April-GAU: Meret Oppenheim Hochhaus nicht erdbebensicher

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Jetzt auch noch das. Nach all der Polemik rund um den Bau des Meret Oppenheim-Hochhauses (MOH) beim Bahnhof SBB hat der April den Super-GAU hervorhebracht: Kurz nach Fertigstellung hat die routinemässige, ingenieurtechnische Baukontrolle gravierende strukturelle Mängel festgestellt. Experten schlagen Alarm.

Axonometrie: Fundation des MOH © wh-p Ingenieure AG

Axonometrie des Tragwerks: Fundation des MOH mit Stahl-Ankern © wh-p Ingenieure AG

Was ist schiefgelaufen? Um die Ankeranzahl im Boden zu optimieren, wurden vorgängig Versuche an den vertikalen Stahl-Ankern durchgeführt. Die rechnerischen Versuche zeigten, dass bei den üblicherweise in Basel angesetzten Ankertraglasten „Optimierungspotenzial“ bestehe. „Aufgrund der positiv verlaufenden Ankerversuche können 200 Anker eingespart werden“, steht in einem internen Bericht aus dem Juli 2016, der Architektur Basel vorliegt. Die Reduktion der Anker wirke sich positiv auf Kosten, Termine und Bauablauf aus, heisst es dort weiter.

Nun hat die Kontrolle bei der Bauabnahme – wo mit hochkonzentrierten lokalen Last-Induktionen die Tragfähigkeit geprüft wird – ergeben, dass die Ankerzahl für den Ernstfall nicht ausreichend ist. Es könne nicht garantiert werden, dass die bei einem Erdbeben auftretenden horizontalen Lasten vollständig in die Bodenplatte übertragen würden. Zudem haben sich an einigen Stahl-Ankern „feine Haarrisse“ gebildet, hält der Abnahmebericht fest.

Auch kleinste Risse können bei der Lastübertragung im Erdbebenfall fatale Folgen haben. „Die Gesamtlasten des Hochhauses inklusive Auftrieb betragen auf Gebrauchsniveau rund 200‘000 Tonnen. Der Anteil aus ständiger Last beträgt rund 70% der Gesamtlast“, rechnet Masoud Motavalli, Experte für erdbebensicheres Bauen bei der EMPA, vor: „Die Anker müssen deshalb – abzüglich der Sicherheitszuschläge – 100 Prozent leistungsfähig sein. Ansonsten kommt es im Ernstfall zur Katastrophe.“

Schema Nachrüstung: Erbebensicherheit dank Tilger-Pendel

Schema Nachrüstung: Erbebensicherheit dank Tilger-Pendel

Die bange Frage steht im Raum: Würde das Hochhaus von Herzog & de Meuron ein künftiges, grosses Basler Beben, mit einer Stärke wie 1356, überstehen? „Wohl kaum“, sagt Erdbeben-Experte Motavalli: „Es wurden nicht ausreichend Anker für die Aufnahme der Erdbebenkräfte verbaut.“ Auch Baudirektor Hans-Peter Wessels ist alarmiert. Die Gefahr eines folgenschweren Erdbebens sei „absolut real“, erklärte er gegenüber Architektur Basel. Der Rheingraben zähle zu den aktivsten Erdbebengebieten im deutschsprachigen Raum. Für ihn ist es unverständlich, warum das Erdbebenrisiko – die Naturgefahr Nummer 1 in Basel – beim MOH nur ungenügend berücksichtigt wurde.

Wie weiter? Es sind unkonventionelle Ideen gefragt, um das Haus vor dem Abriss zu bewahren. „Die Schwingung, die sogenannte Duktilität, des Stapelvolumens muss unbedingt, und zwar massiv, verringert werden“, sagt Ingenieur Tivadar Puskas, Vorstandsmitglied des Bauforums. Zusammen mit einer Expertengruppe prüft Puskas verschiedene Varianten zur nachträglichen Stabilisierung des Hochhauses: „Die kostengünstigste Variante bestünde im Einbau von zwei Kugeln in den beiden grossen Öffnungen des Hauses. Die Kugeln pendeln in die ent­ge­gen­ge­setz­te Rich­tung der seis­mi­schen Bewe­gung. Damit wird Ener­gie absor­biert und das schwan­ken­de Gebäu­de aus­ba­lan­ciert.“ Die­se Tech­no­lo­gie gehört inzwi­schen zum Stan­dard bei moder­nen Wol­ken­krat­zern auf der ganzen Welt.

Fröhliche Gesichter aus besseren Tagen: Alexander Muhm (SBB Immobilien) und Regierungsrat Hans-Peter Wessels auf dem Dach des MOH im April 2018

Fröhliche Gesichter aus besseren Tagen: Alexander Muhm (SBB Immobilien) und Regierungsrat Hans-Peter Wessels auf dem Dach des MOH im April 2018

„Ich fühle mich mitverantwortlich, wenn das MOH bei einem Erdbeben kollabieren würde“, gesteht Hans-Peter Wessels gegenüber Architektur Basel ein. Menschenleben stünden auf dem Spiel. Er räumt ein, dass der Fokus im Bauinspektorat zu stark den Parkierungsmöglichgkeiten für  nichtmotorisierte Fahrzeuge gegolten habe. „Das bei der Erdbebensicherheit zu wenig genau hingeschaut wurde, ist suboptimal“, meint Wessels selbstkritisch.

Lösung? Meret Oppenheim-Hochhaus mit zwei Schwingungstilgern (Pendel) in den grossen Öffnungen

Lösung? Meret Oppenheim-Hochhaus mit zwei Schwingungstilgern (Pendel) in den grossen Öffnungen

Wer die Kosten für die Nachrüstung des Hochhaues tragen soll, ist noch offen. Dass das kein günstiges Vergnügen wird, kann Ingenieur Puskas bereits voraussagen: „Wir reden hier von einem höheren zweistelligen Millionenbetrag.“ Wessels hat bereits einen Vorschlag, wie man das finanzielle Ungemach abwenden könnte: „Der Mehrwertabgabe-Topf ist übervoll. Wir können unsere Parkanlagen ja schliesslich nicht vergolden.“ Er schlägt vor, in diesem „Notfall“ die Mehrwertabgabe für die Nachrüstung des MOH zu verwenden. „Schliesslich trägt das Hochhaus zur Aufwertung des Stadtbilds bei“ – das schallende Wessel’sche Lachen folgt sogleich.

Text: Richard Meier / Architektur Basel

Wichtiger Hinweis:
Der vorliegende Artikel kann Spuren von Satire enthalten. Bei Fragen oder Unklarheiten wenden Sie sich bitte an Ihren Sinn für Humor oder konsultieren das Erscheinungsdatum.

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