Vom historischen Gasthof zur Kita – Wie ein Dorf seinem «Rössli» erfolgreich neues Leben einhaucht

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Unter dem ausladenden Vordach hängt ein grosses schmiedeeisernes Wirtshausschild in Form eines goldfarbenen Pferdes. Das «Haus zum Rössli» diente seit seiner Erbauung um 1680 als Unterkunft für Reisende, als Pferdepoststation oder als Billetverkaufsstelle der Waldenburgerbahn, notabene als Gasthaus, zwischenzeitlich als Bar- und Eventlokal, als Architekturbüro und Kindertagesstätte. Heute präsentiert sich das historische Gebäude am Dorfeingang in gutem Zustand und wird rege genutzt. Dieser Umstand ist nicht zuletzt einigen Hölsteinerinnen und Hölsteinern zu verdanken. Finanziert wurde die Umnutzung nämlich hauptsächlich durch Private und lokale Firmen. Umgesetzt wurde die Instandsetzung und Sanierung des ehemaligen Gasthofes mit angrenzender Scheune in mehreren Etappen. Wir haben uns mit dem Architekten unterhalten.

Das «Haus zum Rössli» 1942, STABL_PA_6292_01.096, Staatsarchiv Basel-Landschaft

Das «Haus zum Rössli» 1942, STABL_PA_6292_01.096, Staatsarchiv Basel-Landschaft

Historisches Bewusstsein
Der Baubewilligung 2004 für die Sanierung der prominent an der Hauptstrasse zwischen Liestal und Waldenburg gelegenen dreihundertjährigen Liegenschaft geht eine Geschichte voraus, wie man sie nicht alle Tage liest. Das dreigeschossige Gebäude steht zuvor Jahre leer und ist weitestgehend ungenutzt. Temporär wird eine geflüchtete Familie einquartiert. Die Fassade ist in denkbar schlechtem Zustand, die Tore und Fensterläden sind zentimeterdick mit Werbeplakaten verklebt. Die Grundstruktur des Gebäudes ist allerdings noch in gutem Zustand und müsste nur partiell verstärkt werden. Um die hinter dem Gasthof gelegene Scheune steht es wesentlich schlechter. Kürzlich ist die gesamte Dachkonstruktion in sich zusammengefallen. Nur noch die Grundmauern sind stehengeblieben. Hinter dem Bauzaun droht die Substanz zu zerfallen.

Nach dem Einsturz stehen nur noch die Grundmauern der Scheune © Bonauer Architekten AG

Nach dem Einsturz stehen nur noch die Grundmauern der Scheune © Bonauer Architekten AG

Als die Liegenschaft schliesslich zum Verkauf steht, gründen einige lokale Unternehmen eine Firma mit dem Zweck, das Gebäude zu sanieren. Allen voran der Architekt Martin Bonauer. Eigentlich sei die ganze Geschichte für ihn heute noch unglaublich, meint er und erinnert sich zurück. Nachdem in mehr als tausend Stunden Arbeit und etlichen Gesprächen ein Projekt zustande kommt, geht es darum, Geldgeber für die Umsetzung zu finden. Die Bevölkerung wird angeschrieben, das Vorhaben erläutert. Neben der finanziellen Beteiligung lokaler Unternehmen, auch in Form von Arbeit, scheint im Dorf ein grosser Konsens darüber, was mit dem Gasthof, vor dem 1797 auch schon Kaiser Napoleon mit militärischen Ehren empfangen wurde, geschehen soll. Die Bereitschaft zur privaten Finanzierung des Umbaus mittels Volksaktien ist riesig.

Eingriffe im Querschnitt © Bonauer Architekten AG

Eingriffe im Querschnitt © Bonauer Architekten AG

Minimal nötig versus maximal möglich
Um auch die Behörden, insbesondere die Denkmalpflege vom Vorhaben zu überzeugen, wird ein Gesamtprojekt erarbeitet. Ingenieure und Fachplaner ergänzen die Berichte mit ihren Expertisen über den Zustand. Zur Debatte stehen schlussendlich Massnahmen von der einfachen Pinselsanierung bis hin zur vollständigen Renovation mit Dachausbau. Sowohl Architekt Bonauer als auch der Denkmalpflege ist die Wichtigkeit des Gebäudes bewusst. Die Unterstützung aus der Bevölkerung ist Ansporn. Das bewilligte Projekt sieht eine totale Sanierung des gesamten Gasthofes vor. Fürs erste Geschoss hat sich bereits ein Mieter gefunden. Nicht weit entfernt vom ursprünglichen Zweck wird hier wieder eine Bar mit Eventlokal im historischen Himmelsaal entstehen. Im zweiten Obergeschoss wird Bonauer dereinst mit seinem eigenen Architekturbüro einziehen. Vorerst bezieht er mit seinem Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern aber den Rösslisaal. Ein Baubüro im wahrsten Sinne. Computer und Plotter stehen neben Bauabsperrung und Presslufthammer.
In einem ersten Schritt werden die Geschossdecken verstärkt. Heizungs- und Sanitärleitungen werden verlegt, die Bar erhält eine Lüftung. Bis auf ein verchromtes Kamin auf der Rückseite des Gebäudes treten die technischen Einbauten allerdings nicht zum Vorschein. Für das Architekturbüro gibts zusätzlich eine Küche. Schliesslich möchte man flexibel bleiben. Nun gehts Schlag auf Schlag. Kaum ist das Gebäude bezogen, werden Pläne für eine Kindertagesstätte im Erdgeschoss erarbeitet. Die ebenerdigen Räume, zuvor nur im Grundausbau saniert, werden hergerichtet. Die Kita ist derart beliebt, dass bald Räume im Obergeschoss dazugemietet werden.

Ensemble aus ehemaligem Gasthof und Scheune © Bonauer Architekten AG

Ensemble aus ehemaligem Gasthof und Scheune © Bonauer Architekten AG

Scheune als Ergänzung
Die angrenzende Rössli-Scheune, oder zumindest das, was von ihr übrig geblieben ist, ebenfalls wieder aufzubauen war praktisch eine Bedingung. Nebst dem Rössli und dem gegenüber gelegenen Neuhaus gehört der Speicherbau zum historischen Dorfkern. Die Grundmauern der «Schüüre» werden saniert, lose Steine wieder befestigt, der stark beschädigte Torbogen ergänzt. Der Wiederaufbau der Scheune ist korrekt gesehen ein halber Wiederaufbau. Der «Neubau» kommt innerhalb der Grundmauern zu stehen. Während das Erdgeschoss als dringend benötigte Erweiterung der Kindertagesstätte mit Küche, Vor- und Hauptraum geplant ist, soll das Obergeschoss offen bleiben und als Terrasse für die Bar genutzt werden. In den kommenden Monaten wird ein Haus im Haus gebaut. Verbunden werden Scheune und Haupthaus mit einem kleinen betonierten Steg mit Aussentreppe. Obschon überaus nützlich, müsste man hier Kritik anbringen, ist doch eben gerade die freistehende Scheune speziell im engen Dorfkern und eine Verbindung wahrscheinlich nie vorhanden gewesen. Allerdings dürfte diese Betrachtung eher theoretisch sein, bedenkt man den Erfolg des ganzen Wiederaufbaus. Entgegen dem historischen Vorbild wird das offene Obergeschoss aber nicht wieder mit einer Holzschalung verkleidet, sondern mit einer braunen, licht- und luftdurchlässigen Textilie. Das mag für den Innenraum toll sein, ist es dort unter dem original nachgebauten Dachstuhl nicht all zu hell – von aussen wirkt das etwas im Wind wehende Tuch gelinde ausgedrückt etwas fehl am Platz. Die optische Verwandtschaft von Wand- und Öffnung des historischen Vorbildes funktioniert vielleicht aus der Ferne. Aus der Nähe betrachtet wirkt es aber es unglaubwürdig. Vielleicht liegt es auch daran, dass man sich eigentlich einen Vollausbau der Scheune selbst gewünscht hätte. Dies wäre etwas kraftvoller als eine offene Terrasse und hätte dem Speicherbau seine Eigenständigkeit als freistehendes Gebäude zurückgegeben. Man kommt nicht umhin, ihn in der jetzigen Form als nützlichen Annex zu verstehen. Und irgendwie ist er das ja auch…

Sinnvolle Ausnutzung: Erschliessung der «Box» im Dachgeschoss durch Haustechnik © Bonauer Architekten AG

Sinnvolle Ausnutzung: Erschliessung der «Box» im Dachgeschoss durch Haustechnik © Bonauer Architekten AG

Erfolgreiches Projekt
In einem letzten Schritt wird das hohe Dach des Hauptgebäudes ausgebaut. Zuoberst entsteht in Form einer gedämmten Holzbox neuer Büroarbeitsraum mit ausreichend Staufläche. Wie im Geschoss darunter gibts auch hier eine Küche mit Toilette und Dusche. Rückwärtig bringt eine neue mehrteilige Lukarne genügend Licht in den Raum. Mit der Sanierung der Fassade findet das Projekt schliesslich seinen Abschluss. Nun bekommt auch die äussere Hülle ein neues Gesicht – oder ein altes? Farbtests an Putz, Klappläden und Fensterrahmen führen eine Farbkombination zu Tage, wie sie vermutlich ursprünglich verwendet worden war. Verschiedene Farbkonzepte zeigen die Möglichkeiten des Umgangs der verschiedenfarbigen Bauteile auf. Während die Fassade, bestehend aus steinernem Sockel und auskragenden Ecksteinen, die Obergeschosse verputzt, in ihrer Grundanlage dieselbe bleibt – beige und grau in leichten Variationen – werden die über lange Zeit grünen Fensterläden (notabene wie die meisten Klappläden entlang der Hauptstrasse in Hölstein) nun in granatrot gestrichen. Eine sehr harmonische Kombination, wie wir finden.

Die Kindertagesstätte in der renovierten Scheune nimmt ihren Betrieb auf © Bonauer Architekten AG

Die Kindertagesstätte in der renovierten Scheune nimmt ihren Betrieb auf © Bonauer Architekten AG

Für Architekt Bonauer ist das Projekt als solches inzwischen zwar abgeschlossen, noch immer aber ist er etwas überrascht, welche Dynamik das Vorhaben ausgelöst hat. Der Restaurationsbetrieb und die Kindertagesstätte würden heute ohne das Rössli wohl nicht existieren. Sowohl der Betreiber der Bar als auch die Betreiberin der Kita haben die sich ihnen bietende Chance genutzt und prompt zwei Unternehmen mit Zukunft auf die Beine gestellt. Insbesondere die Kita platzt aus allen Nähten; inzwischen gehört auch das gesamte zweite Geschoss dazu. Die Sanierung und Umnutzung dieses Gebäudeensembles darf ohne Stolz als vorbildlich bezeichnet werden, ist das «Haus zum Rössli» historisch ein wertvoller Bau; nicht nur für Hölstein, sondern für den ganzen Kanton.

Haus zum Rössli und Scheune
Funktion ursprünglich: Gasthof, Trinkstube, Billetverkauf WB, Pferdepoststation
Funktion heute: Kita, Bar und Eventlokal, Arbeits- und Büroräume
Adresse: Hauptstrasse 17/17a, 4434 Hölstein
Bauzeit: um 1680
Architektur: Steinmetz Martin Keigel (1680), Bonauer Architekten AG (Umbau 2004-2010)


Text:
– Simon Heiniger / Architektur Basel
Fotos:
– © Bonauer Architekten AG, Hölstein
– © Simon Heiniger / Architektur Basel

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