Die Bildung, das betont man in der Schweiz gerne, sei der einzige Rohstoff des Landes. Folglich stünden die „Bauten für die Bildung“ am Ursprung unseres Wohlstands. Das ist zwar etwas vereinfacht, jedoch auch nicht ganz falsch. Unter diesem Gesichtspunkt hat die Architektur der Schulhausbauten einen besonderen baukulturellen Stellenwert. Architekt Ernst Spycher zeigt mit dem Buch „Bauten für die Bildung“ die Entwicklung der Basler Schulhausbauten von 1845 bis 2015 im nationalen und internationalen Kontext auf.
Es ist ein eindrückliches Werk, das kürzlich im Schwabe Verlag erschienen ist: Nicht weniger als 451 Seiten und 533 Abbildungen umfasst es. Der von Autor und Architekt Ernst Spycher erarbeitete Katalog umfasst 73 Schulhausbauten in Basel. Die Recherche basiert auf seiner, an der Bauhaus-Universität in Weimar verfassten, Dissertation. „Von der Neugier getrieben, alle bestehenden Schulhausbauten im Kanton Basel-Stadt kennenzulernen, entstand vor einigen Jahren der Gedanke, einen Katalog der Basler Volksschulen, die seit der Mitte des 19. Jahrhunderts entstanden sind, zu erarbeiten“, beschreibt Spycher seine Motivation im Vorwort.

Eindrückliche „Skizzen zu Normalien für Primarschulgebäude“ © Schwabe Verlag
Tatsächlich zeugt das Buch von einer grossen Leidenschaft für die Architektur der Schulhausbauten. Es fragt sich, ob das Thema je mit solcher Akribie und einem Anspruch auf Vollständigkeit untersucht wurde. Umso bemerkenswerter die Leistung von Spycher. „Auf dem Weg zur Volksschule“, beginnt seine Recherche mit der historischen Entwicklung von der mittelalterlichen Klosterschule bis zur staatlichen Volksschule im 19. Jahrhundert. Im anschliessenden Kapitel „Entwicklung der Volksschule in Basel“ werden mitunter die sich verändernden gesetzlichen Rahmenbedingungen und Schulreformen diskutiert. Es folgt die Auseinandersetzung mit der Architektur der Schulbauten. Wie haben sich die politischen Vorgaben baulich manifestiert? In den 1880-Jahren gab das Basler Baudepartement beispielsweise „Skizzen zu Normalien für Primarschulgebäude“ heraus. Ein eindrücklicher Normkatalog zu Fragen der Schulhaus-Typologie über die optimale Bestuhlung bis zur Gestaltung des „Basler Pults“. Die Handschrift von Kantonsbaumeister und Architekt Heinrich Reese prägte die erste Epoche der Basler Schulhausbauten im 19. Jahrhundert.

„Chronologie der Grundrissformen von Schulhausbauten“ © Schwabe Verlag
Im Kapitel „Chronologie der Grundrissformen von Schulhausbauten“ liefert Spycher eine umfassende Analyse der typologischen Entwicklung im Schulhausbau. Die untersuchten Beispiele stammen dabei aus der ganzen Welt, von der Public School Nr. 17 in New York bis zum Gymnasium Christianeum in Hamburg von Arne Jacobsen, dazwischen streut der Autor geschickt exemplarische Basler Bauten, die damit in einen angeregten Dialog mit ihren internationalen Vorbildern treten. Es zeigt sich, dass die Basler Schulbauten stets vom Austausch mit internationalen Tendenzen profitiert haben. Als bemerkenswertes Beispiel kann das Bruderholzschulhaus von Hermann Baur genannt werden, die erste Pavillonschule der Schweiz. Der Architekt bezog sich dabei auf ähnliche Bauten in Frankreich, England und Deutschland.
Als Kern des Buchs kann der 73 Basler Schulhausbauten umfassende Katalog angesehen werden. Gegliedert in sechs Zeitabschnitte werden sämtliche Basler Schulhäuser, die zwischen 1845 und 2015 erbaut wurden, chronologisch aufgeführt. Zu Beginn des Kapitels liefert eine Stadtkarte die geografische Übersicht. Jeder Bau wir auf einer Doppelseite dokumentiert: Links ein Situationsplan, Eckdaten, Grundrisse und der Projektbeschrieb, rechts historische Fotos. Der Katalog ist ein übersichtliches und umfassendes Nachschlagwerk für alle, die sich jemals mit Basler Schulhausbauten befassen sollten.

«Bauten für die Bildung» von Ernst Spycher, 2018 © Schwabe Verlag
Bei aller Fülle an Informationen und bei allem Respekt für die dahinter steckende, immense Arbeit, gibt es auch ein paar Kritikpunkte. Angefangen beim Titelbild, das aus einer nicht besonders ansehnlichen Foto-Überlagerung von Schulhausbauten besteht. Hier hätte man sich etwas schlichteres, zeitloseres, wie zum Beispiel einen wertbeständigen Leineneinband, gewünscht. Allgemein ist die Bildqualität im Buch nicht immer von erster Güte. Einige Fotos sind etwas gar körnig. Schade ist zudem das Fehlen der Beurfsschulbauten, wie zum Beispiel der Allgemeinen Gewerbeschule, aber auch den neusten Bauten auf der Erlenmatt, Schoren und Sandgrube. Bei letzteren hat das Timing leider nicht ganz gepasst. Zum Glück hat die ebenfalls erst kürzlich erschienene Publikation „Neue Schulräume“ diese Lücke bereits geschlossen.
Aber lassen wir die Haare in der Suppe Haare sein. Die Arbeit von Autor Ernst Spycher ist auf verschiedenen Ebenen bemerkens- und bewundernswert. Seine Auseinandersetzung mit der Entwicklung von Schulhaus-Grundrissen im internationalen Kontext ist grossartig. Mit dem Katalog sämtlicher Basler Schulbauten hat Spycher zudem ein unverzichtbares Standardwerk geschaffen, das in keiner Basler Architekturbibliothek fehlen darf.
Text: Lukas Gruntz / Architektur Basel
Ernst Spycher
Bauten für die Bildung
Basler Schulhausbauten von 1845 bis 2015 im schweizerischen und internationalen Kontext
2018. 451 Seiten, 533 Abbildungen, davon 169 in Farbe, 27 Tabellen. Gebunden.
3 herausnehmbare Pläne.
sFr. 68.- / € (D) 68.-
ISBN 978-3-7965-3618-2
Schwabe Verlag, Basel, 2018.