„Wie ein Meteorit“ – Bücheli-Center Liestal | Baselbieter Baukultur #42

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«Herzlich willkommen im modernsten Shopping-Center der Nordwestschweiz» – damit begrüsst uns das Bücheli-Center in Liestal auf seiner Website. Es folgt Werbung für Haarwuchsmittel und Schoggihasen. Vorbei der Winter, bald ist Ostern. Auch Liestal selbst erlebte in den letzten Jahren einen Frühling. Nach und nach wurde die Altstadt und die angrenzenden Bereiche zur Begegnungszone. Der augenfällige Bau der Basler Architekten Daniel Buchner und Andreas Bründler steht sinnbildlich für diesen Prozess.

Wie ein abgestürzter Meteorit aus Beton und Glas liegt das Bücheli-Center im Graben zwischen Altstadt und Kaserne. Im alten Stadtgraben notabene. 1770 wurde dieser zwar aufgefüllt, noch immer aber fühlt sich die vom Törli abfallende Büchelistrasse etwas eingezwängt zwischen den kleinteiligen Gebäuden der ehemaligen Stadtmauer und Vorstadt und der flächigen, grossformatigen Kaserne gegenüber „ausserhalb der Stadt“ von 1862. Die Entscheidung, an die Stelle des nachmaligen Einkaufszentrums ein grosses Parkhaus zu bauen, dürfte aus heutiger Sicht dem Zeitgeist von damals entsprechen. Das Auto war wohl das Fortbewegungsmittel der Stunde.

Reibung zwischen Altstadt und Neubau, Bücheli-Center, Liestal © Architektur Basel

Reibung zwischen Altstadt und Neubau, Bücheli-Center, Liestal © Architektur Basel

Diesen Bruch merken denn auch die Autorinnen und Verfasser des «ISOS Liestal», des Bundesinventars der schützenswerten Ortsbilder der Schweiz von nationaler Bedeutung. Das Parkhaus sei «zu grossvolumig in der Nähe der Altstadt»; Prädikat „störend“. Die Büchelistrasse selbst als Zubringer des Parkhauses und direkte Verbindung zwischen Wasserturm- und Gestadeckplatz war stark befahren. Wer in die Manor in der Altstadt einkaufen ging, parkierte mit grosser Wahrscheinlichkeit im Bücheli. Es ist wohl die Ironie des Schicksals, dass 2013 nun ebendiese Manor in den Neubau auf der Parzelle des ehemaligen Parkhauses zog.

Neubau neben Kaserne, Bücheli-Center, Liestal © Architektur Basel

Neubau neben Kaserne, Bücheli-Center, Liestal © Architektur Basel

Die Entwicklung zur Begegnungszone wurde im Verkehrskonzept 2005 definiert und bewegt sich somit im Rahmen des Richtplanes 1995. Das Konzept beschreibt die «Korrektion der Büchelistrasse zur Begegnungszone», sowie die «Korrektion der Verkehrsachse Bahnhofsstrasse Poststrasse Wasserturmplatz» zur 20er-Zone im Einbahnverkehr. Beste Voraussetzungen also für ein Einkaufszentrum vor den Toren der Stadt. Zwar gab es immer wieder kritische Stimmen, die den baldigen Tod des Liestaler Dienstleistungsgewerbes im Innenstadtbereich voraussagten, schlussendlich aber dürfte sich die Situation entschärft haben. Nicht zuletzt durch verschiedene gezielte Eingriffe. So wurden mehrere Fussgängerpassagen zwischen Altstadt und Vorstadt via Kanonengasse unter der ehemaligen Stadtmauer hindurch geschaffen.

Vorfabrizierte Fassadenelemente, Bücheli-Center, Liestal © Architektur Basel

Vorfabrizierte Fassadenelemente, Bücheli-Center, Liestal © Architektur Basel

Dass das Bücheli-Center wichtig für Liestal sein dürfte, davon war selbst die NZZ überzeugt und meinte 2013, das Gebäude wirke zwar etwas kalt und anonym, schaffe aber einen wichtigen Platz. Tatsächlich biedert sich der geknickte Bau weder an die Altstadt noch an die Vorstadt oder an die Kaserne an. Wie ein Fels in der Brandung – oder eben ein versehentlich gelandeter Himmelskörper – grenzt sich die Fassade aus unterschiedlich breiten vorgehängten vertikalen Betonelementen und grossflächigen zusammenhängenden Fenstern von seinem Umfeld ab. Es scheint fast zufällig, dass das Ding im Lot in den Boden gespitzt wurde. Die NZZ nennt denn auch gleich die 2005 umgebaute Kantonsbibliothek von LiechtiGrafZumsteg am Bahnhof als gelungeneres Beispiel. Die NZZ übersieht dabei wohl, dass es sich um zwei verschiedene Bauaufgaben mit anderen Voraussetzungen handelt. Wie würde ihre Analyse des Bahnhofs wohl heute ausfallen – am Vorabend des Neubaus mit Hochhaus? Die Fachjury beider Basel schien die kontroverse Diskussion um das Bücheli nicht zu kümmern – sie jedenfalls verlieh dem Bau die «Auszeichnung guter Bauten 2013», ebenso wurde das Projekt mit dem Architekturpreis Beton 2013 ausgezeichnet.

Werbung – wo bleibt das Gebäude?, Bücheli-Center, Liestal © Architektur Basel

Werbung – wo bleibt das Gebäude?, Bücheli-Center, Liestal © Architektur Basel

Ganz ohne Autos kommt das Gebäude dann doch nicht aus. In den Untergeschossen werden 300 Parkplätze angeboten. Offenbar ist ein Parkplatz in der Stadt noch immer ein wichtiges Bedürfnis. Mit der neuen Begegnungszone dürften viele Kunden der 9 Ladengeschäfte auf drei oberirdischen und einem unterirdischen Geschoss jedoch zu Fuss anreisen. Das Gebäude ist für die Zukunft gewappnet; man ist flexibel – der Innenraum ist unverstellt, Fluchtwege, Aufzüge und Nebenräume rücken an die Fassade. Ohnehin fordert ein Einkaufszentrum aus Effizienzgründen die Nutzung der Fassade, die somit aussen geschlossen erscheint. Die unterschiedlichen Betonrippen allerdings eignen sich gut dazu. Es bleibt also noch die Frage der Aussenwerbung. Konnte das Gebäude vor Fertigstellung mit seiner Zurückhaltung und Ungebundenheit im Stadtgraben überzeugen, so wirkt es heute wie eine schlechte Wundertüte. Überformt mit viel zu grossen Leuchtreklamen in allen Farben, «Sale» und «50%»-Klebern vollflächig auf den Scheiben. Aus wirtschaftlicher Sicht kann man dafür niemanden verurteilen, die architektonische Betrachtung könnte zum Schluss aber positiver ausfallen. Ob das Bücheli nun – wie die Website es propagiert – das «modernste» Center in der Region ist, sei dahingestellt, die Werbung für Osterhasen und Haarwuchsmittel ist dann doch gleich viel interessanter. Einen frohen Einkauf allemal!

Text: Simon Heiniger / Architektur Basel


Einkaufszentrum Bücheli
Funktion: Dienstleistung / Shopping
Adresse: Obergestadeck, Büchelistrasse 10, 4410 Liestal
Baujahr: 2013
Architektur: Buchner Bründler Architekten AG


Fotos:
– Simon Heiniger / Architektur Basel
Quellen:
– Hochbauamt Kanton Basel-Landschaft, Hochbauamt Kanton Basel-Stadt (2013), Auszeichnung Guter Bauten 2013, Bau- und Umweltschutzdirektion Kanton Basellandschaft, Bau und Verkehrsdepartement Basel-Stadt, Liestal und Basel, (keine ISBN vorhanden).
– Heusser Sibylle, Büro für das ISOS (2008), ISOS Liestal, Bundesamt für Kultur BAK, Sektion Heimatschutz und Denkmalpflege, (keine ISBN vorhanden).
– NZZ-Artikel «Die Stadt weiterbauen» zum Neubau vom 10.10.2013

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