Settelen Areal: Diener & Diener gewinnen mit „virtuosem, aber unaufgeregtem“ Projekt

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Das Familienunternehmen Settelen blickt auf eine lange und erfolgreiche Firmengeschichte zurück. Seit 1883 existiert die „Droschkenanstalt Settelen“, wie das Unternehmen ursprünglich hiess. Die alten Ställe auf dem Areal zeugen heute noch von den früheren, unmotorisierten Pferdestärken. Nun soll auf dem Firmenareal an der Birkenstrasse ein neues Kapitel aufgeschlagen werden. Die Settelen AG plant dessen Transformation und Verdichtung. Die historische Bausubstanz soll dabei zu grossen Teilen erhalten bleiben. Ein anspruchsvolles Unterfangen. Im Rahmen eines Studienauftrags den Architekturbüros Diener & Diener, Buol & Zünd sowie Burckhardt+Partner, wurde die massgeschneiderte Lösung gesucht – und, so macht es den Anschein, gefunden. Wir werfen einen Blick auf alle drei Wettbewerbsbeiträge.

Historische Ansicht des Firmenareals © Settelen AG

Die Firma Settelen steht für so ziemlich alles, was auf vier Rädern unterwegs ist. Auf dem Areal organisieren sich Autoverkauf, Autowerkstatt, Möbeltransport, Autovermietung und Carreisen. Es handelt sich bis heute um ein Familienunternehmen: Die Firma gehört den Familien Settelen, die das Grundstück behalten und weiterentwickeln wollen. „Die Familien messen dem historischen Erbe und den erhaltenswerten Teilen der Überbauung vor allem längs der Türkheimer- und der Birkenstrasse sowie dem mit einem Tonnengewölbe überdachten Innenhof hohe Bedeutung zu. Sie wollen diese Bauten erhalten“, steht im Jurybericht geschrieben. Das Bewusstsein für ihre baukulturelle Verantwortung ist der Eigentümerfamilie hoch anzurechnen. Die Aufgabe der Arealtransformation wurde dadurch sicherlich nicht erleichtert. Die Pläne sehen vor, dass das rund 8‘500 m2 grosse Areal „einer gemischten Nutzung mit Wohnen, Gewerbe und Arbeitsplätzen“ zugeführt werden soll.

Droschkenanstalt Settelen von Georg Stamm © Rose Marie Schulz-Rehberg

Die Transformation soll innerhalb der Vorgaben der Zonenvorschriften des Baugesetzes vonstatten gehen. Man entschied sich dabei bewusst gegen einen Bebauungsplan, der mehr städtebauliche Freiheiten zugelassen hätte. „Wegen der neuen Vorschriften zur Erstellung von mindestens einem Drittel preisgünstigen Wohnraums im Rahmen von Bebauungsplänen nimmt die Eigentümerschaft Abstand von diesem Verfahren, da es hohen und nicht voraussehbaren demokratischen Risiken ausgesetzt ist.“ Der Studienauftrag wurde von einer hochkompetenten Jury begleitet; mitunter waren Anna Jessen, Christian Inderbitzin und Meinrad Morger dabei. Am Ende fiel der Entscheid einstimmig für das Projekt von Diener & Diener. Im Jurybericht wurden die „qualitativ hochstehenden“ Beiträge aller Teilnehmer gewürdigt, wobei uns die vergleichende Betrachtung der verschiedenen Projektansätze interessiert. Insbesondere die Fragen des Umgangs mit der erhaltenswerten Bausubstanz und der typologischen Entwicklung der Wohnungen in diesem komplexen Areal sind von Relevanz. Die Recherche nach der auf den spezifischen Kontext massgeschneiderten, architektonischen Lösung hat hoffentlich Vorbildcharakter für andere Firmenareale in Basel. In diesem Sinne kann man der Bauherrschaft zum gewählten, aufwändigen Verfahren nur gratulieren: Chapeau! So sieht baukulturelle Verantwortung aus.

Siegerprojekt:
Diener & Diener Architekten
mit Studio Céline Baumann

Studienauftrag Areal Settelen Basel © Diener & Diener

Auszug aus dem Jurybericht: „Das Projekt baut auf einer differenzierten Lektüre des Areals und dessen Geschichte auf. Kernidee des Projektes ist eine Transformation und Verdichtung des gesamten Areals unter Beibehalt des Betriebs von Autowerkstatt und Autoverkauf.“

Studienauftrag Areal Settelen Basel © Diener & Diener

„Mit dem Ersatz des Krankenstalls an der Türkheimerstrasse wird der Zugang zum nördlichen Hof mit seiner zukünftigen Wohnnutzung neu definiert. Ein Grossteil dieser neuen Wohnungen kommt in einem Neubau im nördlichen Hof zu liegen, welcher die offene Halle und die Garagen an der Grundstücksgrenze ersetzt. Der Rossstall, zentrales Element des historischen Areals, wird über Teilabbrüche an den Rändern in seinem Abschnitt mit dem grossen Satteldach freigestellt und für Atelier- und Wohnnutzungen umgebaut. Mit der Freistellung entstehen zwei neue Verbindungen zwischen dem nördlichen und südlichen Hof, welche vielfältige Potentiale für die zukünftige Nutzung des gesamten Areals eröffnen. In der Lücke westlich des Rossstalls kommt ein weiterer, kleinerer Neubau zu stehen, welcher den Gassenraum im Nordhof abschliesst. Schliesslich werden der Trakt an der Birkenstrasse sowie der Remiseflügel mit einem zweigeschossigen Baukörper aufgestockt.“

Studienauftrag Areal Settelen Basel © Diener & Diener

„Mit der umfassenden Transformation wird das konglomeratartige Gefüge des Areals fortgeschrieben und das Areal für zukünftige, zur Zeit noch nicht bekannte Umbauten und Umnutzungen geöffnet. Dieses Gefüge durchzieht ein in Gassen und Gartenhöfe gegliederter Aussenraum, welcher differenziert ausgearbeitet wurde. Die Autorin spricht von «städtischer Gasse» und «stillem Gartenstreifen». Die teilweise hohen Grundstücksmauern, der eigentliche Arealabschluss, bleiben erhalten und prägen die Stimmungen der Gartenräume massgeblich und positiv mit.“

„Das Projekt besticht, indem es virtuos, aber unaufgeregt das gesamte Areal zum Gegenstand des Eingriffs macht und über gezielte Abbrüche sowie mehrere Um- und Neubauten ein austariertes Gleichgewicht zwischen den Teilen herstellt.“

Studienauftrag Areal Settelen Basel © Diener & Diener

„Das Projekt besticht, indem es virtuos, aber unaufgeregt das gesamte Areal zum Gegenstand des Eingriffs macht und über gezielte Abbrüche sowie mehrere Um- und Neubauten ein austariertes Gleichgewicht zwischen den Teilen herstellt. Präzise Setzungen wie etwa der hölzerne Annex an der Türkheimerstrasse oder der Vorschlag für das Hofrestaurant schaffen Orientierung und ordnen den Aussenraum klar. Die Transformation erzeugt, beispielsweise über neue Verbindungen zwischen Nord- und Südhof, eine offene Form, welche auch zukünftige Schritte der Umnutzung bereits heute adaptiert. Von hoher integrativer Kraft ist auch die vorgeschlagene Farbigkeit, indem sich das Rot mit dem Ochsenblutton der hölzernen Teile des Bestandes verbindet. Schliesslich ist es ein Projekt, das in den Augen der Jury dem Denkmalcharakter des Settelen Areals hohen Respekt entgegenbringt.“

2. Rang:
Buol & Zünd Architekten

Studienauftrag Areal Settelen Basel © Buol & Zünd

„Die Verfasser versuchen die denkmalwürdigen Teile des Areals mit den neuen baulichen Interventionen zu einem lebendigen Ensemble zu verdichten. Durch deren Öffnung und vielfältige Nutzung kann die urbane Qualität im Iselin-Stadtquartier sicherlich entscheidend erhöht werden.“

„Die Gliederung der Fassaden, die Komposition der Materialien als auch deren Polychromie zeigen eine eigenwillige atmosphärische Schönheit. Alt und Neu ergänzen sich in unaufgeregter Selbstverständlichkeit.“

Studienauftrag Areal Settelen Basel © Buol & Zünd

„Das im Nordwesten des Areals vorgeschlagene neue Wohnhaus wird mittig zwischen Mauer und Rossstall gesetzt, um in etwa zwei gleich grosse Aussenräume mit unterschiedlicher Beschaffenheit zu erhalten. Währenddem der eine seine intensive Gestalt als Ankunfts- und Begegnungsraum findet, soll der rückwertige Aussenraum zu einer extensiven Gartenlandschaft werden. Die räumlichen Endpunkte werden mit Pergolen markiert. Die beiden Freiräume zeichnen sich durch hohe gestalterische Qualitäten aus. Der neue Baukörper selbst entwickelt sich unmittelbar aus dem benachbarten Gebäude an der Türkheimerstrasse, um anschliessend in die Tiefe des Areals zu wachsen. Bedaulicherweise erfolgt weder beim Anschluss noch beim Übergang eine differenziert städteräumliche Klärung. Das Wohnhaus selbst zeugt von architektonischer Sensibilität. Die Gliederung der Fassaden, die Komposition der Materialien als auch deren Polychromie zeigen eine eigenwillige atmosphärische Schönheit. Alt und Neu ergänzen sich in unaufgeregter Selbstverständlichkeit.“

Studienauftrag Areal Settelen Basel © Buol & Zünd

„Im Ganzen betrachtet beindruckt der Beitrag durch die architektonische Qualität, den sensiblen Umgang mit dem historischen Ensemble und die, mit wenigen Ausnahmen, grosse Sorgfalt bei der Entwicklung der Wohnungsgrundrisse. Das neue Wohnhaus findet dabei noch keine wirklich überzeugende städteräumliche Verknüpfung mit dem Kontext.“

3. Rang:
Burckhardt + Partner Architekten

Studienauftrag Areal Settelen Basel © Burckhardt+Partner

„Aufgrund umfangreicher Recherchen der historischen Entwicklung stellen die Verfasser fest, dass trotz verschiedener Veränderungen bzw. Ergänzungen der Freiraum des Areals mit seinen beiden grossen teilweise überdachten Höfen weitestgehend identisch geblieben ist. Diese Erkenntnis bildet die Grundlage für die entwerferische Idee. Die beiden Höfe bleiben dementsprechend auch langfristig frei von Gebäuden.“

Studienauftrag Areal Settelen Basel © Burckhardt+Partner

„Die Verdichtungsschwerpunkte konzentrieren sich demzufolge auf die bebauten Bereiche. Es wird der Versuch unternommen verschiedene Bebauungsszenarien (Weiterbauen durch Umbau, Einbau, Ausbau und Neu- bau) an den dafür geeigneten Stellen vorzuschlagen. Grundsätzlich kann diese Strategie sicherlich interessant sein. Im konkreten Fall zeigt sich jedoch, dass die neue Massenverteilung städteräumlich unvorteilhafte Auswirkungen auf das schützenswerte Ensemble selbst wie auch auf die nähere Umgebung bedeuten und dass das architektonisch kompositorische Gleichgewicht zwischen alter und neuer Bausubstanz wenig abgestimmt erscheint.“

Studienauftrag Areal Settelen Basel © Burckhardt+Partner

„Der bestehende Gewerbehof bleibt vorerst in seiner heutigen Funktion erhalten. Die Verfasser machen tragfähige Nutzungsvorschläge für eine langfristige Umnutzung dieser Gebäude. Der Vorschlag einer zweigeschossigen Aufstockung auf das Flachdachgebäude an der Bir- kenstrasse kann hingegen weder städteräumlich noch architektonisch überzeugen. Die «schräggestellten Seiten» wirken, trotz verwendeter Reminiszenz von Schrägdächern aus der Nachbarschaft, auf dem zweigeschossigen Bestandsbau als Fremdkörper. Zusätzlich bedrängt das ergänzende Volumen das schützenswerte Ecktürmchen viel zu stark. Die Duplex- Wohnungen, die über einen auf dem 2. Obergeschoss sich befindenden Laubengang erschlossen werden, sind von guter konventioneller Qualität.“

„Denn schlussendlich entsteht keine wirkliche kontextuelle Verbundenheit zwischen der Stadt und dem Areal, zwischen Alt und Neu.“

Studienauftrag Areal Settelen Basel © Burckhardt+Partner

„Ob die Vorstellung, unter den gegebenen räumlichen und strukturellen Bedingungen der bestehenden Garagen zweigeschossige Stadthäuser zu planen, erfolgreich sein wird, ist zu bezweifeln. Zumindest können die vorgeschlagenen Grundrisse die suggerierten Erwartungen alternativer Wohnmodelle nicht erfüllen. Insgesamt bemühen sich die Verfasser das Ensemble «Settelen» durch (zu)viele verschiedene Interventionen zu verdichten und versuchen dabei die zahlreichen Ergänzungen mit vorgefundenen Elementen zu collagieren. Die hierfür angewendete Syntax funktioniert leider nicht. Denn schlussendlich entsteht keine wirkliche kontextuelle Verbundenheit zwischen der Stadt und dem Areal, zwischen Alt und Neu.“

Studienauftrag Areal Settelen Basel © Burckhardt+Partner


Artikel: Lukas Gruntz / Architektur Basel
Quelle: Bericht des Beurteilungsgremiums: Studienauftrag Areal Settelen Basel, Birkenstrasse – Türkheimerstrasse

 

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