähnlich, aber doch anders. Ich finde es wichtig, dass ich die Referenzen kenne. Ich möchte mich dann auch darauf beziehen. Im ersten Moment vermeide ich aber tatsächlich die Suche nach Referenzen. Meine Arbeit soll möglichst eigenständig sein.“

Naive Frage: Wieso soll deine Kunst eigenständig sein?
„Ja, das ist sie ja sowieso nie ganz. Es ist immer ein Versuch. Ich werde ja auch ständig beeinflusst, sei es von anderen künstlerischen Positionen, die ich in Ausstellungen oder online sehe. Es gibt auch klar Trends, die uns alle umgeben und uns somit beeinflussen, ob wir das wollen oder nicht. Ich versuche mich nicht darum zu kümmern, was andere machen, sondern mich auf die Aufgabe und den Ort zu konzentrieren. Irgendwo im Hinterkopf sind die Referenzen natürlich dennoch präsent. Es ist nicht möglich, etwas komplett Neues zu entwickeln. Es gibt so viele KünstlerInnen, die so viele Themen bearbeiten.“

„Ich finde es schwierig, wenn Kunst zu etwas rein Dekorativem wird. Ausser man übertreibt das völlig. Dann könnte es komisch – oder vielleicht sogar kritisch werden.“

Ich glaube in der Architektur ist das bewusste Referenzieren, ja vielleicht sogar das Kopieren oder wörtliche Zitieren von architektonischen Elementen, als Werkzeug durchaus akzeptiert. Das ist wahrscheinlich ein Unterschied zur Kunst und ihrem Anspruch auf Originalität.
„Das Gefühl teile ich, obwohl das in der Kunst durchaus auch ein Werkzeug ist. Aber Originalität und Eigenständigkeit sind sicher noch wichtiger. Darum geniesse ich es auch, Innenarchitektur machen zu können. Der Druck ist da ein anderer.“

Architektur Basel im Gespräch mit Rebecca Kunz © Armin Schärer / Architektur Basel

Eine andere Haltung wäre eine Position der Opposition, des Widerspruchs zur Architektur?
„Kunst als Störfaktor am Bau sozusagen. Das könnte ich mir ebenfalls gut vorstellen. Für mich muss es überhaupt nicht subtil sein. Ich finde es schwierig, wenn Kunst zu etwas rein Dekorativem wird. Ausser man übertreibt das völlig. Dann könnte es komisch – oder vielleicht sogar kritisch werden. Es kommt natürlich auch darauf an, wie man als eingeladene Künstlerin zur jeweiligen Architektur steht.“

„Humor ist immer sehr individuell. Ich weiss beispielsweise nicht, ob der auf seiner Schnauze balancierende Seehund von Urs Cavelti beim Schulhaus Erlenmatt lustig gemeint ist. Aber muss er überhaupt lustig sein?“

Humor finde ich in der Architektur ein schwieriges Thema. In der Postmoderne wurde ja viel mit dem Mittel der Ironie gearbeitet. Das war damals ein grosses Thema.
„Inwiefern? Kannst du da ein Beispiel machen?“

Primarschule Erlenmatt mit Kunst und Bau „Seelöwe“ von Urs Cavelti (Foto: Armin Schärer)

Meist wurde ein architektonisches Zitat in einen absurden oder unerwarteten Kontext gebracht. Beispielsweise eine mies’sche Stahlstüze, die von einem korinthischen Kapitell gekrönt wird. Ich bin eher skeptisch, ob das funktioniert. Architektur ist im Unterschied zur Komik statisch. Wer möchte schon jeden Tag denselben Witz hören?
„Humor ist immer sehr individuell. Ich weiss beispielsweise nicht, ob der auf seiner Schnauze balancierende Seehund von Urs Cavelti beim Schulhaus Erlenmatt lustig gemeint ist. Aber muss er überhaupt lustig sein? Das macht ihn als Kunstwerk ja nicht schlechter oder besser. Allgemein begrüsse ich Humor sehr. Dabei geht es immer auch um das Ausbrechen aus einer Norm oder einem Regelwerk. Es braucht auch Mut, um humorvoll zu sein. Man exponiert sich. Einen Witz finden nie alle lustig.“

Interview: Lukas Gruntz / Architektur Basel
Fotos: Armin Schärer / Architektur Basel


Teil 1 > Rebecca Kunz: „Was heisst schon Relevanz?“
Teil 2 > Rebecca Kunz: „Ein Raum, so still, dass es schon unangenehm ist“

weitere Infos zu den Arbeiten von Rebecca Kunz > http://rebecca-k.ch/

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