Verdichtung via Ersatzneubau wird derzeit an vielen Ecken in Basel erprobt. So auch an der Leimenstrasse unweit der Basler Synagoge. Hier wurden nebeneinander zwei neue Mehrfamilienhäuser erstellt. Während sich der Sichtbetonneubau der Nummer 37 in edler Zurückhaltung übt, irritiert die Fassade von Nummer 39 bereits von Weitem. Drei markante Erker ragen in den Strassenraum und unterbrechen damit die Fassadenflucht der Häuserzeile. Man ist geneigt zu fragen: innovativer architektonischer Einfall oder ein Missverständnis?

Neubau Leimenstrasse 39 von Blaser Architekten © Architektur Basel
Der Erker hat als architektonisches Element eine lange Tradition. Seit der Spätgotik und der Renaissance diente der Stubenerker im Wohnhaus zur Erweiterung der Wohnfläche, zur besseren Belichtung der Räume und als künstlerisches Gliederungsmotiv der Fassade. In Basel können unzählige Erker bewundert werden. Insbesondere im Paulusquartier nehmen viele historisierende Fassaden das Motiv des Erkers auf und interpretieren ihn in unzähligen Variationen. Der Erker schafft „eine einzigartige Verbindung zwischen dem Leben innerhalb von Gebäuden und auf der Straße“, wie es Christopher Alexander in seiner „Mustersprache“ beschreibt.

Neubau Leimenstrasse 39 von Blaser Architekten © Architektur Basel
Wir nähern uns dem Haus an der Leimenstrasse. Blaser Architekten sind die Projektverfasser. Von einem „eleganten Neubau mit grosszügigen hellen Wohnflächen“ ist auf der Architektenwebseite die Rede. Das mag ja sein; aber irgendetwas an der Strassenfassade sorgt dennoch für Irritation. Der horizontal gerillte Putz dient als Hintergrund für die drei versetzen Erker der Obergeschosse, die sich leicht trapezförmig gegen aussen verjüngen. Den Abschluss bildet eine grosse raumhohe Festverglasung. Die unteren beiden Erker funktionieren zudem als Balkon mit minimalistischem Ganzglasgeländer für die jeweils darüberliegende Wohnung.

Neubau Leimenstrasse 39 von Blaser Architekten © Architektur Basel
„Ein Erkerfenster. Eine leichte Ausbuchtung an einem Ende des Zimmers, mit Fenstern rund herum. Es funktioniert als Platz am Fenster aufgrund des intensiveren Lichts, der Aussichten durch die Seitenfenster“, beschreibt Alexander die besondere Qualität des Erkers – und benennt damit implizit das Problem der Fenster an der Leimenstrasse 39. Ihnen fehlen die Fenster „rund herum“ und damit der „Ausblick durch die Seitenfenster“. Seitlich haben sie jeweils eine Lüftungsklappe, die jedoch nicht dem Ausblick dient.

Neubau Leimenstrasse 39 von Blaser Architekten © Architektur Basel
Die besondere Qualität des Erkers liegt darin, dass ein Sichtbezug in die Tiefe des Strassenraums geschaffen wird. Der öffentliche Raum kann so vom Innenraum aus in seiner ganzen Dimension erfasst werden. Diese entscheidende Qualität fehlt den Erkern an der Leimenstrasse – und erklärt wohl ein stückweit ihr irritierendes Aussehen. Sie ermöglichen lediglich, sich der gegenüberliegenden Strassenfassade einen Schritt zu nähern. Und so bedauert man den grossen Aufwand der hier für wenig räumlichen und architektonischen Ertrag betrieben wurde: Die statische Rückverankerung, die komplexe Dämmung der Seitenwände, die Abdichtung und Entwässerung der horizontalen Fläche sorgten zweifelsohne für einen planerischen Mehraufwand.

Eine kleine Auswahl historischer Erker im Paulusquartier © Architektur Basel
Ein Missverständnis? Eine nicht zu Ende gedachte und hinterfragte architektonische Idee? Man wünscht sich insgeheim, die Stadtbildkommission hätte in diesem Fall ein paar kritische Fragen mehr gestellt. Wenige Schritte weiter erreicht man die Pauluskirche. Das Erkerfenster wird in der Umgebung von den zahlreichen noblen Bürgerhäusern richtiggehend zelebriert. Ein schöner Anblick.
Text: Lukas Gruntz / Architektur Basel
Literatur:
– Alexander, Christopher: Eine Mustersprache: A pattern language, Wien, 1995.
– Theodor Schwarz; Cornelia Feyll; Friedrich Forssman: Wörterbuch der Architektur, Stuttgart, 2016.