«Also ich hätte die Fassade ja gestrichen…» – Das waren die Schlusskritiken

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Im dritten Geschoss am FHNW-Campus in Muttenz ist einiges los. Im Ostflügel türmen sich eine ganze Menge Modelle, vor Stellwänden wird präsentiert und über grossen Stadtmodellen diskutiert. Es ist Schlusskritik am Institut Architektur und wir haben für euch vorbeigeschaut!

Die Tage der Schlusskritik sind gekommen. Los gehts! © Institut Architektur, FHNW

Die Tage der Schlusskritik sind gekommen. Los gehts! © Institut Architektur, FHNW

Vom Kubuk aus sind die Muttenzer Wartenberg-Ruinen, mit denen sich die Studierenden aus dem ersten Bachelor-Jahreskurs in den letzten Wochen und Monaten beschäftigt haben, knapp zu sehen. Gesucht ist für jede der drei Ruinen eine Struktur, die Mensch und Tier Schutz bietet. Die Dozierenden schauen abwechselnd auf Pläne und Modelle und fragen Dinge wie: «Auf den Plänen ist die Struktur sehr dünn gezeichnet, im Modell vermutlich viel zu stark gebaut. Warum die Differenz?»

Gesucht: Eine Struktur für eine der drei Wartenberg-Ruinen © Simon Heiniger / Architektur Basel

Gesucht: Eine Struktur für eine der drei Wartenberg-Ruinen © Simon Heiniger / Architektur Basel

Auch mal den Präsentationen in der Nachbarskoje zu lauschen lohnt sich © Simon Heiniger / Architektur Basel

Auch mal den Präsentationen in der Nachbarskoje zu lauschen lohnt sich © Simon Heiniger / Architektur Basel

Ein grosses Landschaftsmodell zeigt die Ausgangslage © Simon Heiniger / Architektur Basel

Ein grosses Landschaftsmodell zeigt die Ausgangslage © Simon Heiniger / Architektur Basel

 

Handarbeit, Handarbeit, Handarbeit... © Simon Heiniger / Architektur Basel

Handarbeit, Handarbeit, Handarbeit… © Simon Heiniger / Architektur Basel

Fast etwas poetisch, das Wartenberg'sche Strandhaus...© Simon Heiniger / Architektur Basel

Fast etwas poetisch, das Wartenberg’sche Strandhaus…© Simon Heiniger / Architektur Basel

Es fallen Themen wie Lebenszyklus, Rohstoffgewinnung oder Ressourcenknappheit. Der Studierende erklärt den Anwesenden: «Das verwendete Holz ist das stärkste nichttropische Gehölz.» Bei Gedanken zur Wiederverwendbarkeit und Nachhaltigkeit bleibt es aber nicht – es wird auch über Raum und Architektur diskutiert: «Dein Projekt hat eher temporären Charakter. Ist das gewollt?» oder «Warum ist dieser Pfahl derart spitz. Das wirkt so… aggressiv?»

«Das wirkt so… aggressiv?»

Es ist das erste Semester der angehenden Architektinnen und Architekten. Dennoch wird bereits auf hohem Niveau diskutiert: «Ich weiss nicht, ob das gewählte statische System mit deinem architektonischen Konzept einhergeht…» wird beispielsweise moniert. Die Studierenden verteidigen ihre Projekte, der Gast bringt weitere Argumente ein, die Dozentin fragt nochmals nach. So machts Spass! Ein Applaus darf nicht fehlen. Wir gehen eine Koje weiter.

Einer der vier baumbestandenen Gärten © Simon Heiniger / Architektur Basel

Einer der vier baumbestandenen Gärten © Simon Heiniger / Architektur Basel

Vom Wartenberg gehts zurück in die Stadt. Ein emeritierter Architekturdozent sucht hier nach einer architektonisch ausgereiften Bleibe für sich und seine Familie. Als Grundlage dienen vier Basler Gärten. Zur Diskussion steht ein zweigeschossiger, äusserlich symmetrisch anmutender Entwurf.

«Wenn ein Gebäude äusserlich derart streng daherkommt, dann versteht es auch im Inneren keinen Spass.»

Der heute noch nicht emeritierte Professor schaut zu den Fenstern in den Innenraum hinein und meint: «Wenn ein Gebäude äusserlich derart streng daherkommt, dann versteht es auch im Inneren keinen Spass.» Aber offenbar geht es innendrin doch etwas allzu spassig zu und her.

Kritische Blicke: Ist das Haus richtig ausgerichtet? © Simon Heiniger / Architektur Basel

Kritische Blicke: Ist das Haus richtig ausgerichtet? © Simon Heiniger / Architektur Basel

Die Pfeiler geben zu reden... © Simon Heiniger / Architektur Basel

Die Pfeiler geben zu reden… © Simon Heiniger / Architektur Basel

Dann kommt die heitere Runde auf die Hauptfassade mit den vier grossen Stützen zu sprechen. Den einen gefällt die Idee, andere sehen darin einen Verschnitt zwischen der barocken Grundanlage und einer neoklassizistischen Formensprache. «Vielleicht sollte man das Haus einfach um hundertachtzig Grad drehen, was meinst du?», meint jemand, «funktioniert sowas in Realität überhaupt – oder nicht doch nur im zweiten Jahreskurs?» Die Frage bleibt offen.

Ein fast schwebende Blechkiste mit grandiose Wendeltreppe © Architektur Basel

An Details kaum zu überbieten... © Simon Heiniger / Architektur Basel

An Details kaum zu überbieten… © Simon Heiniger / Architektur Basel

Die einen oder anderen Studierenden müssen aber auch harsche Kritik einstecken. Was man von Abschlusspräsentationen in anderen Studiengängen eher weniger kennt, gehört im Architekturstudium durchaus dazu. Sei es eine Grafik, die nicht überzeugt – oder die Plandarstellung. «Du hast uns kein einziges stichhaltiges Argument genannt, was deinen Entwurf ausmacht. Ich sag dir jetzt, was ich eigentlich hätte hören wollen…» meint etwa jemand.

«Ich sag dir jetzt, was ich eigentlich hätte hören wollen…»

Gegen Ende einer Diskussion kritisiert jemand: «Dein Projekt ist toll, aber die Präsentation war mitunter etwas vom langweiligsten, was ich heute gehört habe…». Im ersten Moment eine Klatsche, aber mit etwas Abstand lacht man darüber. In den allermeisten Fällen ist eine solche Kritik gerechtfertigt. Und zum Lernen ist die Ausbildung ja auch da!

«Schlusskritiken sind Fachgespräche unter Fachleuten» – und da darf und muss auch kritisiert werden... © Institut Architektur, FHNW

«Schlusskritiken sind Fachgespräche unter Fachleuten» – und da darf und muss auch kritisiert werden… © Institut Architektur, FHNW

Wie dicht darf ein Hochhausquartier sein? Mit dieser Frage haben sich die Studierenden im dritten Bachelor-Jahreskurs beschäftigt. Es wird darüber diskutiert, welcher Nutzungsmix am Beispiel des Rosentalquartiers für ein Hochhaus denn am besten funktionieren könnte und nicht zuletzt über Grundsätzliches: Sind Hochhäuser aus ökologischer Sicht überhaupt nachhaltig? Vor allem geht es aber um die Form:

«Mich beschäftigt bei Hochhäusern immer, wie sie am Boden ankommen…»

erklärt Gastkritiker Stefan Marbach von Herzog & de Meuron einem Studenten. Der Sockel sei nicht gut austariert. Es fehle ihm die stadträumliche Verortung. Das Thema «Hochhaus plus» ist in Basel hingegen bestens verortet. Man denke an die vielen geplanten Türme. Nicht nur im Rosental, auch im Klybeck oder dem Dreispitz. Die erworbene Expertise dürfte den Studierenden bei der Jobsuche hilfreich sein.

Die Hochhäuser: Auch als Modelle fast grösser als alles andere © Institut Architektur, FHNW

Die Hochhäuser: Auch als Modelle fast grösser als alles andere © Institut Architektur, FHNW

Reges Interesse an den Kritiken zu den Entwürfen im Rosental-Quartier © Institut Architektur, FHNW

Reges Interesse an den Kritiken zu den Entwürfen im Rosental-Quartier © Institut Architektur, FHNW

«Die Idee ist, die im Dreispitz vorgefundenen Perrons für das Projekt zu übernehmen», erklärt die Masterstudentin eine Koje weiter und ergänzt: «Es findet so eine einfache Trennung zwischen halbprivaten und öffentlichen Aussenräumen statt.» Die Dozierenden und Gäste gehen um das grosse Stadtmodell herum, betrachten die Stassenfluchten und schürzen die Lippen – oder nicken interessiert. Auch hier ist man sich selten einig.

«Das Fahrrad ist das Fortbewegungsmittel der Wahl.»

«Warum wird die eine Erdgeschosshälfte komplett für Fahrradstellplätze genutzt?» will jemand wissen. «Das Fahrrad ist das Fortbewegungsmittel der Wahl. Sie sollen zentral erreichbar sein.» «Es gibt absichtlich keinen Keller dort», ergänzt jemand.

Es wird am Plan diskutiert... © Simon Heiniger / Architektur Basel

Es wird am Plan diskutiert… © Simon Heiniger / Architektur Basel

... und sogleich am Modell überprüft © Simon Heiniger / Architektur Basel

… und sogleich am Modell überprüft © Simon Heiniger / Architektur Basel

Die Anwesenden an der Masterkritik diskutieren über Mindestabstände zwischen den einzelnen Gebäudeteilen: «Ich bin mit zwölf Metern Abstand zum Wohnzimmer meiner Nachbarn aufgewachsen», wirft jemand ein. «Aber das war schon grenzwertig.» «Andererseits ist es aber genau das, was wir hier suchen: Wie muss das Ganze entworfen sein, damit es eben funktioniert…» meint wer anderes.

«Also ich hätte die Fassade ja gestrichen…»

Der Dozierende schaut sich das Modell lange an und fragt aus heiterem Himmel: «Sag mal, das hat jetzt nichts mit den Nachbarn zu tun, aber wie stellst du dir die Fassade vor?» «Nature?» kommt als Antwort. «Also ich hätte sie gestrichen», meint der Dozierende. Alle lachen. Schlusskritiken sind manchmal hart, manchmal ernst, ja manchmal auch etwas deprimierend – aber sie sind auch immer wieder lustig. Kritik auf hohem Niveau…

Zwischen den Präsentationen werden die Einsatzmodelle jeweils ausgewechselt © Simon Heiniger / Architektur Basel

Zwischen den Präsentationen werden die Einsatzmodelle jeweils ausgewechselt © Simon Heiniger / Architektur Basel

Die Studierenden im Masterstudiengang haben schon einige Schlusskritiken hinter sich © Simon Heiniger / Architektur Basel

Die Studierenden im Masterstudiengang haben schon einige Schlusskritiken hinter sich © Simon Heiniger / Architektur Basel

Ein anderes Projekt ist der debattierfreudigen Runde dafür zu wenig dicht. Zumindest zu Beginn der Diskussion: «Der Kern muss dichter sein. Es gibt viel zu viele Aussenräume!» Kaum fertig argumentiert, wirft jemand anderes ein: «Also ich finde es grad richtig so, es muss doch nicht immer alles vollgebaut sein…» «Aber schau doch», meint die andere Person zurück: «Die Aussenräume konkurrenzieren sich doch gegenseitig. Sie verlieren die Wirkung.» Wieder gehen alle ums Modell und äugen hinein. Am Diskutieren jedenfalls verliert niemand die Lust.

Im Ostflügel des dritten Stocks herrscht heute reges Treiben © Simon Heiniger / Architektur Basel

Im Ostflügel des dritten Stocks herrscht heute reges Treiben © Simon Heiniger / Architektur Basel

Mit den beiden Tagen Schlusskritik endet das Semester. Aber nicht nur. Mit ihm tritt auch eine Legende ab: Professor Matthias Ackermann hat heuer nach langer Lehrtätigkeit seine letzten Kritiken als Dozent am Institut Architektur abgehalten. Ihm und seinem kleiderstilsicheren Auftreten haben sich alle – von den Studierenden über den Mittelbau bis hin zu den Dozierenden – extra für diese beiden Tage herausgeputzt und die schwarzen T-Shirts gegen Anzug und Krawatte getauscht. Und ja: Beim emeritierten Professor, der im zweiten Jahreskurs ein Haus gesucht hat, handelt es sich natürlich um Matthias Ackermann! Ob er eines gefunden hat, wissen wir nicht. Auch nicht, ob es dort ein extra Anzugzimmer gibt. So oder so wünschen wir Dir alles Gute für die Zukunft, lieber Matthias!

Auch heute in tadellosem Anzug (und Modell): Matthias Ackermann © Simon Heiniger / Architektur Basel

Auch heute in tadellosem Anzug (und Modell): Matthias Ackermann © Simon Heiniger / Architektur Basel

Kultstatus à la Che Guevara: Ackermann-Tags verzieren die Betonwände im Kubuk © Architektur Basel

Zu guter Letzt aber sollen nicht die Dozierenden im Vordergrund stehen, sondern die Studentinnen und Studenten mit ihren Projekten und Ideen, die sie in nächtelanger Arbeit zu Papier, auf die Beamerleinwand gebracht oder in Form von grossartigen Modellen dargestellt haben. Es macht immer wieder Freunde, zwecks Schlusskritiken an die FH zurückzukommen und Euren Präsentationen und den anschliessenden Gesprächen zuzuhören. Macht weiter so! Vielen Dank!

Text: Simon Heiniger / Architektur Basel

 

 

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