Unerwartete Vision: Losinger Marazzi planen Wolkenbügel auf der Kraftwerksinsel

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El Lissitzky steht vornübergebeugt am grünen Geländer auf der Brücke neben der Schleuse in Birsfelden. Er blickt auf den Imposanten Wolkenbügel, der vom Sternenfeld her rüber bis zur Kraftwerksinsel spannt und verkündet etwas pathetisch: „Auf diesem Wege wird eine Realität geschaffen werden, die allen eindeutig ist.“ Was hat russischer Konstruktivismus anno 2020 in Blätzbums verloren? Wie die BZ Basel (1) am vergangenen Wochenende publik machte, entwickelte der Baukonzern Losinger Marazzi auf eigene Initiative ein neues Quartier: „Sprengkraft hat auch die Vorgehensweise: Weder die Kraftwerksbetreiberin, der das Grundstück gehört, noch die Gemeinde sind bisher involviert.“ Es scheint eine neue Form der Akquisition zu sein. Zuerst wird von der Baufirma als Vorleistung auf eigene Rechnung eine Quartierbebauung entwickelt, um danach als Totalunternehmer die Ausführung übernehmen zu können. Das wirft einige Fragen auf. Doch zuerst wollen wir einen Blick auf die städtebaulichen Vorschläge von SSA Architekten werfen.

WICHTIGER HINWEIS
Leider sahen wir uns nach schriftlicher Intervention von Losinger Marazzi unter Bezugnahme auf das Urheberrecht gezwungen, sämtliche Pläne und Skizzen aus dem Artikel zu entfernen. Wir bedauern das sehr. Für unsere Baukultur ist – insbesondere in unserem direktdemokratischen Kontext des Wettstreits der Ideen – der lebendige Diskurs und die offene Debatte wichtig. Dass die städtebauliche Studie von Losinger Marazzi und SSA Architekten an dieser Stelle nicht präsentiert und diskutiert werden darf, finden wir schade.


Drei Varianten zur Bebauung der Parzelle neben der Schleuse wurden im Rahmen der Machbarkeitsstudie geprüft. Beabsichtigt wurde ein „parkähnlicher, öffentlicher Grünraum“, der die Bauten umgibt. Bei allen drei Varianten käme am westlichen Ende der Parzelle ein punktuelles Hochhaus zu stehen. Städtebaulich erschliesst sich das nur bedingt, wird das nebenstehende Sternenfeld doch in erster Linie von linearen Hochbauten gegliedert. Wahrscheinlich soll ein Dialog zu den drei Hochhäusern an der Rheinparkstrasse, die von Gass + Boos Architekten in den 1960er-Jahren erbaut wurden, entstehen. Das bleibt jedoch eine vage Absicht.

Unter dem Titel „Der Mäander“ schlängelt sich bei der ersten Variante ein langgezogener Baukörper entlang des Schleusenbeckens. Diese Bebauung soll gemäss Studie „eine abwechslungsreiche Rheinfront, einen grosszügigen Park zum Sternenfeld-Quartier und Nischen-Freiräume für die neuen Bewohner“ bieten. Leider wird die Durchlässigkeit zwischen dem bestehenden Quartier und dem Rhein geschwächt. Ausserdem wirkt die abgewinkelte Gebäudeform etwas gar beliebig und unspezifisch. Wennschon, dann lieber eine lineare Superzeile auf Stelzen mit offenem Erdgeschoss… Man danke an das Projekt von Herzog & de Meuron in Moskau.

Kraftwerk Birsfelden © Architektur Basel

Kraftwerk Birsfelden © Architektur Basel

Bei der zweiten Varianten gruppieren sich vier L-förmige Baukörper zueinander. Es entstehen zwei hofähnliche Innenräume. Die Planer sprechen optimistisch von einer „einladenden Hafenatmosphäre nach aussen“ und „einer Wohnwelt nach innen.“ Die erwähnte „Verzahnung“ mit dem bestehenden Quartier ist nur bedingt ersichtlich. Etwas unschlüssig bleiben die schräg abgeschnittenen Gebäudevolumen. Man fragt sich, ob dies etwas mit dem Sonneneinfallswinkel zu tun hat?

Während die ersten beiden Varianten in gewohnten städtebaulichen Mustern verharren, bietet der dritte Ansatz Überraschendes: Ein grosser „Wolkenbügel“ überspannt in bester konstruktivistischer Manier die beiden Schleusenbecken. Das ist ein ziemlich frecher Vorschlag. Natürlich wirft er einige bautechnische und juristische Fragen auf. Die Vereinbarkeit mit der Gewässerschutzordnung wurde von den Planern bereits geklärt. Ob die Störfallverordung bezogen auf die Schifffahrt ebenfalls eingehalten werden kann, bleibt offen. Der grosse Vorteil dieser Variante besteht darin, dass die überbaute Fläche minimal bleibt. Auf dem Festland könnte ein grosser öffentlicher Park entstehen.

Ikone der Nachkriegsmoderne: Das Kraftwerk in Birsfelden von Architekt Hans Hofmann fertiggestellt im Jahre 1954 © Juri Weiss

Gemäss Angaben auf der eigenen Webseite (2) gehört die Grundeigentümerin, die Kraftwerk Birsfelden AG, zu 50 Prozent den öffentlich-rechtlichen Industriellen Werken Basel (IWB) und zu weiteren 25 Prozent dem Kanton Baselland. Das Grundstück gehört also der Allgemeinheit, im Falle der IWB zumindest indirekt. Das eigenwillige Vorpreschen der Firma Losinger Marazzi ist deshalb schon rein submissionstechnisch fragwürdig. Hier müsste unbedingt eine öffentliche Ausschreibung stattfinden. Die international tätige Baufirma beabsichtigt grosszügig die „Vorfinanzierung der Entwicklungskosten“ zu übernehmen. Natürlich nicht ganz ohne Eigeninteresse: Mittels einer sogenannten „Exklusivitätsvereinbarung“ sollen Losinger Marazzi als Totalunternehmer die weitere Projektentwicklung gesichert werden. Gemäss Organigramm würden die Architekten dabei zu Fachplanern degradiert. An dieser bedeutenden städtebaulichen Lage am Rhein, direkt neben Kraftwerksinsel und Schleuse, müsste zur Erarbeitung eines Masterplans unbedingt ein Studienauftrag oder Wettbewerb durchgeführt werden.

Mit ihrem Sololauf stellen Losinger Marazzi die Rolle der Gemeinde und des Kantons in Frage: An der strategisch bedeutenden Lage gegenüber der Kraftwerksinsel sollten die Behörden unbedingt die Planungshoheit haben. Alles andere wäre demokratietechnisch heikel. Dennoch und trotz aller Kritik: Die Studie von SSA Architekten kann als ein wertvoller und diskussionswürdiger Denkanstoss verstanden werden. Ein Wolkenbügel für Birsfelden? El Lissitzky würde schmunzeln…

Text: Lukas Gruntz / Architektur Basel

El Lissitzky’s Wolkenbügel in Birsfelden? Losinger Marazzi haben grosse Pläne (Montage: Architektur Basel)


Quellen:
1  https://www.bzbasel.ch/basel/baselbiet/ein-neues-quartier-fuer-birsfelden-aus-heiterem-himmel-137879547
2  https://www.kw-birsfelden.ch

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