Von seltsamen Erscheinungen im Bubendörfer Pfarrhaus… | Baselbieter Baukultur #89

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Als Frau Pfarrer einmal die Wäsche abnahm, sagte ihr Töchterlein Klärli, ein Sonntagskind, plötzlich: «Lueg, es hilft der öpper!» Frau Pfarrer sah niemand (sic). Einmal sah Klärli auf dem Estrich in einer Ecke einen Mann stehen, der seinen Kopf unter dem Arm trug…

Ob wahr oder nicht sei dahingestellt. Unter den weit über tausend Erzählungen aus dem Landkanton kennt der vierhundert Seiten starke Band «Baselbieter Sagen» gleich mehrere Schauergeschichten zum Pfarrhaus in Bubendorf.
Ein Spukhaus sei es, habe man sich früher erzählt. Viele der Geschichten spielen in dunklen Wäldern, auf abgelegenen Strassen oder in Klöster, Kirchen oder eben… Pfarrhäusern. Jenes in Bubendorf nimmt am Steilhang unter der reformierten Kirche gelegen eine sehr prominente Stellung im Dorfbild ein. Insbesondere der giebelständig zum Hang stehende Hauptbau ist eindrücklich.

Prägt das Dorfbild: das Pfarrhaus © Simon Heiniger / Architektur Basel

Prägt das Dorfbild: das Pfarrhaus © Simon Heiniger / Architektur Basel

Pfarrhaus und Kirche, Bubendorf (bearbeitet), Grundlagen Luftbild © Bundesamt für Landestopografie swisstopo

Pfarrhaus und Kirche, Bubendorf (bearbeitet), Grundlagen Luftbild © Bundesamt für Landestopografie swisstopo

Um diesen ältesten Gebäudeteil aus dem 16. Jahrhundert ordnen sich drei verschieden orientierte Anbauten aus unterschiedlichen Zeiten. Südlich führt ein traufständiger Trakt mit einem bergseitigen Ausgang zur höher liegenden Kirche mit Friedhof. Der grosse traufständige Nordtrakt schliesst direkt an den Hauptbau an und endet in einem nördlichen Schopfbau mit Laube. Diese schaffen den Niveauunterschied zwischen dem östlichen Brunnenhof und dem nördlichen tiefer liegenden Garten. Überhaupt ist es der Hang, der die Anordnung, sowohl in der Horizontalen, aber hauptsächlich in der Vertikalen bestimmt. Das Interessante am Gebäude ist schlussendlich die Art und Weise, wie mit dem Steilhang umgegangen wird.

Südtrakt mit bergseitigen Ausgang © Simon Heiniger / Architektur Basel

Südtrakt mit bergseitigen Ausgang © Simon Heiniger / Architektur Basel

Frau Pfarrer Schölly erzählte: Wenn sie strickte und es fiel ihr eine Nadel zu Boden, wurde sie ihr von einer unsichtbaren Hand wieder heraufgereicht; dasselbe passierte der Pfarrjumpfere, wenn sie spann und die Kunkel fallen liess. – Der alt Grauwiller Gmeiniverwalter het amme verzellt, im Pfarhuus syg emol e Mord passiert. Im e Zimmer haig sich e Bluetfläcke zeigt und me haig dört inn all ghöre fäge. – Wo my Vatter ins Pfarhuus isch go ne Chind zum Taufe azeige, het efeismol öppis gcholderet in der Wand. Der Pfarer (sic) und sy Frau hai enand nummen agluegt und nüt gsait.

Was in den Wänden des Pfarrhauses tatsächlich vonstatten ging, weiss wohl niemand. Vielleicht waren es auch nur knarzende Holzbalken und ausbrechende Steine? Ein durch den Ingenieur J.J. Fiechter verfasstes Gutachten stellte 1767 dem Nord- und Südtrakt nämlich kein gutes Zeugnis aus. Die Anbauten mussten wohl in derart schlechtem Zustand gewesen sein, dass sie bis 1772 baulich ertüchtigt wurden. Es ist anzunehmen, dass die meisten heutigen Fenster am Gebäude aus dieser Zeit stammen.

Der giebelständige Hauptbau steht markant zur Strasse © Simon Heiniger / Architektur Basel

Der giebelständige Hauptbau steht markant zur Strasse © Simon Heiniger / Architektur Basel

Der Bau bewegt sich stilistisch irgendwo zwischen Spätgotik und Barock. Nach Einschätzung der Denkmalpflege Baselland entspricht die teilweise Überarbeitung verschiedener Bauteile durchaus dem Zeitgeist. So spreche die stete Vergrösserung zum Repräsentativen eine barocke Sprache, während die Grundsubstanz – und damit auch die unstete Anordnung der Fenster ein Überbleibsel aus dem Mittelalter sei.

Der Weg erschliesst die verschiedenen Gebäudeteile © Simon Heiniger / Architektur Basel

Der Weg erschliesst die verschiedenen Gebäudeteile © Simon Heiniger / Architektur Basel

Geblieben über all die Zeit ist der steile Fussweg, der von der Hauptstrasse am Pfarrhaus entlang über mehrere Treppenstufen zur Kirche führt. Er verbindet nicht nur die beiden Niveaus, sondern erschliesst auch gleich die unterschiedlichen Zugänge des Gebäudes. Natürlich weiss der Sagenband auch hierzu was zu erzählen:

Hie und da soll man einen Schimmel den steilen Weg gegen das Pfarrhaus hinauf traben und dort verschwinden sehen. Auch im Pfarrhofe höre man zuweilen Pferdegetrappel, sehe aber kein Tier. Es heisst, das sei ein früherer Pfarrer Strübin, der auf seinem Schimmel reite. Das Tier galt ihm zu seinen Lebzeiten mehr als die Armen seiner Gemeinde. Als zur Zeit einer Teuerung die Basler Regierung eine Mehlspende für die Bedürftigen an ihn abgehen liess, behielt er das Mehl für sich und fütterte damit seine Haustiere…

Text: Simon Heiniger / Architektur Basel


Pfarrhaus Bubendorf
Adresse: Hauptstrasse 62, 4416 Bubendorf
Architektur: unbekannt
Baujahr: 16. – 18. Jhd.
Ertüchtigung: 1767-1772


Fotos:
– © Simon Heiniger / Architektur Basel
Karten/Luftbild:
– Bundesamt für Landestopografie swisstopo
Quellen:
– Kantonales Inventar der geschützten Kulturdenkmäler (Online-Inventar)
– Suter Paul (1976), Baselbieter Sagen, Quellen und Forschungen zur Geschichte und Landeskunde des Kantons Baselland Band 14, Kantonale Drucksachen- und Materialzentrale, Liestal. keine ISBN vorhanden.

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