Wettbewerb Felix Platter-Areal: Die Projekte im Überblick

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Nachdem wir vergangene Woche das Siegerprojekt von Enzmann Fischer vorgestellt haben, wollen wir einen vertieften Blick auf die weiteren Beiträge des städtebaulichen Wettbewerbs für das Westfeld (ehemals Felix Platter-Areal) werfen. Programmatisch steht die Schaffung von bezahlbarem, gemeinschaftsorientiertem Wohnraum in Form von Neubauten (rund 370 Wohnungen) und als Umnutzung im alten Spitalgebäude (rund 130 Wohnungen) im Vordergrund. Vorgesehen ist ein breiter Mix an Wohnungsgrössen und Wohnformen, mit einem besonderen Augenmerk auf familien- und altersgerechtem Wohnraum. Die eierlegende Wollmilchsau? Nur wer sich ambitionierte Ziele setzt, wird neue Lösungen in der Wohnungsfrage finden.

Kommen wir zum Wettbewerb. Aus insgesamt 61 Bewerbungen wurden von den Organisatoren sieben Teams ausgewählt – darunter mit der Arbeitsgemeinschaft Lukas Baumann und Scheibler & Villard aus Basel auch ein Nachwuchsbüro. Auf drei Hauptfragen sollten die Teilnehmer Antworten finden: 1. Wie könnte unter Miteinbezug bestehender Gebäude ein städtebauliches Areal-Regelwerk formuliert werden? 2. Wie funktioniert das Haus für LeNa (lebenswerte Nachbarschaften) und der zentrale Baustein Mitte? 3. Wie sieht ein sinnvolles Frei- und Grünraumkonzept für das gesamte Areal aus? Dabei stand der Wunsch nach Klarheit, namentlich einem „klar lesbaren“ Stadtquartier, das sich mit dem Hegenheimquartier „verzahnt“, im Vordergrund.

Felicittà – Lukas Baumann und Scheibler & Villard, Basel


Der Beitrag von Lukas Baumann und Scheibler & Villard etabliert als zentrales städtebauliches Element eine „Flaniergasse“ als öffentliche „Lebensader“ des neuen Quartiers. Das Ziel besteht darin, mit klar gesetzten öffentlichen Räumen das Areal zu strukturieren. Das von den Architekten propagierte „Prinzip der Umkehrung einer Blockrandstruktur“ scheint dabei etwas schwammig: Das Projekt kombiniert öffentliche Erschliessungsräume mit halböffentlichen Wohnhöfen in Kammform. Daraus resultiert ein komplexes städtebauliches Gefüge, wobei sich dem Betrachter der Bezug zur Blockrandbebauung nur bedingt erschliesst. Punkto Wohnungen wird das Glück in „stabilen Wohnstrukturen“ gesucht. Diese sollen differenzierte und komplexe räumliche Zusammenhänge ermöglichen. Die beiden bestehenden Personalhäuer werden geschickt in den Entwurf integriert. Die Jury zweifelte jedoch an der „Wohnqualität, beispielsweise beim dicht komponierten, kammartigen Gebäude entlang der Ensisheimerstrasse.“ Die Belichtung der Wohnungen sei problematisch, heisst es im Jurybericht.

Silex – Bachelard Wagner und Reuter Architekten, Basel


Die städtebauliche Komposition setzt sich hier aus drei Bauten zusammen: „Haus-I, Haus-S und Haus-U“ Die Buchstaben bezeichnen dabei die jeweilige Form der Häuser. Ziel der Architekten war eine „robuste Setzung“, die ein stabiles Fundament für die weitere Entwicklung legt. Die präsentierten Grundrisse hatten wenig verbindlichen Charakter. Sie seien „als eine exemplarische Möglichkeit einer Grundrissgestaltung“ zu verstehen. „Variabilität“ und „Flexibilität“ wurden von den Architekten als Zauberwörter propagiert: „Die Variabilität führt zu einer vielfältigen Bewohnerschaft, während die Flexibilität die Möglichkeiten der Anpassungsfähigkeit der Struktur an veränderte Bedürfnisse beschreibt.“ Wie einfach das Leben doch sein kann – oder besser: könnte. Die Jury kritisierte den Mangel einer klaren Haltung zum Ort. Es gelinge dem Projekt zu wenig, „eine ortsspezifische und damit auch unverwechselbare urbane Identität zu schaffen.“ Dafür wurden umso mehr Potentiale und Möglichkeiten aufgezeigt.

Im Platti – Buchner Bründler Architekten, Basel


Der radikalste Wettbewerbsbeitrag stammt aus der Feder von Buchner Bründler Architekten: Laubengang lautet ihr Zauberwort. „Die Stadt ist offen und belebt, denn kein Laubenhaus ist hier allein. Die Vision führt zu einer neuartigen Stadtstruktur“, schreiben die Architekten voller Optimismus und Pioniergeist. Der Laubengang als halböffentlicher Ort der Kommunikation und Bewegung soll den Dialog und die Gemeinschaft fördern. Die Laube sei zugleich Vordach, Veranda, Vorhalle, Terrasse und erweitertes Wohnzimmer. „Im Sommer Campieren oder lieber im Winter Iglus bauen?“, fragen Buchner Bründler die künftigen Bewohner rhetorisch. Der Entwurf lässt nicht nur beim Namen („Im Platti“) den feinen Humor der Verfasser erahnen: Mit Augenzwinkern an alle Gentrifizierer und deren Gegner versprechen sie „Latte Macchiato Kultur vom Feinsten.“ Die Jury liess sich weder vom Humor anstecken, noch vom radikalen Projekt überzeugen. Die Erschliessung der grossen Gebäudevolumen werfe die Frage auf, ob die angestrebte soziale Durchmischung erreicht werden kann. Und noch schlimmer: Ob sie überhaupt nachhaltig sei? Wir finden: Aber sicher doch! Und konstatieren einen Mangel an Begeisterungsfähigkeit seitens der Jury.

Im Glück – Gmür & Geschwentner, Jakob Steib und Helle Architektur, Zürich


Die Zürcher Architektengemeinschaft sucht ihr Glück in der Zweiteilung des Perimeters. Gegen Osten wird ein dichtes Gebäudeensemble vorgeschlagen, das drei Höfe umfasst. Gegen Westen und den Spital-Neubau wird wortwörtlich ein Riegel geschoben, der den „Boulevard“ als Haupterschliessung und urbane Achse des Quartiers akzentuiert. Punkto Regelwerk wird gefordert, dass die Fassaden wenn immer möglich begrünt werden sollen – und der Sockelbereich eine Mindesthöhe von 3.50 aufweisen und möglichst transparent ausgebildet sein soll. Alle im Glück? Die Vorstellung vom Wohnen im Glück geht bis zur künftigen eMail-Adresse. „Jede Bewohnerin, jeder Bewohner, jedes Unternehmen, jeder Gewerbetreibende auf dem Areal erhält einen entsprechenden Mailaccount. So heisst die Mailadresse von Hans Muster: hans@imglück.ch“, schreiben die Architekten. Insgeheim fragt man sich, ob sie sich nicht besser auf ihre Kernaufgabe nämlich den Entwurf eines zukunftsweisenden Stadtquartiers konzentriert hätten. Auf einen Drink in der neuen Bar „Café du Bonheur“! Die Jury liess sich von den Glücksgefühlen der Architekten nur bedingt anstecken. Sie lobt zwar die hohe Qualität des Städtebaus und den grossen Wohnungsmix, gleichzeitig wird der lange Gebäudekörper als trennendes Element vehement kritisiert.

Felix Platter-Areal – Stump & Schibli und Müller & Nägelin, Basel


Fünf prägnant geformte Baukörper bilden den Städtebau des Beitrags von Stump & Schibli mit Müller & Nägelin. Den Bauten gelingt kein überzeugender Dialog – weder untereinander, noch mit den bestehenden Bauten auf dem Areal und dem angrenzenden Quartier. Die Jury kritisiert denn auch das Fehlen einer „kraftvollen Gesamtidentität.“ Einzelne Plätze und räumliche Sequenzen wissen dabei durchaus zu überzeugen. Die Architekten suchten die schwierige Synthese von „Grossmassstäblichem“ und „Kleinkörnigen.“ Daraus resultiert die etwas vage Vorstellung von fünf „Schollen“ die auf dem Westfeld umhertreiben. Sie sollen gemäss Architekten „Garant dafür sein, dass sich das Leben auch mit Menschen aus anderen Quartieren vermischt und keinerlei Gettoisierung einschleicht.“ Bei den voraussichtlichen Mietpreisen auf dem Areal ist der Gedanke an Ghettoisierung befremdlich. Immerhin werden für das genossenschaftlich-gemeinschaftliche Wohnen qualitätsvolle typologische Vorschläge präsentiert.

Felix Platter-Viertel – Van de Wetering Atelier für Städtebau, Zürich


Die Zürcher Architekten stellen den bestehenden Spitalbau ins Zentrum ihrer städtebaulichen Überlegungen: Als „Vertical City“ soll er zum Zentrum und Anziehungspunkt des Quartiers werden. Die ergänzenden Neubauten werden als Teil der umgebenden „Horizontal City“ verstanden. Die angrenzenden Strassen werden ins Areal hinein fortgeführt. Damit wird eine maximale städtebauliche Verknüpfung mit dem Kontext erreicht. Der bestehende Spitalbau wird in seiner Erscheinung als Solitär gestärkt. Die Neubauten bestehen aus drei geschlossenen Hofbauten mit gemeinschaftlichen Gärten und einem zentralen Punktbau, der „Casa Comunale“, die insbesondre gemeinschaftliche Nutzungen aufnehmen soll. Der Vorschlag ist zwar gut durchdacht und sorgfältig ausgearbeitet, dennoch vermisst man die zündende Idee – oder eine Identität stiftende Geschichte.

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