Warme Zurückhaltung in Oberdorf: Schulhaus Dorfmatt

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Als an einem Freitag Ende Oktober 2009 der Neubau vom Schulhaus Dorfmatt in Oberdorf eingeweiht wurde, war das Interesse gross. Nicht nur die Belegschaft und die Schüler*innen feierten die offizielle Eröffnung ihrer Anlage, auch deren Eltern, den Anwohnenden, Vertreter*innen aus der Politik und nicht wenigen Ehemaligen aus dem ganzen Waldenburgertal lief man über den Weg. Nun steht der Bau aus Beton und Glas seit zehn Jahren. Die architektonische Idee ist aber bereits mehr als zwanzig Jahre alt.

Der Projektwettbewerb für die Erweiterung des Schulareals inmitten im kleinräumigen Wohnquartier in Oberdorf fand bereits 1999 statt. werk1 architekten und planer ag aus Olten wurden für den Neubau ausgewählt, Schwob, Sutter, Architekten aus Liestal waren für die Renovation der bestehenden Gebäude verantwortlich. Die Anlage bestand zu diesem Zeitpunkt aus einem langrechteckigen Altbau aus dem Jahr 1960. Dieser umfasste 11 Unterrichtsräume und eine Turnhalle. Später wurde das Areal um eine weitere Turnhalle vor dem Schulhaus ergänzt. Im Osten baute man 1970 einen Pavillon mit drei weiteren Räumen an. 1993 ergänzte ein nordwestlicher polygonaler Anbau das Schulhaus um neun weitere Schulzimmer. Das Zentrum der Anlage war und ist noch immer die mit Fahrrädern unterfahrbare 60er-Jahre-Aula mit Pultdach.

Schulhaus Dorfmatt, Oberdorf (bearbeitet), Grundlagen Luftbild © Bundesamt für Landestopografie swisstopo

Schulhaus Dorfmatt, Oberdorf (bearbeitet), Grundlagen Luftbild © Bundesamt für Landestopografie swisstopo

Der Neubau besetzt die Stelle der ehemaligen Turnhalle, ordnet sich nun aber orthogonal zum Bestand. Eine Dreifachturnhalle bildet den Sockel für den dreigeschossen Schulhaustrakt. Aufgrund der leichten Neigung der Parzelle, schafft die Turnhalle ostseitig ein angenehmes Hochparterre für die darüberliegenden Unterrichtsräume, während sie west- und nordseitig zwar noch immer zu zwei Dritteln im Terrain verschwindet, aber von aussen betrachtet optisch eingeschossig aus dem Boden ragt und damit die Sportanlage und den Hartplatz fasst.

Wir sind gespannt, wie sich der Sichtbeton in 10 Jahren präsentiert... Foto © René Rötheli, Baden

Wir sind gespannt, wie sich der Sichtbeton in 10 Jahren präsentiert… Foto © René Rötheli, Baden

Das Schulgebäude überzeugt – der Abschluss der Turnhalle aus Metall dagegen weniger. Foto © René Rötheli, Baden

Das Schulgebäude überzeugt – der Abschluss der Turnhalle aus Metall dagegen weniger. Foto © René Rötheli, Baden

Der Haupteingang des Neubaus befindet sich in der nordöstlichen Ecke des Gebäudes und schliesst direkt ans grosse längliche Pausendach an, das direkt zum Haupteingang der Altbauten führt. Parallel dazu führt eine breite Sitztreppe zum Hartplatz und dem Rasenfeld auf dem unteren Niveau. Typologisch gibt sich der Neubau so einfach wie möglich. Über eine westseitige Laube mit Kaskadentreppen erreicht man die ostseitig orientierten Unterrichtsräume. Beide Fassaden sind jeweils voll verglast. Die Unterrichtsräume bekommen aber höchstens Morgensonne ab. Ab Mittag dürfte sich hauptsächlich die Laube aufheizen.

Die Unterrichtsräume verfügen über transparente Eingangsbereiche. Foto © René Rötheli, Baden

Die Unterrichtsräume verfügen über transparente Eingangsbereiche. Foto © René Rötheli, Baden

Die verglaste «Laube» dürfte sich im Sommer aufheizen. Die Unterrichtsräume hingegen liegen ostseitig. Foto © René Rötheli, Baden

Die verglaste «Laube» dürfte sich im Sommer aufheizen. Die Unterrichtsräume hingegen liegen ostseitig. Foto © René Rötheli, Baden

Die ostseitigen Unterrichtsräume sind vor der Sonne geschützt. Foto © René Rötheli, Baden

Die ostseitigen Unterrichtsräume sind vor der Sonne geschützt. Foto © René Rötheli, Baden

In Materialisierungsfragen übt sich der Bau in vornehmer Zurückhaltung. Trotz viel Beton und Glas wirkt das Schulhaus von aussen nicht hart – oder etwa gar abstossend. Der vermutlich leicht eingefärbte Beton verleiht der Fassade einen warmen Ausdruck. Die Glasbrüstungen auf der Ostseite sind weiss bedruckt. Im Innenraum werden die Sichtbetonoberflächen durch in die Decke versenkte Akustikelemente ergänzt. Diese befinden sich stets im Bereich der Treppenläufe. Etwas Farbe findet sich dann aber doch noch, wenn auch ganz dezent: Handläufe, Türen und Brüstungselemente kommen in sachtem Grün daher, ebenso einzelne Elemente in der Dreifachturnhalle.

Zurückhaltende Materialisierung mit sanfter Farbgebung im Treppenhaus zur Turnhalle. Foto © René Rötheli, Baden

Zurückhaltende Materialisierung mit sanfter Farbgebung im Treppenhaus zur Turnhalle. Foto © René Rötheli, Baden

Der helle Beton und die Oblichter verleihen dem Inneren der Turnhalle eine leichte Erscheinung. Foto © René Rötheli, Baden

Der helle Beton und die Oblichter verleihen dem Inneren der Turnhalle eine leichte Erscheinung. Foto © René Rötheli, Baden

Die Halle wird über eine Menge Oblichter im Dach belichtet; sie verteilen sich quer über den darüberliegenden Pausenplatz. Dieser ist minimal gestaltet; ein paar grüne, durchaus schöne Sitzbänke gibt es – das ist dann aber auch alles. Ob sich in dieser sterilen Umgebung Pause machen lässt, sei dahingestellt – und erst im Sommer bei fünfunddreissig Grad im Schatten (den es hier notabene nicht gibt). Würde das Dach nicht genutzt und stattdessen begrünt, hätte man auf das umlaufende Glasgeländer verzichten können. Mit dem Dachrandabschluss aus Metallblechen wirkt es etwas wacklig und passt irgendwie nicht wirklich zur massiven und klaren Erscheinung des restlichen Baus.

Oben: Regelgeschoss, unten: Turnhallengeschoss. Plan © werk1 architekten und planer ag, Olten

Oben: Regelgeschoss, unten: Turnhallengeschoss. Plan © werk1 architekten und planer ag, Olten

Querschnitt durch Schulgebäude und Turnhalle. Plan © werk1 architekten und planer ag, Olten

Querschnitt durch Schulgebäude und Turnhalle. Plan © werk1 architekten und planer ag, Olten

Oben: Ostfassade, unten: Westfassade. Plan © werk1 architekten und planer ag, Olten

Oben: Ostfassade, unten: Westfassade. Plan © werk1 architekten und planer ag, Olten

Während der Neubau in die Höhe wuchs, sind die alten Gebäude renoviert worden. Als neue Verschalung wurden horizontale Platten gewählt. Die nötige zusätzliche Wärmedämmung findet darunter bestimmt genug Platz, die Leichtigkeit der 60er-Jahre-Schulbauten ging damit aber verloren. Der im Vergleich dazu vor dem Umbau etwas nervöse polygonale Anbau von 1993 kommt nun fast etwas authentischer daher. Bei aller Stilkritik darf aber nicht vergessen werden, dass mit dem Erhalt von fast allen Altbauten eine Menge Energie eingespart werden konnte. Andererseits dürften die vielen Sichtbetonoberflächen des Neubaus diese Einsparungen mit Leichtigkeit eliminieren. Vor diesem Hintergrund und trotz aller Liebe zum Beton und dessen langlebigen und strapazierfähigen Oberfläche, muss die Frage nach dem Warum der Materialwahl gestellt werden. Dass diese Themen vor zwanzig Jahren schon diskutiert wurden, scheint allerdings aber eher unwahrscheinlich.

Text & Filmaufnahmen: Simon Heiniger / Architektur Basel


Sekundarschule Waldenburgertal, Schulhaus Dorfmatt
Adresse: Breitenweg 5, 4436 Oberdorf
Architektur Neubau: werk 1 architekten und planer ag, Olten
Architektur Renovation: Schwob, Sutter, Architekten, Liestal
Erstes Schulhaus an diesem Standort: 1960
Erweiterung durch Pavillon: 1970
Erweiterung durch Anbau: 1993
Projektwettbewerb: 1999
Projektierung: 2005-2007
Neubau und Renovation: 2007-2008/09
Funktion: Schulbau mit 3-fach-Turnhalle


Quellen:
– Fotos: © René Rötheli, Baden
– Pläne: © werk 1 architekten und planer ag, Olten

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