Villa Hammer: Subversiver Dialog zwischen Alt und Neu

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Seit 1895 steht im Kleinbasel in unmittelbarer Nähe des Wettsteinplatzes eine noble Villa. Für besten Neo-Barock entschied sich der Basler Architekt Heinrich Flügel bei seinem Erstlingswerk namens Villa Hammer. Dem guten Bau wurde nun von Herzog & de Meuron und dem Architektenduo Florian Sauter und Charlotte von Moos neues Leben eingehaucht – und zwar in Form eines Um- und Anbaus.

Situationsplan Villa Hammer, 2018 © Sauter von Moos

Situationsplan Villa Hammer, 2018 © Sauter von Moos

Zwei Aussenräume gliedern das Ensemble der bestehenden Villa und dem neuen Anbau. Ein grosszügiger Kiesvorplatz an der Strasse empfängt die Besucher. Zur linken Hand steht die repräsentative Barockvilla, die von einem unerschütterlichen Verständnis architektonischer Schönheit des damaligen Bürgertums erzählt. Die Gesimse und Zierelemente zeugen zudem von grossem handwerklichen Geschick – und der damals vergleichsweise billigen Arbeitskraft.

Geradeaus lässt ein kleines, weiss gestrichenes Gartentor die Besucher in den dahinterliegenden Garten ein. Es sorgt für eine erste Irritation: Handelt es sich um ein Fragment des Altbaus? Die barocke Formensprache des Giebels ist ohne Zweifel dem Vokabular der bestehenden Villa entsprungen. Und dennoch erkennt man bei näherer Betrachtung, dass das Tor nicht aus dem 19. Jahrhundert stammen kann. Die Oberfläche ist horizontal gerillt. Das Material Holz und nicht Stein, die Bearbeitung mehr Hightech als Handwerk. Mittels modernster Technik einer 3D-CNC-Fräse wurden die witterungsbeständigen Accoya-Holzstücke bearbeitet. Der weisse Farbanstrich entmaterialisiert das Tor, was die Verfremdung des Barockzitats perfekt macht.

Grundriss Erdgeschoss Villa Hammer, 2018 © Sauter von Moos

Grundriss Erdgeschoss Villa Hammer, 2018 © Sauter von Moos

Hinter dem Tor steht man im durch Hecken abgeschirmten Garten, von wo aus man den Anbau in seiner Gesamtheit erfasst. Er besteht aus zwei Wohnungen: eine im langgezogenen Sockel und die zweite in der darüber liegenden Holzbox. Vermittelnd greift die kleine Eingangsbox der unteren Wohnung in den Dialog zwischen Hauptkörper und Sockel ein. Sie nimmt die Schwere der Holzbox auf – und dynamisiert sie. Die beiden Wohnungen könnten unterschiedlicher nicht sein: Die untere besteht aus einer linearen Reihung von Räumen mit einem dahinterliegenden Korridor. Sie schreibt sich ums Eck bis in den Altbau fort. Im Scharnier zwischen Alt- und Neubau befindet sich der überhohe Raum des Badezimmers. Die L-Form erlaubt den Blick über den Garten zurück in die eigene Wohnung: Räumliche Introvertiertheit wird hier zur besonderen Wohnqualität.

Schnitt Villa Hammer, 2018 © Sauter von Moos

Schnitt Villa Hammer, 2018 © Sauter von Moos

Ganz anders die darüber liegende Wohnung in der Holzbox: Sie zeigt sich extrovertiert und schafft Sichtbezüge in die Tiefe des städtischen Kontexts. Die überhohen Fenster auf jeder der drei Fassaden erzeugen ein Bild der Grosszügigkeit, ja fast Monumentalität gegen Aussen und überspielen damit die innere Kleinteiligkeit der Maisonette-Wohnung. Die Architekten gingen der Frage nach, wie das Kleine gross wird. Von einer seitlichen Terrasse über die Bühne des Entrées betritt man das Wohnzimmer samt Küche. Eine schwarz gestrichene, runde Stahlstütze gliedert den Raum. Die gewendelte Treppe mit Oberlicht über dem Treppenauge in der nordöstlichen Raumecke führt ins Obergeschoss, wo sich zwei Schlafzimmer befinden. Besonders gelungen ist die Sichtachse zwischen Bad und Studierzimmer über zwei kleine Luken und die ovalen Fenster weiter bis in den Garten. Es ist eine Lektion, wie vielfältige Blickbezüge den Raum gross machen. Die innere Materialisierung ist schlicht und wohnlich: Das sägerohe Eichenparkett führt einen zurückhaltenden Dialog mit der Makulatur-Tapete an den Wänden und der sichtbelassenen Fichtenschalung an der Decke.

Villa Hammer von Sauter von Moos, 2018 © Architektur Basel / A. Schärer

Villa Hammer von Sauter von Moos, 2018 © Architektur Basel / A. Schärer

Das Projekt kann als Übersetzungsakt verstanden werden. Wie baut man eine Barockvilla aus dem 19. Jahrhundert weiter? Die Architekten suchen dabei nicht den Kontrast oder die Abgrenzung zum Bestand. Sie schaffen vielmehr einen subversiven Dialog zwischen alt und neu. Themen werden zwar übernommen, gleichzeitig aber umgekehrt und überformt. Das Schwere wird leicht – der steinerne Massivbau zum feinen Holz-Stahlbau. Auf die bürgerliche Noblesse der Villa wird mit der Unmittelbarkeit der konstruktiven und bautechnischen Realität des 21. Jahrhunderts reagiert. Subversiver Widerspruch – und zwar ganz ohne Polemik – wird hier zur gestalterischen Qualität. Ganz nebenbei leistet das Projekt auch einen sehenswerten Beitrag zur kleinräumigen Verdichtung im Bestand. „Gute Architektur spricht viele Bedeutungsebenen an und lenkt die Aufmerksamkeit auf eine Vielzahl von Zusammenhängen: ihr Raum und ihre Elemente sind auf mehrere Weisen gleichzeitig erfahrbar und benutzbar“, schreibt Robert Venturi in „Komplexität und Widerspruch in der Architektur“. In diesem Sinne gratulieren wir den Architekten zu einem Stück guter Architektur in Basel.

Text: Lukas Gruntz / Architektur Basel


PROJEKTINFORMATIONEN

Architektur: Herzog & de Meuron und Sauter von Moos
Bauherrschaft: privat
Baujahr: 2018
Adresse: Hammerstrasse 10, Basel
Nutzung: Wohnen / Kindertagesstätte

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