Kantonsgericht Liestal: LIBRA, FIDELIO oder QUATTRO – alle sechs rangierten Projekte im Detail!

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Das Kantonsgericht in Liestal braucht dringend mehr Platz, weshalb der bestehende Standort am Bahnhof Liestal erweitert und umgebaut werden soll. Der offen ausgeschriebene Wettbewerb fand bei den Architektinnen und Architekten Anklang; die 37 eingereichten Projekte stammen aus der ganzen Schweiz und aus dem Ausland. Am vergangenen Montag wurde der Öffentlichkeit das Siegerprojekt «SIRO» des Büros Notaton aus Chur vorgestellt. Das zur Weiterbearbeitung empfohlene Projekt haben wir bereits am Montag detailliert vorgestellt. Heute liegt der Fokus auf den fünf weiteren rangierten Projekte.

«SIRO»
1. Rang
Notaton, Chur

Wartebereich für Besucher*innen © Notaton, Chur

Wartebereich für Besucher*innen © Notaton, Chur

Notaton stapelt die neuen Gerichtssäle und Büroräumlichkeiten. Damit kann die Grundfläche des Anbaus auf ein Minimum reduziert werden. Dies schafft viel Aussenraum – im dicht bebauten Bahnhofsareal ein rares Gut. Die Effizienz liegt im Konzept der Belichtung. Die innenräumliche Qualität überzeugt auf allen Ebenen – noch nicht ganz so klar ist der architektonische Ausdruck der Fassade. Die detaillierte Projektvorstellung gibt es hier.

«A few good rooms»
2. Rang
Schmid Schärer Architekten ETH SIA, Zürich

Neuinterpretation des Sockels / «A few good rooms» © Schmid Schärer Architekten ETH SIA, Zürich

Neuinterpretation des Sockels / «A few good rooms» © Schmid Schärer Architekten ETH SIA, Zürich

Situation / «A few good rooms» © Schmid Schärer Architekten ETH SIA, Zürich

Situation / «A few good rooms» © Schmid Schärer Architekten ETH SIA, Zürich

Das zweitplatzierte Projekt ergänzt das bestehende Gerichtsgebäude nicht nur um einen nördlichen Anbau mit Hof, es führt die Typologie des einfachen Erschliessungsganges weiter. Während die Büros an den Aussenfassaden Platz finden, setzen die Architekt*innen die Gerichtssäle in die Mitte. Belichtet werden diese über Oblichter. Diese Anordnung bietet den Vorteil, dass die Säle zweiseitig erschlossen werden können; durch das Publikum über den Bahnhofsplatz via Altbau – intern via Anbau.

Erdgeschoss mit Umgebung / «A few good rooms» © Schmid Schärer Architekten ETH SIA, Zürich

Erdgeschoss mit Umgebung / «A few good rooms» © Schmid Schärer Architekten ETH SIA, Zürich

Querschnitte durch Alt- und Anbau / «A few good rooms» © Schmid Schärer Architekten ETH SIA, Zürich

Querschnitte durch Alt- und Anbau / «A few good rooms» © Schmid Schärer Architekten ETH SIA, Zürich

oben: Nordfassade, unten: Ostfassade / «A few good rooms» © Schmid Schärer Architekten ETH SIA, Zürich

oben: Nordfassade, unten: Ostfassade / «A few good rooms» © Schmid Schärer Architekten ETH SIA, Zürich

Während im Grundriss eine gewisse Annäherung zum Bestand stattfindet, gibt sich die Fassade wesentlich differenzierter. Die Fassadenflucht des Anbaus springt leicht zurück, das Flachdach ist weniger hoch als der historische Bau. Einzig im Norden steht dem bestehenden Satteldach ein kubischer Attika-Dachaufbau gegenüber. Dieser nimmt sich farblich der Materialität des vorhandenen Dachs an. Die Hauptfassaden übernehmen die Gliederung und Farbigkeit vom Bestand, wobei der Sockelbereich im Norden abstrahiert dem Terrain folgt. Optisch kann so der hohen Fassade an der Geländekante entgegengewirkt werden. Der nachträglich zugebaute Ehrenhof zum Bahnhofsplatz wird entfernt. Die Repräsentationsfassade profitiert davon. Der detailliert ausgearbeitete Ausdruck der Fassade ist es denn auch, was am meisten überzeugt, während die Weiterführung der bestehenden Typologie mindestens so glaubwürdig wie unspektakulär daherkommt.

«LIBRA»
3. Rang
ARGE Stähelin Partner Architekten, Basel & Schwob Sutter Architekten, Liestal

Alt oder neu? / «LIBRA» © ARGE Stähelin Partner Architekten, Basel & Schwob Sutter Architekten, Liestal

Alt oder neu? / «LIBRA» © ARGE Stähelin Partner Architekten, Basel & Schwob Sutter Architekten, Liestal

Situation / «LIBRA» © ARGE Stähelin Partner Architekten, Basel & Schwob Sutter Architekten, Liestal

Situation / «LIBRA» © ARGE Stähelin Partner Architekten, Basel & Schwob Sutter Architekten, Liestal

Dem Ruf einer erstaunlich einfachen Weiterführung der Typologie folgt auch dieser Projektvorschlag. Eine neuzeitliche Interpretation findet zugunsten einer architektonischen Kopie nicht statt. In aller Konsequenz – vom Grundriss über den Sockel bis hin zur Farbigkeit der Fassade und dem 1:1 nachempfundenen klassizistischen Dachrandabschluss – werden Alt- und Neubau zu einem Ganzen vermischt. Einzig die im neuen Teil vorstehenden Rechteckfenster, im Gegensatz zu den eingerückten Rundbogenfenstern im Altbau, geben einen Hinweis auf verschiedene Bauphasen.

Erdgeschoss mit Innenhof / «LIBRA» © ARGE Stähelin Partner Architekten, Basel & Schwob Sutter Architekten, Liestal

Erdgeschoss mit Innenhof / «LIBRA» © ARGE Stähelin Partner Architekten, Basel & Schwob Sutter Architekten, Liestal

Zwei Flanken: 1. OG / «LIBRA» © ARGE Stähelin Partner Architekten, Basel & Schwob Sutter Architekten, Liestal

Zwei Flanken: 1. OG / «LIBRA» © ARGE Stähelin Partner Architekten, Basel & Schwob Sutter Architekten, Liestal

Querschnitt Innenhof / «LIBRA» © ARGE Stähelin Partner Architekten, Basel & Schwob Sutter Architekten, Liestal

Querschnitt Innenhof / «LIBRA» © ARGE Stähelin Partner Architekten, Basel & Schwob Sutter Architekten, Liestal

Niedrige Nordfassade / «LIBRA» © ARGE Stähelin Partner Architekten, Basel & Schwob Sutter Architekten, Liestal

Niedrige Nordfassade / «LIBRA» © ARGE Stähelin Partner Architekten, Basel & Schwob Sutter Architekten, Liestal

Die niedrig gehaltene Nordfassade bricht das Gesamtvolumen in der Nachbarschaft zum Lüdin-Areal etwas herunter, ohne aber die städtebauliche Erscheinung zu schwächen. Der Innenhof bleibt frei und stellt in seiner Grösse auch eine Qualität für das Erdgeschoss dar. Die Gerichtssäle sind in den Flankenbauten untergebracht. Trotz dem grossen Platzverbrauch des Anbaus, wird der Ehrenhof zum Bahnhofsplatz nicht gänzlich wiederhergestellt. Damit kommt das Projekt dem Anspruch der Denkmalpflege, den Eingangsbereich von diversen Bausünden zu entlasten, nicht vollumfänglich nach.

«FIDELIO»
4. Rang
ffbk Architekten AG, Münchenstein

Architektonische Verwandschaft? / «FIDELIO» © Nightnurse Images GmbH, Zürich

Architektonische Verwandschaft? / «FIDELIO» © Nightnurse Images GmbH, Zürich

Situation / «FIDELIO» © ffbk Architekten AG, Münchenstein

Situation / «FIDELIO» © ffbk Architekten AG, Münchenstein

Das Projekt arbeitet mit der schwierigen Situation an der Hangkante und findet sein Pendant denn auch gleich im Regierungsgebäude am Ende des Städtli. Die Absicht, diese Wirkung zu imitieren und damit eine Verbindung zwischen den beiden wichtigen Volumen zu schaffen ist löblich und kann funktionieren.

Erdgeschoss mit Gerichtssälen / «FIDELIO» © ffbk Architekten AG, Münchenstein

1. OG mit eingeschobenem Lektorat / «FIDELIO» © ffbk Architekten AG, Münchenstein

1. OG mit eingeschobenem Lektorat / «FIDELIO» © ffbk Architekten AG, Münchenstein

Altbau-Innenhof-Gerichtssaal / «FIDELIO» © ffbk Architekten AG, Münchenstein

Altbau-Innenhof-Gerichtssaal / «FIDELIO» © ffbk Architekten AG, Münchenstein

Stimmungsvoller Gerichtssaal / «FIDELIO» © Nightnurse Images GmbH, Zürich

Stimmungsvoller Gerichtssaal / «FIDELIO» © Nightnurse Images GmbH, Zürich

ffbk Architekten aus Münchenstein schaffen mit ihrem Projekt einen informellen Innenhof und nennen ihn «Wandelhalle». Dieser dient zum Durchgang für Publikum vom Altbau zu den beiden Gerichtssälen im Erdgeschoss und fungiert gleichzeitig als innere Vorzone. Wir fragen uns, wieviel Qualität diese Zone wirklich hat, fällt sie doch sehr schmal aus. Da überdacht, wird sie zu einem Innenraum, aufgrund ihrer Grösse zu einem flächenintensiven Gang. Ungleich mehr Geist versprühen die im Halbgeschoss über den Gerichtssälen geplanten Lektoratsräume. Sie schaffen einen gedrungenen Eingang zum Gerichtssaal, womit dieser nachher umso effektvoller im Raum aufgeht. Die stimmungsvolle Visualisierung lässt ahnen, wie der Raum funktioniert. Die erhöhte Zone für die Richter*innen wird vom zukünftigen Nutzer allerdings als nicht zeitgemäss eingestuft. Während die Einbauten im Erdgeschosses des Ehrenhofs zurückgebaut werden, bleiben sie uns in den Geschossen darüber erhalten. Auch hier fragt man sich, ob die paar Büros nicht auch woanders hätten untergebracht werden können.

«THEMIS» (1)
5. Rang
Herzog Architekten, Zürich

Blick von der Altstadt zum Bahnhof / «THEMIS» (1) © Herzog Architekten, Zürich

Blick von der Altstadt zum Bahnhof / «THEMIS» (1) © Herzog Architekten, Zürich

Situation / «THEMIS» (1) © Herzog Architekten, Zürich

Situation / «THEMIS» (1) © Herzog Architekten, Zürich

Volumetrisch ergänzt «THEMIS» (1) den Bestandesbau um einen ebenso wirkungsvollen Baukörper, verzichtet aber auf ein Steildach. Die Fassade gibt sich wesentlich zeitgenössischer. Raumhohe Fenster gliedern die Aussenhülle regelmässig. Trotzdem sucht der Anbau einige Anhaltspunkte, etwa beim Gurtgesims über dem Erdgeschoss oder in Form der neu interpretierten Ecklisenen. Die Höhe des Sockelgeschosses wird übernommen. Dies führt zu einer seltsamen Situation im Bereich des rückwärtigen Eingangs für die Mitarbeiter*innen. Ein zweiter seitlicher Eingang – neben dem Haupteingang – führt eben in das Gebäude, womit die Hindernisfreiheit gewährleistet ist, doch wirkt die verhältnismässig riesige Freitreppe mit anschliessender Innentreppe an der Nordfassade nicht sehr funktional und als Nebeneingang zu prominent.

Erdgeschoss / «THEMIS» (1) © Herzog Architekten, Zürich

Erdgeschoss / «THEMIS» (1) © Herzog Architekten, Zürich

1. OG / «THEMIS» (1) © Herzog Architekten, Zürich

1. OG / «THEMIS» (1) © Herzog Architekten, Zürich

Schnitt durch den Innenhof / «THEMIS» (1) © Herzog Architekten, Zürich

Schnitt durch den Innenhof / «THEMIS» (1) © Herzog Architekten, Zürich

Der Gerichtssaal / «THEMIS» (1) © Herzog Architekten, Zürich

Der Gerichtssaal / «THEMIS» (1) © Herzog Architekten, Zürich

Die Typologie des Anbaus folgt im Grundriss den Rezepten des Bestandes. Einzig die Fenster sind nicht mehr immer raummittig. Die Strenge der Fassade wird zum Innenhof etwas aufgelöst, was dessen – zumindest optische – Zugehörigkeit fördert. Im Erdgeschoss befinden sich im Hof nämlich die Gerichtssäle, belichtet über Oblichter. Die Situation beim Ehrenhof scheint unserer Meinung nach nicht gelöst – auch bei diesem Projekt hätte man aufgrund der verbauten Masse vermuten können, dass der Ehrenhof auf seine ursprüngliche Grösse zurückgebaut würde. Zumindest die Eingangshalle als Vorzone zur Schleuse und des sehr flächenintensiven Publikumswartebreichs hat keinen Nutzen ausser als überdimensionierter Windfang.

«QUATTRO»
6. Rang
Demuth Hagenmüller & Lamprecht Architekten GmbH, Zürich

Hangkante des Bahnhofquartiers / «QUATTRO» © Demuth Hagenmüller & Lamprecht Architekten GmbH, Zürich

Hangkante des Bahnhofquartiers / «QUATTRO» © Demuth Hagenmüller & Lamprecht Architekten GmbH, Zürich

Situation / «QUATTRO» © Demuth Hagenmüller & Lamprecht Architekten GmbH, Zürich

Situation / «QUATTRO» © Demuth Hagenmüller & Lamprecht Architekten GmbH, Zürich

Endlich eine neu Form! Während die Bahnhofsfassade in ihren Ursprungszustand zurückversetzt wird, experimentieren die Architekt*innen beim Anbau mit nicht orthogonalen Mitteln. Die sich an der Nachbarfassade des Lüdin-Areal orientierende Fassadenflucht wirkt schon fast etwas rebellisch, verglichen mit den vielen eher klassischen Wettbewerbsentwürfe. Kann das funktionieren? Wir meinen: es könnte, aber! Im Gegensatz zu den anderen Projekten führt «QUATTRO» die Erscheinung der Fassade des Altbaus über die gesamte Fassade des Anbaus. Dabei wird auf eine Andeutung jeglicher Geschossigkeit verzichtet. Die Dachkante übernimmt zwar die Höhe der Bestandestraufe, ist aber ohne jeden Abschluss-Schnickschnack ausgeführt. Diese Vereinfachung unter dem Einsatz von einfachen Rechteckfenstern schafft den Eindruck eines Wohnhauses. Das ist an und für sich nichts Schlimmes, für den Ort und die Nutzung als Gericht kommt diese Fassade dann aber doch etwas zu simpel daher. Wir fragen also nochmals: Kann das funktionieren? Vollends überzeugt sind wir nicht…

Erdgeschoss mit abgeschrägter Nordfassade / «QUATTRO» © Demuth Hagenmüller & Lamprecht Architekten GmbH, Zürich

Erdgeschoss mit abgeschrägter Nordfassade / «QUATTRO» © Demuth Hagenmüller & Lamprecht Architekten GmbH, Zürich

1. OG / «QUATTRO» © Demuth Hagenmüller & Lamprecht Architekten GmbH, Zürich

1. OG / «QUATTRO» © Demuth Hagenmüller & Lamprecht Architekten GmbH, Zürich

Querschnitt / «QUATTRO» © Demuth Hagenmüller & Lamprecht Architekten GmbH, Zürich

Querschnitt / «QUATTRO» © Demuth Hagenmüller & Lamprecht Architekten GmbH, Zürich

Ostfassade / «QUATTRO» © Demuth Hagenmüller & Lamprecht Architekten GmbH, Zürich

Ostfassade / «QUATTRO» © Demuth Hagenmüller & Lamprecht Architekten GmbH, Zürich

Die Grundrisse sind schlüssig organisiert. Die Gerichtssäle befinden sich wiederum im Innenhof mit Oblicht. Die offene Programmierung des Altbaus verspricht eine gewisse Leichtigkeit auf den Geschossen, dies wirkt sich insbesondere rund um das Handarchiv im 1. OG gut auf den Raum aus. Der Gang im Anbau lässt diesen Anspruch allerdings vermissen. Zwar besteht Kontakt zum Innenhof, doch findet man sich letztenendes in einer schmalen Röhre, beidseitig mit Türen. Unser Vorschlag: die Gebäudeform in den Innenraum portieren. Somit würde der Gang wesentlich abwechslungsreicher…

Text & Kritik: Simon Heiniger / Architektur Basel


Quellen:
– Planmaterial / Visualisierungen: Bau- und Umweltschutzdirektion des Kantons Basel-Landschaft, Hochbauamt, (Januar 2020), «Jurybericht Erweiterung und Umbau Kantonsgericht Basel-Landschaft, Liestal» (Das Urheberrecht der Abbildungen, Pläne und Visualisierungen liegt bei den Projektverfassenden)

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