Städtebau-Stammtisch zu den Arealentwicklungen der SBB: „Wir brauchen günstigen Wohnraum und nicht noch einen Meret-Oppenheim-Turm!“

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Scheinwerfer, Beamerpräsentation und das Wasser, zur Beruhigung der hitzigen Köpfe, waren vorbereitet. Das Publikum, bestehend vor allem aus ArchitektInnen und Mitgliedern des Vereins Noigass, wurden von der Zeitschrift Hochparterre im Basler Ackermannshof begrüsst. Wurst und Trank warteten auf die Fortsetzung der Diskussion(en).

Vor gut gefüllten Reihen eröffnete Moderatorin Rahel Marti den Abend und übergab sogleich das Wort dem Publizisten Niklaus Scherr. In der Augustausgabe des Hochparterres wurde dessen (gekürzte) Recherche zu den SBB Immobilien publiziert. Kurzum: Es folgte eine Zahlenschlacht, wobei abwechselnd mit Millionen und Milliarden jongliert wurde. Gemäss Scherr beträgt der Grundbesitz der SBB rund 93.9 Millionen Quadratmeter. Sie gehört damit zu den Spitzenreitern unter den Schweizer Immobilienkonzernen. Eine Entwicklung, welche mit der Unterstützung der Arbeitnehmer begann. So gehören die „Eisenbahner“ schweizweit zu den Pionieren des gemeinnützigen Wohnungsbaus. Drei Ereignisse brachten den Wandel: 1999 die Umwandlung der SBB in eine AG, die Übernahme der Sanierungsverpflichtung für die Pensionskasse 2007 und zuletzt die Aufwertung von SBB Immobilien zu einer eigenständigen Division im Jahre 2008.

Städtebaustammtisch | Rahel Marti

Städtebaustammtisch | Rahel Marti, stellvertretende Chefredaktorin Hochparterre

Scherr forderte eine sozialere Wohnungspolitik der SBB. Wobei er von Patrizia Bernasconi, Geschäftsleiterin des Mieterverbands Basel, unterstützt wurde. Die Entwicklung an den Geleisen und auf ehemaligen Bahnarealen seien seit Jahren ein präsentes Thema. Regierungsrat Hans-Peter Wessels hob die spezielle Ausgangslage der SBB-Areale hervor, wobei man sich gemeinsam, zuletzt an der Urne, für das Wohnen als künftige Nutzung entschieden habe.  Vor allem auf dem Areal Volta Nord sei es eine Verhandlunsgssache zwischen den Akteuren, namentlich Stiftung Habitat, Kanton und SBB. Res Keller, Präsident Verein Noigass Zürich, sprach einen wichtigen Punkt der Quartierentwicklung an: „Renditebezogene Bauten haben eine extreme, ökonomische Ausstrahlung auf umliegende Quartiere.“

Auf die Forderung eines höheren Anteils von bezahlbarem Wohnraum, welcher in der  Leistungsvereinbarung mit dem Bund auf rund 33% festgelegt wurde, liess sich die Leiterin der ‚SBB Immobilien Development‘ Susanne Zenker nur bedingt ein. Regierungsrat Wessels verschaffte ihr eine kurze Verschnaufpause und lobte die bisherige Zusammenarbeit mit der SBB und wies auf die „durchmischt geplanten Quartiere“ Lysbüchel und den Güterbahnhof Wolf hin. „Die aktuelle Wohnbaupolitik darf nicht fortgeführt werden“ widersprach Patrizia Bernasconi vehement: „Wir brauchen günstigen Wohnraum und nicht noch ein Prestigeobjekt wie den Meret-Oppenheim-Turm!“ Auf der Webseite der SBB findet sich folgende Visionen: „Die SBB baut zukünftig mindestens 10’000 neue Wohnungen und engagiert sich weiterhin im preisgünstigen Wohnungsbau. Langfristig ermöglicht die SBB ein Drittel preisgünstige Wohnungen: Einerseits als Baurechtsverträge mit Wohnbaugenossenschaften, andererseits für das eigene Portfolio.“

Städtebaustammtisch | Patrizia Bernasconi

Städtebaustammtisch | Patrizia Bernasconi: „Die SBB gehört uns allen!“

„Es sind lange Projekte, fünf bis zehn Jahre benötigt solch eine Arealentwicklung. Und zudem ist Wohnen in der Nähe der Geleise immer schwierig“, relativiere Susanne Zenker die Angst vor überteuertem Wohnraum. So müsse zuerst gesichert werden, dass ein Areal bewohnbar ist und die Schnittstelle zwischen Wohnen und Gewerbe definiert werden. Auf dem neuen Areal Wolf würden mit 500 Wohnungen eine Durchmischung – ein Wort, welches bei der SBB „GROSS“ geschrieben wird – angestrebt. „Geben Sie uns Zeit! Step by step“, lautete die Bitte von Zenker: „Der Gewinn wird nicht maximiert. Er wird optimiert!“ Kopfschütteln und leichte Enervierung im Publikum. Zenker: „Es werden Wettbewerbe, zum Teil mehrere pro Areal, lanciert und die Gestaltung der Aussenräume gefördert. Wir geben unser Bestes.“

„Dies ist doch absolut vernünftig, wenn die nicht mehr benötigten Transportanlagen umgenutzt werden anstatt zu Höchstgewinnen verkauft zu werden“, versuchte Wessels die unruhigen Stimmen im Raum zu besänftigen. Auf die Frage hin, was Basel brauche und was die SBB dafür tun soll, wies Res Keller auf die drei, bereits früher genannten Forderungen an die SBB hin:

1. Tempo drosseln
2. Partizipation: Grundsatzfragen diskutieren
3. Gemeinnütziges Wohnen fördern

Bernasconi forderte von der SBB, „sich klarer mit dem Ort auseinanderzusetzen, denn die SBB gehört uns allen!“ Moderatorin Rahel Marti richtete sich daraufhin ans Publikum und stellte die selbe Frage in die Runde. René Brigger, SP-Grossrat, meldete sich zu Wort und erhaschte sich mit der Aussage „der Kanton wäre mir als Grundeigentümer lieber“ Applaus . Er wünsche sich mehr Mitspracherecht und demokratischen Einfluss bei den Arealentwicklungen der SBB.

Städtebaustammtisch | Hans-Peter-Wessels

Städtebaustammtisch | Hans-Peter Wessels: „Gute Architektur muss nicht teuer sein!“

Um zum Schluss einen Ausblick in das weitere Vorgehen der SBB zu ermöglichen, stellte Rahel Marti die einfache Frage, ob künftig tiefere Mieten bei den SBB zu erwarten seien?  „Es liegt an der schönen und teuren Architektur“, reagierte Susanne Zenker in einem Raum voller ArchitektInnen rhetorisch ziemlich ungeschickt. Zenker: „Geht es nur um günstigen Wohnungsbau, so gibt es keine Wettbewerbe mehr. Doch wir möchten an diesen Verfahren festhalten.“ Wessels sei Dank, wurde bei den ArchitektInnen im Raum der Puls wieder gesenkt und ein zustimmender Applaus erfüllte bald darauf die Druckerhalle: „Gute Architektur muss nicht teuer sein!“

Wie sich der Anteil von bezahlbarem Wohnraum bei den SBB entwickeln wird, lässt sich nach diesem Abend schwer voraussagen. Wichtig ist, dass sich die SBB ihrer verantwortungsvollen Rolle auf dem Wohnungsmarkt bewusst wird und dementsprechend handelt. In Basel stehen wichtige Projekte an, welche mit einem hohen Anteil an gemeinnützigem Wohnungsbau, realisiert werden sollen. Wir sind nach dem Städtebau-Stammtisch frohen Mutes: Los geht’s, Basel! Gemeinsam schaffen wir günstigen, schönen und spannenden Wohnraum.

Städtebaustammtisch | Beat Aeberhard und barbara-buser

Städtebaustammtisch | Das Publikum lauscht gespannt: Beat Aeberhard und Barbara Buser

Kommentar
von Archiektur Basel-Redaktor Armin Schärer

Der Abend war nicht besonders angenehm für Susanne Zenker, die als Leiterin Anlageobjekte Entwicklung bei SBB Immobilien wohl eine Art Portfoliomanagerin ist und nicht an den gesetzten Zielen rütteln kann, solange sie nicht an Ihrem eigenen Stuhl sägen möchte. Aus meiner Sicht steht sie aber trotzdem mehr für Architektur, Städtebau, Urbanität und zukünftige Entwicklung ein als dies ein Banker tun würde. Wie Zenker betont hat, versucht man den Erdgeschossen eine angemessene Bedeutung zu geben und über sie die Quartiere zu beleben.

Dies zusammen mit ansprechender, durchdachter Architektur, welche sich ins Stadtgefüge integriert, ist das, was man von der SBB Immobilien verlangen muss. Dass man nach einem hochkarätigen Architekturwettbewerb, in einer wirtschaftlich gesunden Stadt, auf einem Baufeld direkt an den Bahnhof angrenzend, die marktüblichen Mieten ausreizt, ist nichts als logisch. Wenn man auf weniger zentralen Grundstücken, wie zum Beispiel dem Lysbüchelareal 30% oder mehr  „preisgünstigen“ Wohnraum vorsieht, finde ich das vorbildlich und lobenswert.

Zum Schluss eine Bemerkung am Rande: Die Neugasse zähle ich definitiv zu den zentraleren Grundstücken. Ob das damit zusätzlich verdiente Geld innerhalb der SBB zur Querfinanzierung der Bahn verwendet wird oder direkt in die Staatskasse fliesst ermöglicht eine gerechte Verteilung für die Gesamtbevölkerung. Im Gegensatz dazu scheint eine direkt subventionierte Wohnungsanzahl im Promillebereich eher unfair, denn „die SBB gehört uns allen“.

Info: Für mehr Zahlen und Fakten über die SBB Immobilien lässt sich nun die Recherche von Niklaus Scherr als Sonderheft vom Hochparterre erwerben.

Text: Mireille Hohlbaum / Architektur Basel
Fotos: Armin Schärer / Architektur Basel

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