Tatort Riehen: Das Mysterium der Morystrasse Nr. 42

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Schon als kleiner Junge hatte ich ein grosses Interesse an meinem gebauten und natürlichen Umfeld. Zum einen entwickelte ich eine Faszination für jegliche Lebensformen und wie sie sich an ihre Umwelt anpassen. Zum anderen interessierte mich der Mensch, der sich nicht an seine Umwelt adaptiert, sondern die Umwelt an seine Bedürfnisse anpasst.

Situationsplan Morysrasse 42 © Geodaten Basel-Stadt

Situationsplan Morysrasse 42 © Geodaten Basel-Stadt

In der Reihenhaussiedlung am Rande Riehens, in der ich aufwuchs, gab es mit einigen wenigen Ausnahmen keine speziellen Bauten, bei welchen ich mich fragte, was sich hinter der von aussen sichtbaren Hülle abspielte. Deshalb war das Haus Nummer 42 an der Morystrasse wohl auch besonders interessant. Das einzig Ersichtliche war, dass es auf dem besagten Grundstück zwei Gebäude gab. Das eine, das von der Morystrasse selbst sichtbar ist, war ein für mich schon immer dagewesenes, uraltes Haus. Das zweite Gebäude jedoch war eine Art Fremdkörper in der homogenen Masse. Den einzigen Blick darauf erhaschte man nur von der darunter liegenden Rainallee. Die sichtbare Hülle des Hauses sprach eine derart andere Sprache, dass ich des Öfteren in meine Fantasiewelt eintauchte und mir vorstellte, wie es denn im Innern aussehen könnte. Keine rechteckigen Fenster, nicht die für Häuser übliche Form des einfachen Quaders, nur das Dach hatte den vertrauten Sattel.

Blick von der Morystrasse © Stephan Gabriel

Blick von der Morystrasse © Stephan Gabriel

Gerüchte kursierten, wonach einer der beiden wohl bekanntesten Architekten Basels höchstpersönlich das Haus entworfen habe und nun sein Eigen nenne. Die Rede ist natürlich von Jacques Herzog und Pierre de Meuron. Da das mysteriöse Anwesen auf der Strassenseite keine Hausnummer und keinen beschrifteten Briefkasten besass und man absolut keinen Einblick auf das Grundstück ergattern konnte, blieb dieser Mythos erhalten.

Nun, knapp zwei Jahrzehnte später, wollte ich der Sache auf den Grund gehen. Mit den heutigen Möglichkeiten des Internets waren mir die Immobilienverwaltung und der Architekt schnell bekannt (1). So erfuhr ich, dass das Haus tatsächlich von Herzog und de Meuron in den frühen 2000er Jahren entworfen und gebaut worden war. Die Geschichte konnte also weiter gehen. Die betreffende Immobiliengesellschaft konnte mir jedoch keine Auskunft über den derzeitigen Inhaber des Anwesens geben, da dieser seine Privatsphäre schützen wolle (1).

Meine Fantasie aus der Kindheit, einer der beiden Stararchitekten persönlich könnte in dem Haus wohnen, blühte von Neuem auf. Wer sonst, ausser einer Berühmtheit muss seine Privatsphäre derart schützen?

Blick von der Rainallee © Stephan Gabriel

Blick von der Rainallee © Stephan Gabriel

Mit dieser Erkenntnis nahm ich Kontakt mit dem Architekturbüro selbst auf. Die Hoffnung, endlich mehr über das Haus zu erfahren, wurde jedoch jäh zunichte gemacht, da auch das Büro selbst keine Informationen herausgeben durfte (2). Die erhofften Grundrisse und Schnitte blieben mir verwehrt. Die einzige neue Information war, dass der Inhaber vor einiger Zeit gewechselt habe.

Luftbild Morysrasse 42 © Geodaten Basel-Stadt

Luftbild Morysrasse 42 © Geodaten Basel-Stadt

Der Gedanke, dass es sich beim Erstbesitzer jedoch um Jacques Herzog oder Pierre de Meuron gehandelt haben könnte, drängte sich einige Zeit später von neuem auf, als ich mit einem guten Freund und Zimmermann beim Bier über spezielle Häuser sprach. Er erzählte mir, dass ein Bekannter vor Jahren auf der Baustelle eines Einfamilienhauses (entworfen vom Archi- tekturbüro Herzog & de Meuron) irgendwo in Riehen mitgewirkt habe. Das Unterfangen sei sehr anspruchsvoll und alles andere als alltäglich gewesen. Ob wir dabei vom selben Haus sprachen, wussten wir beide nicht.

Schlussendlich brachten meine Recherchen nichts Neues ans Tageslicht, ausser der Bestätigung, dass das Haus Nummer 42 an der Morystrasse in Riehen tatsächlich von Herzog & de Meuron entworfen und in Auftrag gegeben wurde. Enttäuscht darüber bin ich keineswegs, denn was ist schöner als die Vorstellungskraft und Fantasie eines kleinen Schuljungen, die in alle Ewigkeit erhalten bleiben werden.


Text: Stephan Gabriel

Der Text ist in der Schreibwerkstatt am Institut Architektur FHNW im Frühlingssemester 2019 entstanden.


Quellenverzeichnis:
1 https://www.holimob.ch/unsere-mandate/detail/morystr-42-4125-riehen.html
2 https://www.herzogdemeuron.com/index/contact.html

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