Interviews 05.06.25

© Kostas Maros

Andreas Fries: «Der historische Bau sollte als Ganzes spürbar bleiben.»

Man könnte ihn spektakulär nennen. Den Umbau des Trois Rois am Blumenrain. Der Umgang mit dem Bestand variiert je nach Situation: von der streng denkmalpflegerischen Restaurierung bis zur lustvoll opulenten Überformung. «Wie immer haben wir zunächst genau hingeschaut. Die präzise Analyse des  Bestandsgebäudes war die Grundlage», erklärt Architekt Andreas Fries im Interview mit Architektur Basel. Ein Gespräch über Sinnlichkeit, Denkmalpflege – und gesellschaftliche Relevanz.

«Man kann nicht einfach nur roten Samt verwenden und dann erwarten, dass dies allein Sinnlichkeit erzeugt.»

© Armin Schärer / Architektur Basel

Architektur Basel: Der Umbau des Kopfbaus am Blumenrain verbindet unterschiedliche architektonische Welten. Alle Sinne sollen angeregt werden. Wie erschafft man durch Architektur einen sinnlichen Reichtum? Andreas Fries: «Es ist wichtig, dass man sich nicht nur auf einen Aspekt fixiert. Man kann nicht einfach nur roten Samt verwenden und dann erwarten, dass dies allein Sinnlichkeit erzeugt. Für uns war insbesondere auch die räumliche Gestaltung, sprich jeder Raum für sich sowie die Beziehung der Räume untereinander, ausschlaggebend.  In der grossen Suite beispielsweise bestimmen die harmonischen Wellenbewegungen der Wände und Vorhänge, wie ich den Raum wahrnehme und wie ich mich im Raum bewege, und dies erzeugt sinnlichen Reichtum.» Die Sinnlichkeit hat in Deinem Verständnis also mit einer ganzheitlichen Raumerfahrung zu tun. «Ja, es geht um die  Materialwahl, aber  auch um die Raumkonfiguration und das Licht. In den Suiten arbeiten wir mit ganz unterschiedlichen Lichtquellen, um den Raum gezielt zu inszenieren»

© Kostas Maros

Wir sprechen über das Bauen im Bestand. Das historische Haus wurde grundlegend transformiert und überformt. Wie seid ihr im Entwurfsprozess vorgegangen? «Wie wir dies immer tun haben wir zunächst genau hingeschaut. Die präzise Analyse des  Bestandsgebäudes war die Grundlage. So fanden wir ein Erdgeschoss vor, das eine leergeräumte Schalterhalle von 1903 darstellte, darüber Geschosse, die 2004 mit Hotelzimmern im Stil des Nachbarbaus von 1844 ausgestattet wurden, und im Dachstuhl eine vor 20 Jahren eingebaute Luxussuite. Das Erdgeschoss war geprägt von den sechs steinernen Säulen, den grossen historischen Holzfenstern, den vertäfelten Wänden, der filigranen Stuckdecke und den festlichen Kronleuchtern. Alles in allem also bereits eine reichhaltige Ausgangslage, die wir mit wenigen gezielten Eingriffen in ihrer Wirkung noch verstärken wollten: Es gab bereits Kronleuchter; und nun gibt es noch viel mehr davon. Es gab bereits eine Repetition von Fenstern, Säulen und Deckenkassetten; und durch die Einführung von spiegelnden Flächen an den Wänden und der Decke werden diese nun ins unendliche multipliziert.»

© Jakob Hentschel / Herzog & de Meuron

Die Verstärkung des Vorhandenen ist eine spannende Strategie des Weiterbauens. Anders verhält es sich im Dachstuhl. Dort findet man sich völlig überraschend in einer japanischen Wellnesswelt wieder. Wie kam es dazu? «Hier haben wir die Einbauten der Suite entfernt, und übrig blieb ein wunderschöner Dachstuhl voller Holzbalken. Oben, unten, links, rechts, hinten und vorne. Kombiniert mit der Idee einer Wellnesswelt drängte sich eine Anlehnung an Referenzen aus der traditionellen japanischen Architektur quasi auf.»

«Für die grosse Suite des Rois fanden wir in den Archiven historische Pläne der ehemaligen Wohnung des Bankdirektors. Wir haben deren räumliche Konzeption einer zentralen Halle aufgenommen.»

Wir sitzen hier in der neuen Suite des Rois. Welche architektonische Referenz wohnt den Suiten inne? «Hier bot das Vorgefundene für uns wenig Referenzen, auf denen wir hätten weiterbauen können. Für die grosse Suite des Rois fanden wir in den Archiven aber historische Pläne der ehemaligen Wohnung des Bankdirektors  (Anm.: das Gebäude war ursprünglich einmal eine Bank), deren räumliche Konzeption einer zentralen Halle, die von einer Enfilade von Räumen entlang der Fassade umschlossen wir, wir aufgenommen haben. Und bei den vier Junior Suiten mussten wir eine Antwort auf die geringen Raumhöhe von nur 2.60 Metern finden. Unser Ziel war es, trotz dieser Einschränkung Grosszügigkeit zu schaffen. So sind die Suiten als ein grosser Raum konzipiert, der nur durch Vorhänge und Möbel unterteilt wird. Oder wir führten die Velours-Tapete nur bis etwa 40cm unter die Decke, was den Raum optisch höher wirken lässt. Diesen Effekt konnten wir mit spiegelnde Flächen an der Decke noch verstärken.»

© Herzog & de Meuron

Der Bestand hat auch in technischer Hinsicht vieles vorgegeben – allen voran die Frage der Erdbebensicherheit. Inwiefern war das beim Umbau eine Herausforderung? «Es handelt sich um einen stabilen, massiven Bau von 1903 mit dicken Wänden. Die grösste Herausforderung waren jedoch die Decken, die aus Stahlträgern mit dünnen vorgefertigten Betonelementen als Ausfachung bestanden. Diese Konstruktion war zu fragil, um den heutigen Lastanforderungen gerecht zu werden. Daher mussten wir sämtliche Decken verstärken.»

«Der historische Bau sollte als Ganzes spürbar bleiben, auch wenn die originale Bausubstanz im Innern grösstenteils nicht mehr vorhanden war.»

Das Haus ist denkmalgeschützt. Es galt also die richtige Balance zwischen Erhalt und Neuinterpretation zu wählen. Wie war der Austausch mit der Denkmalpflege? «Es war ein offener, konstruktiver Dialog. Es ist ja nicht so, dass die Denkmalpflege den Schutzstatus allein verhängt hätte, sondern dieser vor 20 Jahren getroffene Entscheid bestand auf einem gesellschaftlichen Konsens, dass dieses Haus schützenswert ist. Das Gebäude war also schon vor unserem Umbau ein eingetragenes Baudenkmal. Konkret mussten wir die Fassade, das Treppenhaus und im Ballsaal die Hauptelemente wie Stuckdecke und Säulen erhalten. Alle weiteren Umbauten haben wir mit der Denkmalpflege eng abgesprochen. Der historische Bau sollte als Ganzes spürbar bleiben, doch da die originale Bausubstanz von 1903 im Innern grösstenteils nicht mehr vorhanden war, bestand ein grosser Spielraum für die Neugestaltung.»

© Kostas Maros

Wir befinden uns hier in einem Luxushotel. Das schafft einen elitären Rahmen. Hat euer Umbau dennoch eine gesellschaftliche Relevanz? «Das Les Trois Rois ist ein Grand Hotel. Jetzt kann man sagen, dass dieses Haus nur etwas für wohlhabende Hotelgäste sei. Es war aber die Absicht, das Haus mit der Aktivierung des kompletten Erdgeschosses der breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Ja, es gibt das  Cheval Blanc, aber ich kann auch ein feines Sandwich im Bistro essen – oder man trifft sich im neuen Restaurant mit wunderschönem Blick auf die Schifflände, welches am 10, September eröffnet. Es entsteht so ein Gastro-Boulevard mit verschiedensten Angeboten, der sich über die gesamte Länge des Les Trois Rois zieht. Die neue Programmierung führt also zu einer weiteren Öffnung des Hauses. Darin sehen wir einen gesellschaftlichen Beitrag an die Stadt Basel.» Mir gefällt das Kunstwerk von Gerda Steiner und Jörg Lenzlinger besonders. Es hängt prominent über der Bar im neuen Restaurant Banks. In der ernsthaften Luxushotelatmosphäre hat es etwas Verspieltes, Subversives, Selbstironisches. Wie kam es zu zur Zusammenarbeit mit dem Künstlerduo? «Ursprünglich wollten wir über der zentralen Bar ein grosses Blumenbouquet installieren. Als wir dann berechneten, wie viele Tonnen Blumen dafür benötigt würden, war die Idee schnell vom Tisch. Aber das Konzept vom Bouquet hat uns nicht mehr losgelassen. Wir wünschten uns ein natürliches Element, das etwas Unerwartetes und Mystisches in den Raum bringt. Die Idee zur Zusammenarbeit mit Gerda Steiner und Jörg Lenzlinger, mit denen uns eine jahrzehntelange Freundschaft verbindet, kam von Jacques Herzog. Wir haben die beiden daraufhin eingeladen, und sie waren begeistert von der Aufgabe. Ich persönlich finde das Kunstwerk eine wunderbare Ergänzung. Der Raum nur mit den Kronleuchtern wäre vielleicht fast ein wenig zu formal. Das Zusammenspiel zwischen Kunstwerk und Kronleuchtern erzeugt jedoch einen unerwartet erfrischenden Moment.» Herzlichen Dank für das Interview.

Zur Person Andreas Fries ist Senior Partner bei Herzog & de Meuron. Er war für die Erweiterung des Stadtcasinos, den Helvetia Campus oder das Asklepios 8 in Basel verantwortlich. Darüber hinaus war er auch massgeblich an der Gestaltung des Weinguts Bélair-Monange in Saint-Émilion, Frankreich, und des SongEun Art Space in Seoul, Südkorea, beteiligt. Neben seiner Projektarbeit ist er Teil des Strategic Board von Herzog & de Meuron. Fries ist Mitglied des BSA. Aufgrund seiner Erfahrung im Umgang mit Baudenkmälern wurde er 2021 als Mitglied des Basler Denkmalrates nominiert. Er ist Mitglied des Stiftungsrats der Stiftung für Kunst und Design in Basel und des Beirats der Fondazione Canova ETS in Montecrestese. Seit 2021 unterrichtet Andreas an der YAC Academy in Bologna, Italien. Er schloss 2002 sein Studium an der ETH mit einem Master of Architecture ab und absolvierte Studienaufenthalte an der EPFL Lausanne und am Politecnico di Milano, Italien.