Vom Getreidesilo zum Designhostel: Komplexe Transformation von Harry Gugger

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Sechzehn kreisrunde Augen blicken einem im Innenhof auf der Erlenmatt Ost erwartungsvoll entgegen. Was ist das für ein Haus? Die industrielle Vergangenheit ist nach wie vor spürbar – und dennoch erkennt man sofort, dass dem 1912 von Architekt Rudolf Sandreuter erbauten Silogebäude der „Basler Lagerhausgesellschaft für Getreide und Kakaobohnen“ neues Leben innewohnt. Spätestens in dem Moment, wo die royalblauen Sonnenhauben der Kreisfenster ausgefahren werden, huscht über das Antlitz des Industriebaus der Hauch eines schicken Cafés am Boulevard des Capucines in Paris…

Silo Erlenmatt von Harry Gugger Studio © Céline Dietziker / Architektur Basel

Quartierzenturm und Talentschmiede
Talente braucht die Stadt! Zur Entstehungsgeschichte des Transformationsprojekts: Die Grundeigentümerin, die Stiftung Habitat, beabsichtige mit der „Umnuztung des Silos ein Quartierzentrum entstehen zu lassen“. Der Verein Talent übernahm dabei die Bespielung: „Ein soziokulturelles Angebot unterschiedlicher Nutzungen soll entstehen, welches für alle Quartierbewohner zugänglich und erlebbar ist.“ Die Betreiber sind – wie es der Vereinsname sagt – junge Talente, die mit auf zwei Jahre befristeten Verträgen im Silo ihr Potential entfalten können. „Das ermöglicht es ihnen, erste Schritte in die Selbständigkeit wagen zu können.“ Das Silo umfasst nicht nur das Hostel und die Gastronomie. Es bietet auch Projekträume und Ateliers als bezahlbarer Wirkungs- und Arbeitsraum für Kulturschaffende, Dienstleister und Gewerbetreibende. „Das übergeordnete Ziel ist es, Vielfalt zu schaffen und zu fördern“, schreiben die Betreiber vom Verein Talent. Viel Idealismus für einen Ort, der früher schlicht der Lagerung und Abfüllung von Getreide und Kakaobohnen diente.

Silo Erlenmatt von Harry Gugger Studio © Céline Dietziker / Architektur Basel

Lärmbelastung und Kreisfenster
Den Architekturwettbewerb für den Umbau des Silos wurde von Harry Gugger Studio gewonnen. Aufgrund der hohen Lärmbelastung an der Signalstrasse wurde das ursprünglich freistehende Silogebäude in die Zeilenbebauung entlang der Signalstrasse integriert. Durch die dadurch verbauten Giebelseiten verliert das Gebäude leider etwas von seiner ikonografischen Kraft – und dennoch hat es nach wie vor eine starke Präsenz. Die industrielle Geschichte des Ortes bleibt sichtbar. Die hohe Lärmbelastung durch die angrenzende Autobahn und hohe Nachhaltigkeitsziele prägten das Projekt auch in der typologischen Entwicklung.

Silo Erlenmatt Ost von Harry Gugger Studio © Christian Kahl

Silo Erlenmatt Ost von Harry Gugger Studio © Christian Kahl

Das markanteste neue architektonische Element sind zweifelsohne die kreisrunden Metallfenster. Die Öffnungen wurden vom Baumeister mit chirurgischer Präzision aus der bestehenden Betonfassade geschnitten. Die eingebauten Wendeflügel-Fenster sind eine bemerkenswerte Eigenentwicklung der Architekten zusammen mit der Firma Pfaff Metallbau in Ziefen. Aus lärmschutztechnischen Gründen lassen sie sich zur Strasse hin (leider) nicht öffnen. Auch der Sonnenschutz ist eine Sonderentwicklung: Zusammen mit einem Segelmacher wurden Storen entwickelt, die auch bei gewendetem Fenster gesenkt werden können. Den Architekten war es wichtig, dass sich die Fenster in die Fassade integrieren – ohne die ursprüngliche, feine Tektonik zu verunklären.

Grundriss Obergeschoss des Silos auf Erlenmatt: Oben der Bestand und unten der Umbau zum Hostel © Harry Gugger Studio

Struktur und Erschliessung
Auf typologischer und konstruktiver Ebene verfolgte Architekt Harry Gugger das Ziel, die bestehende Struktur und das ursprüngliche Wesen des Hauses weitestgehend zu respektieren und beizubehalten. Die baulichen Eingriffe sollten auf ein Minimum reduziert werden. So wurde die Betonstruktur der charakteristischen Silokammern erhalten. Um die zusätzlichen Nutzungen in der bestehenden Silostruktur zu organisieren, wurden zwei neue Geschossdecken eingezogen. Die Zimmer des Hostelbetriebes sind im Ober- und Dachgeschoss auf der Strassenseite angeordnet. Auf der Hofseite gegen Südwesten befinden sich im Ober- und Dachgeschoss die Ateliers. Im Erdgeschoss orientieren sich die Seminarräume zur Strasse und das Restaurant öffnet sich zum Hof.

Längsschnitt Silo Erlenmatt © Harry Gugger Studio

Der grösste physische Eingriff umfasste den Einbau der beiden Erschliessungskerne, bestehend aus Treppenhaus und Lift, an den Stirnseiten. Aufgrund des geschlossenen, bestehenden Betondachs handelte es sich dabei eigentlich um einen Innenausbau. Eine grosse bautechnische Herausforderung war das Betonieren der Treppenanlage. Der Schalungsbau und das Einbringen des Betons gelang nur dank besonderem handwerklichem Geschickt und kluger logistischer Planung. Ebenfalls ein wichtiges Thema war die Frage Erdbebenertüchtigung der 100 jährigen, filigranen Betonstruktur. Dank zwei gezielten Interventionen konnte sie gewährleistet werden: Einerseits dank der obersten, neu eingezogen Betondecke und dem Auffüllen einiger Silotrichter mit Beton.

Massarbeit: Die Kreisöffnungen werden in die bestehende Struktur eingeschnitten © Leon Faust

Kakaobohnen und heisse Schokolade
Nach einer erholsamen Nacht zu moderaten Preisen – rund CHF 50 kostet die Nacht im Vierbettzimmer, CHF 130 – 150 im Doppelzimmer – setzt man sich ins Café im Erdgeschoss, lässt den Blick über die betonierten Abfülltrichter an der Decke schweifen, die heute mit einer Ringleuchte visuell inszeniert werden. Die industrielle Vergangenheit des Hauses wurde von den Architekten respektvoll – jedoch ohne romantische Anbiederung – sichtbar belassen. Wo früher Kakaobohnen in rauen Mengen in Säcke abgefüllt wurden, serviert der behände Kellner heute die perfekte heisse Schokolade mit kunstvoll verziertem Milchschaum. Die Zeiten ändern sich.

Silo Erlenmatt von Harry Gugger Studio © Marc Gilgen

Text: Céline Dietziker / Architektur Basel

 

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